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Landkreis Hinterland Eine neue Hoffnung?
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15:55 22.03.2022
Aus Sicht des Gladenbacher Magistrats ist ein Abstands- und Hygienekonzept für die Fressgasse nicht machbar.
Aus Sicht des Gladenbacher Magistrats ist ein Abstands- und Hygienekonzept für die Fressgasse nicht machbar. Quelle: Thorsten Richter/Archiv
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Gladenbach

Seit zwei Wochen steht fest: Wegen der Corona-Pandemie findet der Kirschenmarkt zum dritten Mal in Folge nicht statt. Nun gibt es Bestrebungen, die Vorbereitungen für das ursprünglich am ersten Juli-Wochenende vorgesehene Volksfest wieder aufzunehmen.

Die Fraktion der Freien Wähler (FW) brachte am Freitagabend einen Dringlichkeitsantrag für die Sitzung der Gladenbacher Stadtverordneten am 24. März auf den Weg. Damit soll der Magistrat aufgefordert werden, die Absage zurückzunehmen und stattdessen „alles Mögliche dafür tun, dass der Kirschenmarkt 2022 stattfinden wird“.

Am 7. März sprach sich der Magistrat nach langer Diskussion mehrheitlich dafür aus, alle Planungen für den Kirschenmarkt 2022 einzustellen. „Wegen der Einschränkungen der Corona-Pandemie beziehungsweise der äußerst aufwendigen Umsetzbarkeit eines auch für ein Volksfest notwendigen Basisschutzes.

FW: Entscheidung viel zu früh

Ein tragfähiges Abstands- und Hygienekonzept, das dann auch kontrolliert und eingehalten werden müsste, erschien der Mehrheit der Magistratsmitglieder nicht umsetzbar“, erklärte Bürgermeister Peter Kremer (parteilos). Finanzielle Erwägungen hätten keine Rolle gespielt.

„Wir halten den vom Magistrat für seine Entscheidung gewählten Zeitpunkt für viel zu früh und damit für falsch“, heißt es in dem vom FW-Fraktionsvorsitzenden Klaus-Dieter Knierim und dessen Stellvertreter Jens Urban unterschriebenen Antrag. Sie schlagen vor, erst zwischen Ende April und Mitte Mai eine endgültige Aussage darüber zu treffen, ob das größte jährliche Volksfest der Region über die Bühne gehen kann.

„Alle Beteiligten wissen um das Außergewöhnliche der Situation und sind auf ungewöhnliche Bedingungen und Zeitabläufe eingestellt. Dies gilt auch für die Verwaltung, für die Hilfs- und Sicherheitsdienste sowie die Zeltverleiher“, so die Fraktionsspitze.

Generalpächter begrüßt Antrag

Rückendeckung erhalten die Antragsteller von den Schaustellern. „Die Absage kommt viel zu früh, der Magistrat hätte auch noch im Mai darüber entscheiden können. Eine längere Vorlaufzeit ist nicht nötig, um alles für den Kirschenmarkt zu organisieren“, erklärt Konrad Ruppert im Gespräch mit der Presse. Der Bad Wildungener ist seit Jahren in Gladenbach als Generalpächter für die Fressgasse und den Rummelplatz im Einsatz und zudem Vorsitzender des Schaustellerverbandes Kassel-Göttingen.

Ruppert verweist darauf, dass er und seine Kollegen über tragfähige und bewährte Hygienekonzepte verfügten. Darüber habe der Generalpächter den Magistrat vor dessen Sitzung am 7. März auch schriftlich informiert.

Die FW erinnern in ihrem Antrag daran, dass es sich beim Kirschenmarkt um eine traditionelle, jahrzehntelang eingeübte Veranstaltung handelt, „für deren Vorbereitung und Durchführung auch ein kurzer Zeitraum durchaus ausreichend ist“. Die Stadt könne dabei auf einen großen Erfahrungsschatz vieler Beteiligter zurückgreifen.

Corona-Regeln werden zurückgefahren

„Alle Genehmigungen und Verträge mit den Kirschenmarkt-Akteuren sind unter dem Vorbehalt der Auswirkungen der pandemischen Lage zu stellen. Falls sich in kurzer Zeit vor dem Fest-Termin doch noch herausstellen sollte, dass die Pandemie ein Stattfinden unmöglich macht, werden auch die Schausteller uneingeschränkte Einsicht zeigen“, sind sich die Antragsteller sicher.

Sie bringen die „deutlich geänderten Rahmenbedingungen der Pandemie“ ins Spiel. Viele Corona-bedingte Einschränkungen werden zurückgenommen. Trotz steigender Corona-Infektionszahlen ist ab dem 2. April nur noch ein Basisschutz verpflichtend.

Dazu gehören unter anderem die Maskenpflicht in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, in Arztpraxen sowie in Bussen und Bahnen sowie die Testpflicht in Schulen. Volksfeste und ähnliche Veranstaltungen müssen infektionsrechtlich nicht mehr genehmigt werden. Lediglich in sogenannten Hotspots sollen weitere Schutzregeln wie etwa eine Maskenpflicht und Zugangsregelungen (3G, 2G, 2G-Plus) erlassen werden.

Deutscher Schaustellerbund appelliert

Mit einer dritten Kirschenmarkt-Absage in Folge wird aus Sicht der FW „das Ende dieses großen und unsere Region verbindenden Volksfestes eingeläutet – dies gilt es mit allen Mitteln zu verhindern“. Zugleich wäre es ein Zeichen der Solidarität mit dem Berufsstand der Schausteller, „wenn wir nichts unversucht lassen würden“, das Fest stattfinden zu lassen.

Diesen Appell richtete auch der in Berlin ansässige Deutsche Schaustellerbund in einem Schreiben an den Bürgermeister und Magistrat kurz nach der erfolgten Absage. „Die Schaustellerbetriebe Ihrer Region konnten seit über zwei Jahren beinahe keine Umsätze generieren. Sollte der Kirschenmarkt erneut ausfallen, wird er im nächsten Jahr voraussichtlich nicht mehr so schön und einladend sein können, wie Sie und die Gladenbacher ihn kennen“, so Präsident Albert Ritter.

Die Gründe dafür liegen laut Schaustellerbund auf der Hand: Einige Familienbetriebe würden eine erneute Absage – bei auslaufenden Hilfsprogrammen – nicht überleben, andere müssten sich umorientieren und würden schließlich Feste beschicken, die in diesem Sommer andernorts stattfänden. Ritter und Ruppert rufen die Verantwortlichen in der Stadt Gladenbach dazu auf, die Schausteller mit in die weiteren Planungen für den Kirschenmarkt einzubeziehen. Ihre Botschaft: „Wir haben deutschlandweit gezeigt, dass wir unsere Traditionsfeste auch in Corona-Zeiten durchführen können – sicher und verantwortungsvoll.“

Andernorts finden Feste statt

In der jüngsten Ausgabe des „Komet“, der Fachzeitschrift für Schausteller und Marktkaufleute, ist allerdings bereits eine kleine Anzeige aus Gladenbach veröffentlicht worden. Unter der Überschrift „Absage des Kirschenmarkts 2022“ steht der Hinweis: „Aufgrund der Corona-Pandemie kann der Kirschenmarkt in Gladenbach auch im Jahr 2022 nicht stattfinden. Näheres entnehmen Sie bitte der Homepage der Stadt Gladenbach.“

Andere Kommunen halten an ihren Großveranstaltungen fest. In Gießen und Kassel stehen demnächst Frühlingsfeste an, Frankfurt rüstet sich für die „Dippemess“, ebenso laufen die Planungen für Trinitatis-Kirmes in Neustadt und Pfingstmarkt in Frankenberg.

„Wir können nicht nachvollziehen, dass allerorten große Volksfeste, Konzerte und Musikveranstaltungen jetzt wieder stattfinden sollen, nur in Gladenbach nicht. Wir sind dafür, dass aufgrund der geänderten Bedingungen endlich auch in Gladenbach wieder die Normalität des Lebens Einzug hält. Deswegen muss die Entscheidung des Magistrats nicht nur überdacht, sondern aufgehoben werden“, besagt der FW-Antrag.

Der Kirschenmarkt stellt aus Sicht der Fraktion keine reine Verwaltungsaufgabe dar, sondern hat eine gesamtstädtische Bedeutung. Und darüber müsse in letzter Konsequenz die Stadtverordnetenversammlung entscheiden.

Der Antrag der FW wird am Donnerstag, 24. März, ab 19 Uhr im Haus des Gastes aber nur beraten, wenn mindestens zwei Drittel der Stadtverordneten die „Dringlichkeit“ anerkennen. Bei 37 Mandatsträgern wären dies wenigstens 25. Sein Kommen als interessierter Zuschauer hat Konrad Ruppert bereits angekündigt.

Von Michael Tietz

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