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Hinterland Fatale Entscheidung im Rausch
Landkreis Hinterland Fatale Entscheidung im Rausch
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18:57 21.01.2021
Zwei Männer stehen unter anderem wegen Entführung vor dem Marburger Landgericht.
Zwei Männer stehen unter anderem wegen Entführung vor dem Marburger Landgericht. Quelle: Nadine Weigel/Archiv
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Marburg

Der zweite Verhandlungstag im Prozess um eine gewalttätige Entführung im Mai 2020 am Biedenkopfer Bahnhof brachte weitere Zeugenaussagen – und eine überraschende Wendung.

Es wurden die persönlichen Hintergründe der beiden Angeklagten erörtert. Die Männer – heute 22 und knapp 24 Jahre alt – hatten sich in einer Hilfseinrichtung im Hinterland kennengelernt. Dort wird jungen Menschen geholfen, die von ihrem Lebensweg abgekommen und beispielsweise mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind.

Der Leiter der Einrichtung berichtete als Zeuge über jene Ereignisse, die der Tat vorausgegangen waren. Was war geschehen, ehe die beiden in Biedenkopf einen Fahrdienstleiter überfallen und in seinem eigenen Auto entführten?

Der Jüngere sei etwa eine Woche zu Gast im Hilfszentrum gewesen, der Ältere ­etwas länger, berichtete dessen Leiter. Am Abend der Tat im Mai vergangenen Jahres hätten beide geäußert, die Einrichtung verlassen zu wollen.

Bei einem der beiden flossen Tränen

Dabei sei die Initiative vom Jüngeren ausgegangen, dessen Verhalten er als durchaus aggressiv beschrieb. Diesem Angeklagten wird vorgeworfen, den Bahnmitarbeiter geschlagen und ihn in den Schwitzkasten genommen zu haben. Er soll anderen Zeugenaussagen zufolge während der Tat die aktivere Rolle gespielt haben.

Das gelte auch für den Plan, die Hilfseinrichtung zu verlassen, gab deren Leiter vor dem Landgericht in Marburg an. Sein etwas älterer Bekannter habe sich offenbar verpflichtet gefühlt, den heute 22-Jährigen zu begleiten, aber zugleich den Eindruck gemacht, mit dieser Entscheidung nicht vollends zufrieden zu sein. Auch seien Tränen geflossen.

Der Jüngere hingegen habe darauf bestanden, dass sein heutiger Mitangeklagter mit ihm gemeinsam aufbreche. Im Gespräch habe er unterschwellig aufbrausend gewirkt, unter anderem Liegestütze gemacht und in die Luft geboxt.

Für beide junge Männer gilt, dass der Zentrumsleiter das Gefühl gehabt habe, sie hätten „etwas genommen“. Dazu passt, dass seiner Aussage zufolge der Ältere ein ihm verschriebenes Beruhigungsmittel zum Teil entwendet habe.

Kaum Widerstand gegen Festnahme

Letztlich habe sich das Duo nicht davon abbringen lassen, die Einrichtung zu verlassen, und sei in der Dämmerung aufgebrochen – also kurze Zeit vor dem Überfall auf den Bahnmitarbeiter.

Dass der Jüngere im Vergleich zu seinem Begleiter zumindest aktiver, wenn nicht sogar aggressiver aufgetreten sei, bestätigten die Polizisten, die ihn nach der Festnahme der beiden davon abgehalten hatten, vom Gelände der Polizeistation in Biedenkopf zu fliehen.

Nachdem er zuvor ­augenscheinlich kaum in der Lage gewesen war, die Treppen zu benutzen, sei er anschließend schnell durch ein Fenster getürmt und erst auf dem Zaun erwischt worden.

Dabei habe er zwar keine Gegenwehr geleistet und auch keine tatsächlichen Beleidigungen gegen die Polizeibeamten geäußert, sich aber lautstark beschwert, als diese ihn fixierten.

Gutachten soll Klarheit bringen

Auch in der persönlichen Vorgeschichte der beiden Angeklagten gibt es deutliche Unterschiede: Während der Jüngere aktuell wegen einer anderen Tat im Gefängnis sitzt und daher in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird, gehen auf das Konto seines älteren Bekannten ein Verstoß gegen das Waffengesetz und Trunkenheit im Straßenverkehr.

Der Jüngere wiederum ist dem Vernehmen nach bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Genau ließ sich das während des zweiten Verhandlungstages nicht feststellen, da laut dem Vorsitzenden Richter Marco Herzog die entsprechenden Akten nicht vorlagen, obwohl diese rechtzeitig angefordert worden seien.

Es sei nötig, die Vorstrafen des 22-Jährigen, seine bereits verbüßten Strafen und seine psychische Situation zu erörtern. Um die Verhandlung jedoch nicht durch die Wartezeit auf die entsprechenden Unterlagen in die Länge zu ziehen, entschied das Gericht, das Verfahren gegen ihn abzutrennen.

Er muss sich nun zu einem späteren Zeitpunkt ohne seinen Bekannten für das Geschehen am Biedenkopfer Bahnhof und die Entführung vor Gericht verantworten.

Gute Sozialprognose für den Älteren

Der andere, 24-jährige Angeklagte leide seit seinem elften Lebensjahr an Zwangsstörungen, gab indes der psychiatrische Gutachter zu Protokoll. Zwar seien diese Zwangshandlungen und -gedanken immer wieder und auch durchaus mit Erfolg behandelt worden. Der Mann habe jedoch einen Hang zu Medikamentenmissbrauch und vor allem zu starkem Alkoholkonsum entwickelt, um diese Probleme zu betäuben. Im Alter von 18 Jahren habe er außerdem versucht, sich das Leben zu nehmen.

Die Prognose für die Zukunft des Angeklagten sei jedoch relativ günstig, gab der Gutachter an. Der 24-Jährige habe eine behütete Kindheit gehabt, sich im Gespräch mit ihm so kooperativ und gelassen gezeigt wie im Umgang mit der Polizei. Während der Tat sei er der passive Part gewesen, und seine derzeitige Situation sei positiv zu bewerten.

Er sei seit drei Monaten drogenfrei und trocken, berichtete der 24-Jährige selbst. Zudem besuche er eine Tageseinrichtung und habe als Ziel vor Augen, sein Leben in den Griff zu bekommen.

Die Verhandlung wird am Freitag, 22. Januar, um 9 Uhr im Marburger Landgericht fortgesetzt. Dann werden Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenklage ihre Plädoyers halten.

Von Markus Engelhardt

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