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Hinterland Gericht befasst sich mit Schlägerei vor der Diskothek „Tal“
Landkreis Hinterland Gericht befasst sich mit Schlägerei vor der Diskothek „Tal“
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13:59 25.11.2021
Die römische Göttin der Gerechtigkeit Justitia hält eine Waage und ein Richtschwert in den Händen. Damit sie im Prozess um eine Schlägerei ein Urteil fällen kann, ist mindestens ein zweiter Prozesstag nötig. Themenfoto: Frank May
Die römische Göttin der Gerechtigkeit Justitia hält eine Waage und ein Richtschwert in den Händen. Damit sie im Prozess um eine Schlägerei ein Urteil fällen kann, ist mindestens ein zweiter Prozesstag nötig. Themenfoto: Frank May
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Lohra/Hinterland

Eigentlich sollte es für zahlreiche Jugendliche aus der Umgebung ein gemütlicher Abend werden in der Diskothek „Dancing Club Tal“ in Lohra. Die Disko feierte im November 2018 ihr 44-jähriges Bestehen. Also war damals Feiern angesagt.

Gegen Mitternacht wurde die Feierlaune jedoch abrupt beendet, nachdem ein damals 16-Jähriger vor der Diskothek zu Boden ging, auf die asphaltierte Straße vor der Diskothek und möglicherweise auch auf die Bordsteinkante fiel – wahrscheinlich hervorgerufen durch einen Schlag einer der beiden inzwischen 21-jährigen Männer, die sich gestern vor dem Amtsgerichts Marburg verantworten mussten.

Der geschädigte inzwischen 19-jährige Schüler aus dem Hinterland tritt als Nebenkläger auf. Gestern versuchte das Gericht unter Vorsitz von Richterin Maja Schlenzig herauszufinden, was sich vor drei Jahren im November 2018 tatsächlich abgespielt hatte. Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, waren elf Zeuginnen und Zeugen geladen. Mit im Gericht saß auch ein Mitarbeiter des Kreisjugendamts Marburg-Biedenkopf. Dies spricht dafür, dass im Falle einer Verurteilung noch geklärt werden muss, ob das Jugend- oder das Erwachsenenrecht angewandt wird.

Zeugen vernommen, Urteil bleibt vorerst aus

Insgesamt standen die Zeuginnen und Zeugen mehr als vier Stunden Rede und Antwort. Zu einem Urteil kam es gestern jedoch noch nicht. Was war geschehen in der besagten Novembernacht im Jahr 2018? Zunächst schilderte der Geschädigte seine Sichtweise: Er habe die Diskothek gegen 0 Uhr verlassen, um sich so langsam auf den Nachhauseweg zu machen. Draußen habe er einen handgreiflichen Streit mitbekommen, an dem aus seiner Sicht einer seiner Freunde und einer der Angeklagten beteiligt war.

Dabei soll einer der beiden Angeklagten seinen Freund auf die Brust geschlagen haben. Er sei daraufhin dazwischengegangen, um die beiden zu trennen. Auch der zweite Angeklagte sei hinzugekommen. Plötzlich habe er einen Schlag ins Gesicht abbekommen und sei zu Boden gefallen. Er sei einige Zeit bewusstlos gewesen. Freunde brachten ihn schließlich wieder zum Stehen und erzählten ihm später, was vorgefallen sei. Sie sagten ihm, dass der zweite Angeklagte ihn geschlagen hätte. Der Geschädigte selbst habe ab dem Zeitpunkt des Schlags keine Erinnerung mehr.

Erst am nächsten Morgen habe er festgestellt, dass er doch schlimmer am Kopf verletzt war und auf einem Ohr nichts mehr hörte. Er kam ins Krankenhaus. Dort sei eine Schädelfraktur diagnostiziert worden. Er habe eine Nacht auf der Intensivstation verbracht und weitere sechs Tage stationär. Das Hören sei nach mehreren Monaten etwas besser geworden. Das rechte Ohr sei aber unwiderruflich geschädigt. Er leide auch heute noch, drei Jahre nach dem Vorfall, unter Hörproblemen und psychischen Folgen, wie Beklemmungsgefühle bei größeren Menschenmengen, Herzrasen und Stress.

Zahlreiche Widersprüche

Die Verteidiger der beiden Angeklagten schilderten den Vorfall anders: Einer der beiden Angeklagten sei zuerst vom Geschädigten aufs Auge geschlagen worden und habe versucht, sich zu wehren. Der zweite Angeklagte sei hinzugekommen, um seinem Freund zu helfen. Daraufhin soll der Geschädigte erneut versucht haben zuzuschlagen.

Der zweite Angeklagte habe sich daraufhin gewehrt. Es tue seinem Mandanten leid, aber die Not seine Freundes habe ihn veranlasst zu helfen, sagte einer der Verteidiger. Für Richterin Schlenzig war es offensichtlich wichtig herauszufinden, wie viel Alkohol im Spiel war. „Stellen Sie sich eine Skala von 1 bis 10 vor. 1 bedeutet nüchtern, 10 sehr betrunken. Welche Zahl traf seinerzeit zu?“, fragte sie den Geschädigten und einige Zeuginnen und Zeugen. Die Antwort des Geschädigten lautet 2, die der Zeugen lag bei 6, 7 oder 8.

Das größere Problem gestern waren allerdings die Erinnerungslücken, die eine Vielzahl der Zeuginnen und Zeugen hatten. Verständlich: Schließlich liegen zwischen dem Vorfall und der gestrigen Verhandlung drei Jahre. Und einige Zeuginnen und Zeugen waren seinerzeit erst 16 Jahre alt. Dieses Problem deckten die beiden Verteidiger immer wieder mit gezielten Nachfragen auf. So gab es auch zahlreiche Widersprüche in Bezug auf die Aussagen seinerzeit gegenüber der Polizei und die Aussagen gestern im Amtsgericht.

Die Hauptverhandlung wurde gestern nach Beendigung der Zeugenbefragung unterbrochen und wird am Montag, 6. Dezember, 9 Uhr, fortgesetzt.

Von Michael E. Schmidt