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Hinterland Entführer bricht in Tränen aus
Landkreis Hinterland Entführer bricht in Tränen aus
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20:47 19.07.2021
Ein Justizvollzugsbeamter schließt eine Gittertür auf. Der zweite Entführer vom Biedenkopfer Bahnhof muss ins Gefängnis.
Ein Justizvollzugsbeamter schließt eine Gittertür auf. Der zweite Entführer vom Biedenkopfer Bahnhof muss ins Gefängnis. Quelle: Uwe Zucchi/dpa/Themenfoto
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Marburg

Nach der Urteilsverkündung zeigte er zum ersten Mal Emotionen: Als der Angeklagte im Biedenkopfer Entführungsprozess von der Vorsitzenden Richterin Heike Schneider direkt angesprochen wurde, brach er in Tränen aus und schlug die Hände vors Gesicht.

Das Schöffengericht am Marburger Landgericht sah es als erwiesen an, dass der heute 23-Jährige am Abend des 18. Mai 2020 mit einem Komplizen – der bereits Anfang des Jahres verurteilt wurde – den Fahrdienstleiter des Biedenkopfer Bahnhofs angegriffen hatte. Während sich sein Bekannter relativ passiv verhielt, schlug der nun Verurteilte auf den kaum älteren Bahnmitarbeiter ein.

Beide Männer zwangen ihn, einen Tresor zu öffnen, den sie leerten, und nahmen ihrem Opfer sein Mobiltelefon ab. Damit hatte das Martyrium für den Bahnangestellten jedoch noch kein Ende: Weil die beiden Täter, die kurz vorher aus einer Dautphetaler Hilfseinrichtung abgehauen waren, nach Marburg wollten, zwangen sie ihn, sie in seinem Auto zu chauffieren.

Er habe Todesangst gehabt, gab der Geschädigte vor dem Landgericht zu Protokoll. In seiner Verzweiflung habe er sogar mit dem Gedanken gespielt, sein Auto kurzerhand an die Wand zu setzen. Glück im Unglück: Die Entführung endete nach wenigen Minuten, als das Fahrzeug in eine Polizeikontrolle geriet. Es gelang dem Fahrdienstleiter, die Polizisten auf seine Situation aufmerksam zu machen, sodass die Entführer verhaftet wurden.

In den Schilderungen des Tathergangs waren sich Opfer, Angeklagte und sämtliche Zeugen weitgehend einig – und bis auf den nun 23-Jährigen ließen sie an einem weiteren Umstand keinen Zweifel: Er war der aggressive Part, von ihm ging die Gewalt aus, seinetwegen will sein Kumpan überhaupt nur an der Entführungsfahrt teilgenommen haben – aus Angst um die Gesundheit des Bahnmitarbeiters. Dieser kam aus der knapp einstündigen Tat nicht unbeschadet heraus. Waren die Folgen der Schläge und des Schwitzkastens noch vergleichsweise gut zu verkraften, hat das Geschehen doch Spuren auf der Seele des Mannes hinterlassen, der sich seither in psychologischer Behandlung befindet und mit massiven Ängsten kämpft.

Die unterschiedliche Gewichtung, was ihre Beteiligung an der Tat angeht, hatte das Gericht im Frühjahr bewogen, die Verfahren gegen die beiden Angeklagten zu trennen. Der ruhigere war mit einer Bewährungsstrafe davongekommen und hatte versichert, diese Chance zu nutzen. Umso erschreckender sein Auftritt als Zeuge im Prozess gegen seinen Komplizen: Der Mittzwanziger betrat Saal 101 des Landgerichts als gebrochener Mann – wegen einer weiteren Tat wenige Monate nach seiner Verurteilung trug der nun Inhaftierte Handschellen. Und wegen der Schussverletzungen, die er bei der Verhaftung erlitten hatte, konnte er kaum noch laufen.

Dass eine Bewährungsstrafe für den zweiten Angeklagten nicht in Frage kam, wurde bereits zu Beginn seines Prozesses deutlich. Erpresserischer Menschenraub, Körperverletzung, Nötigung – die Liste der Vorwürfe gegen ihn war lang. Gleichfalls von beeindruckender Größe ist die Zahl der Straftaten, die bereits auf das Konto des 23 Jahre alten Süddeutschen gehen.

Schon früh war er mit dem Gesetz in Konflikt geraten, hatte die vergangenen Jahre hauptsächlich hinter Gittern verbracht. Aktuell sitzt er in der Justizvollzugsanstalt Freiburg ein; wie sein Bekannter betrat er den Gerichtssaal in Handschellen.

Auch über die Biografie des Mannes erfuhren Prozessbeobachter einiges. Von Gewalt in der Ehe seiner Eltern war die Rede, vom Tod seiner Tante und den psychischen Folgen für seine Mutter, von familiären Problemen, Alkohol und Drogen. Großeltern und beste Freundin beschrieben ihn im Zeugenstand als höflichen und freundlichen, gar als fröhlichen Menschen, der so gar nichts mit jener dunklen Seite zu tun habe, die beim Blick in die Gerichtsakten sichtbar werde.

Der juristische Disput zwischen Verteidiger Lennard Such und Gutachter Sven Krimmer ging am letzten Verhandlungstag in eine zweite Runde. Ein Befangenheitsantrag des Anwalts gegen den Psychiater wurde zwar abgelehnt – der Verteidiger warf dem Gutachter vor, während der Verhandlung geschlafen zu haben –, aber der Jurist stellte sämtliche Punkte des Gutachtens in Frage. Krimmer, seines Zeichens stellvertretender ärztlicher Direktor der Vitos-Klinik für forensische Psychiatrie in Haina, attestierte Suchs Mandanten eine überdurchschnittliche Intelligenz, andererseits aber auch eine Persönlichkeitsstörung und sogar gewisse psychopathische Züge. Es sei zu erwarten, dass der 23-Jährige weitere Gewalttaten begehe, bei denen unter Umständen jemand zu Tode kommen könne, befand der Psychiater: „Er empfindet keinerlei echte Reue.“

Entsprechend hoch fiel die Forderung der Staatsanwaltschaft aus: acht Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Das Urteil des Schöffengerichts blieb darunter: Sechs weitere Jahre muss der Entführer im Gefängnis zubringen. Er solle diese vergleichsweise geringe Haftstrafe als letzte Chance wahrnehmen, riet Richterin Heike Schneider dem weinenden Verurteilten: „Wir wollen Sie hier nicht mehr sehen.“

Von Markus Engelhardt

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