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Hinterland Erneuter Prozess nach sechseinhalb Jahren
Landkreis Hinterland Erneuter Prozess nach sechseinhalb Jahren
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18:00 24.03.2022
In Marburg wird ein angeklagter Fall des sexuellen Missbrauchs eines Kindes neu aufgerollt.
In Marburg wird ein angeklagter Fall des sexuellen Missbrauchs eines Kindes neu aufgerollt. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Am Freitag beginnt vor dem Marburger Landgericht eine Verhandlung, bei der sich ein Mann aus einer Südkreisgemeinde erneut wegen des Vorwurfs der schweren sexuellen Misshandlung eines Kindes verantworten muss. Außerdem geht es um den Vorwurf, jemand anderen in drei Fällen durch exhibitionistische Handlungen belästigt zu haben.

Am Ende der über 14 Tage laufenden ersten Verhandlung, die mit Rügen-, Befangenheits- und Ausschlussanträgen „en masse“ für Marburger Verhältnisse ungewöhnlich verlief, fällte die Dritte Große Jugendkammer des Landgerichts unter dem Vorsitz von Richter Thomas Wolf ihr Urteil. Diese befand den damals 56-jährigen Angeklagten des schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes, dreimaliger exhibitionistischer Handlungen vor seiner Stiefschwester, den Besitz kinderpornografischer Dateien auf seinem Computer sowie dem Aufbewahren von 44 Patronen in seinem Schlafzimmer schuldig und verhängte eine Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten.

Urteil nicht rechtskräftig

Das Urteil vom 31. August 2015 hatte keinen Bestand. Am 29. September des Folgejahres hob es der Zweite Strafsenat des Bundesgerichtshofes (BGH) nach der vom Angeklagten angestrengten Revision am 29. September 2016 im Schuld- und im Strafausspruch auf. Nun hat mehr als sechs Jahre nach dem ersten Urteil eine andere Kammer des Marburger Landgerichts über die in der Anklageschrift aufgeführten Vorwürfe, die sich im Jahr 2004 sowie im Zeitraum Februar bis Dezember 2012 ereignet haben sollen, zu befinden.

Der BGH begründet die Notwendigkeit der erneuten Verhandlung damit, dass das angefochtene Urteil die gegenteilige Meinung zu einem aussagepsychologischen Gutachten nicht ausreichend begründe. Vom Ergebnis eines Sachverständigen abzuweichen, sei einem Gericht zwar nicht verwehrt, doch in diesem Falle sei es nicht ersichtlich, dass das Gericht über das bessere Fachwissen verfügte.

„Ein besonderes Augenmerk“

Die Sachverständige Simone Gallwitz betonte während der damaligen Verhandlung, das Verwerten der Aussage der damals 23-jährigen Tochter sei ausgeschlossen, weil sie zwar glaube, als Kind missbraucht worden zu sein, dies aber tatsächlich nie geschehen sei. Die Richter waren jedoch davon überzeugt, dass der Angeklagte im Jahr 2004 seine damals zwölfjährige Tochter bei einem gemeinsamen Bad missbrauchte.

Der Vorsitzende Richter erklärte in seiner Urteilsbegründung, dass laut höchstrichterlicher Rechtsprechung ein Gutachten nur ein Beweismittel sei, die Kammer jedoch unter Würdigung der gesamten Beweisaufnahme nach eigenem Ermessen entscheiden müsse. Zudem sei die Aussagepsychologie noch eine ganz junge Wissenschaft und „längst nicht so aussagekräftig wie ein medizinisches Gutachten“, zitierte die OP Richter Wolf.

Das BGH erwähnt in seinem Beschluss auch, dass bei einer neuen Verhandlung und Entscheidung „ein besonderes Augenmerk“ hinsichtlich der Träume der Tochter des Angeklagten und deren Einfluss auf den Wahrheitsgehalt ihrer Angaben zu richten sei. Zudem habe das Landgericht das Fehlen von Vorstrafen nicht ausdrücklich strafmindernd berücksichtigt.  

Die beiden Rechtsanwälte des Angeklagten plädierten im Jahr 2015 für eine mögliche Geldstrafe wegen des Munitionsbesitzes, forderten für die anderen vorgeworfenen Taten Freispruch, wobei sie dies unter anderem mit dem aussagepsychologischen Gutachten begründeten.

Die Verhandlung vor der Ersten Strafkammer als Jugendkammer unter dem Vorsitz der Vizepräsidentin des Landgerichts Beate Mengel beginnt am Freitag, 25. März, um 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts. Sieben weitere Termine sind vorgesehen.

Von Gianfranco Fain

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