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Hinterland Prozess endet mit Haftstrafe
Landkreis Hinterland Prozess endet mit Haftstrafe
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15:56 10.03.2020
Vor dem Amtsgericht Biedenkopf endete am Montag der Strafprozess um das von Habib und Süheyla Ermagan gekaufte und mit Altlasten kontaminierte Grundstück in Bad Endbach-Wommelshausen mit einem Urteil gegen die Verkäuferin. Quelle: Thorsten Richter
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Biedenkopf

„Erleichtert“ und „zufrieden“, so fühlten sich Süheyla und Habib Ermagan, nachdem Richterin Alexandra Hille am zweiten Verhandlungstag das Urteil im Strafprozess um einen Grundstücksverkauf aussprach. Das lautet auf neun Monate Haft auf Bewährung für die Verkäuferin des Grundstücks, auf dem die Ermagans in Bad Endbach-Wommelshausen ihr Eigenheim errichten wollten.

Doch daraus wurde nichts, weil sich das erworbene Stück Bauland als mit Altlasten kontaminiert herausstellte. Die Ermagans fanden unter anderem Ölrückstände, asbesthaltige Eternitplatten und viel Müll (OP berichtete). Das Gericht sieht den Fall eines besonders schweren Betruges als erwiesen an, bleibt aber mit der ausgesprochenen Strafe von neun Monaten unter den zehn von Staatsanwalt Jonathan Poppe geforderten und somit am unteren Ende des möglichen Strafrahmens, der von sechs Monaten bis zehn Jahren reicht. Zudem ordnete Hille den Einzug von 49 678,30 Euro an.

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Gericht: Angeklagte hat Mängel gekannt und verschwiegen

Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass die 67-jährige Angeklagte die Mängel des Grundstücks gekannt und beim Verkauf, trotz gegenteiliger Behauptung im Kaufvertrag, verschwiegen habe. Dabei geht es besonders um eine mit Teer gefüllte Grube, eine Ölrückhaltewanne, die als „Schwimmbad“ bezeichnet wurde, eine mit asbesthaltigen Eternit-Platten verschalte Bruchstein-Mauer sowie diversen anderen Müll, der auf dem Grundstück verteilt war.

Das Gericht stützte sich bei seiner Urteilsfindung auf die Angaben des ehemaligen Lebensgefährten der Angeklagten, der berichtete, dass die 67-Jährige die Zustände auf dem Gelände kannte. Der 59-Jährige beklagte bei seiner erneuten und weiterführenden Aussage zudem die Versuche, ihn als „Lügner und Schläger“ darzustellen und unglaubwürdig zu machen. Dabei „haben wir alles gemeinsam gemacht. Sie hat alles gesehen.“ Da ging es um die Eternit-Platten, das Rückhaltebecken für die Öltanks und auch die Teergrube, in die sich ein Bagger festfuhr.

Zeugen belasten Angeklagte

Dass die 67-Jährige wusste, was sich ehemals auf dem Gelände befand, berichtete auch die Vorbesitzerin, die mit ihrem Ehemann dort einen Baustoffhandel betrieb. Sie berichtete, die Angeklagte habe darauf verzichtet, dass sie die Öltanks vor dem Verkauf Ende des vergangenen Jahrhunderts entsorgen ließ. Und dass bei der damaligen Technik natürlich auch mal etwas daneben floss. Zudem habe die Abfüllanlage auch noch einige Zeit nach dem Verkauf dort gestanden.

Über den Baustoffhandel sei die Käuferin informiert gewesen, weil „es nicht zu übersehen war“ – die Öltanks standen noch, das Gebäude und auch Hohlblocksteine sowie Lagerstätten für Kohle waren vorhanden. Im Kaufvertrag stünde auch nichts von altlasten­­frei, weil sie zudem nicht wusste, was die Deutsche Bahn ehemals auf dem Gelände hinterlassen habe.

An der Frage, was schon vorher auf dem Gelände belassen wurde, entspann Rechtsanwältin Nasely Heriknaz Beknazaryan unter anderem ihr 38-minütiges Plädoyer. Der Nachweis, dass sich ihre Mandantin strafbar gemacht habe, sei nicht ge­lungen.

Die 67-Jährige werde als herzlos und unmenschlich dargestellt, dabei habe sie sich 2016 bereit erklärt, den kontaminierten Teil des Geländes zurückzukaufen. Die Ermagans hätten bis zur Unterschrift genügend Zeit gehabt, sich über das Grundstück zu informieren.

Eine Retourkutsche, um die Angeklagte „zu erledigen“

Der ehemalige Lebensgefährte habe Hoffnungen gehegt, das Grundstück nach überstandener Insolvenz übertragen zu bekommen. Schließlich habe er an Haus und Hof 12 Jahre gearbeitet und ginge nun komplett leer aus, sei handgreiflich ge­worden.

Sein Auftreten vor Gericht gleiche einer Abrechnung. Es sei eine Retourkutsche, um die Angeklagte „zu erledigen“. Nun sei das Grundstück „nichts mehr wert“, fügte die Anwältin an und forderte Freispruch. Die Angeklagte sagte in ihrem Schlusswort, dass es ihr leid tue, wie das alles gelaufen sei.

Leid könnte einer Freundin der Angeklagten deren Aussage tun. Poppe kündigte an, diesen offensichtlichen „Freundschaftsdienst“ mit einem Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage zu verfolgen. Beknazaryan kündigte an, in die Berufung zu gehen.

Von Gianfranco Fain