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Hinterland Brandstifter macht verstörten Eindruck
Landkreis Hinterland Brandstifter macht verstörten Eindruck
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00:18 03.06.2019
Im September brannten in Biedenkopf mehrere Autos. Vor dem Marburger Landgericht läuft der Prozess. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Am zweiten Tag der Verhandlung gegen ­einen 22-jährigen Biedenkopfer standen nicht die angezündeten Autos am Landratsamt im Blickpunkt: Polizisten und ­eine Nachbarin berichteten der zwölften Strafkammer des Marburger Landgerichts über eine heftige Auseinandersetzung des Angeklagten mit seiner Mutter. Er soll die heute 46-Jährige gewürgt haben.

Die Mutter macht vor Gericht von ihrem Recht Gebrauch, als Angehörige des Angeklagten die Aussage zu verweigern. Sie gestattet aber, dass ihre Aussage bei der Polizei verwendet werden darf. Beim Verlassen des Zeugenstands wirft sie ­ihrem Sohn einen kurzen Blick zu, doch der junge Mann schaut an ihr vorbei.

Der Vorfall ereignete sich im Juli 2017, also 14 Monate vor der Brandstiftung am Landratsamt. „Ich habe gesehen, wie er sie am Hals gepackt und hin- und hergeschüttelt hat“, sagt die Nachbarin. „Sie war sehr ängstlich.“ Die Frau sei zwischenzeitlich weinend auf den Balkon geflüchtet, berichtet die Zeugin, die auch die Polizei alarmiert hatte.

"Er wollte jeden umbringen"

Die Polizisten hatten Mutter und Sohn zunächst in der Wohnung befragt und den jungen Mann dann mit auf die Biedenkopfer Polizeistation genommen. Dort sei er zunehmend aggressiver geworden, habe die Polizisten bedroht, berichten mehrere Polizisten vor Gericht.

Hinweise auf Alkohol- oder Drogenkonsum habe es nicht gegeben. „Man konnte normal mit ihm reden“, sagt einer der Beamten. „Sie hat‘s verdient“, habe der Angeklagte unter anderem gesagt. Er beschimpfte­ die Beamten, drohte, sie und ­ihre Kinder zu töten. „Das ging eine ganze Stunde lang so“, erklärt der Polizist und berichtet von aggressivem Verhalten und Stimmungsschwankungen des Angeklagten.

„Er wollte jeden umbringen“, bestätigt ein Kollege. Er hatte an jenem Tag die Mutter befragt. „Sie war völlig fertig mit den Nerven. Sie hat einem schon leidgetan.“ Ein anderer Polizist berichtet von einem „verstörten Eindruck“, den die Frau auf ihn gemacht habe.

Die Polizisten entschieden sich schließlich für die Einweisung des Angeklagten in ­eine psychiatrische Klinik. Auch im Rettungswagen sei es zu Beschimpfungen und Drohungen gekommen. Der Großvater des Angeklagten berichtet vor Gericht, sein Enkel sei schon als Kind „nicht ganz einfach“ gewesen. „Er hat sich mit mir öfters anlegt und ist nicht zimperlich mit seinen Ausdrücken.“ Oft sei er von dem Angeklagten angerufen und beleidigt worden.

Drohanruf wurde vor Gericht abgespielt

Der Zeuge sagt auch, dass sein Enkel in seiner Kindheit zeitweise bei Pflegeeltern untergebracht war, weil der Vater ihn geschlagen haben soll. Die Eltern leben getrennt, zum Vater gibt es offenbar keinen Kontakt. Einer der Drohanrufe des Angeklagten beim Großvater wurde von einem Anrufbeantworter aufgezeichnet, der Mann verständigte angesichts der Todesdrohungen die Polizei.

„Er wirkte wie jemand, der sich nicht leicht verängstigen lässt“, sagt ein Beamter über den Zeugen. „Aber er hatte Angst.“ Der Drohanruf wurde vor Gericht abgespielt. Und auch ­eine Mitarbeiterin der Stadt Biedenkopf erinnert sich an Drohungen des Angeklagten.

Nachdem der Mann in der Obdachlosenunterkunft randaliert haben soll, erteilte die Stadt ein Hausverbot: „Auch zum Schutz der anderen Bewohner“, sagt die Frau. Nach einem anschließenden Gespräch in ihrem Büro habe er beim Hinausgehen gesagt: „Besorgen Sie sich Security.“ Auch „wirre Mails“ habe er geschickt.

Kurzfristig beantragt die Verteidigerin, zwei weitere Zeugen zu hören, die den Angeklagten bei seiner Flucht gesehen haben sollen. Es geht um die Frage, ob er mit dem Messer ­gedroht habe. Die Frau kommt noch am selben Tag zur Verhandlung – außer den Mann bei seiner Flucht gesehen zu haben, kann sie jedoch nichts Wesentliches aussagen. Ihr Mann könne aus gesundheitlichen Gründen nicht aussagen, berichtet sie.

Gute Erfolgsaussichten für eine Behandlung

Der Gutachter Dr. Rolf Speier, ehemaliger ärztlicher Direktor der Psychiatrie in Haina (Kloster), geht von einer Schizophrenie beim Angeklagten aus. „Ich habe an keiner Stelle irgendein Zeichen von Reue gesehen“, sagt er. „Ich bin absolut davon überzeugt, dass er schon länger an einer Psychose leidet.“ Hinzu komme eine „dissoziale Entwicklung“, die schon im Kindesalter begonnen habe.

Nach Speiers Einschätzung kann der Angeklagte mit guten Erfolgsaussichten behandelt werden – wenn er will. Das sei aber nicht der Fall. „Er hält sich nicht für krank“ und habe keine Medikamente mehr nehmen wollen. „Derzeit ist die Prognose maximal ungünstig“, ohne Behandlung bleibe das auch so. Auf der Aufzeichnung des Drohanrufs sei „die Psychose deutlich zu greifen“ gewesen, sagt der Experte.

Sollte der Angeklagte auf freien Fuß kommen, geht Speier von weiteren Taten aus. Die Todesdrohungen würde er sehr ernst nehmen: „Ich glaube, dass wir von der Wahnwelt nur die Spitze des Eisbergs sehen.“ Derzeit befindet sich der Angeklagte in der Psychiatrie in Gießen, zu der er am Freitag von Haina verlegt worden ist.

Die Verteidigung hat beantragt, dass drei Aussagen von Polizeibeamten, die die Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn betreffen, nicht verwendet werden dürfen, ebenso die Erkenntnisse aus der Hainaer Psychiatrie. Darüber hat die Strafkammer ­unter dem Vorsitz von Beate Mengel noch nicht entschieden.

von Mark Adel