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Hinterland Ein neues Bein für Zella
Landkreis Hinterland Ein neues Bein für Zella
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07:58 30.06.2021
Marita Müller, Vorsitzende der Hundehilfe Hinterland, ist froh, dass Hündin Zella nun ihre Lebensqualität zurückhat.
Marita Müller, Vorsitzende der Hundehilfe Hinterland, ist froh, dass Hündin Zella nun ihre Lebensqualität zurückhat.
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Dautphe

Vorsichtig tupft Tierärztin Tina Wagner-Winter Blut und Wundsekret von der offenen Stelle. Zella macht keinen Mucks. Die braune Hündin steht auf dem stählernen Behandlungstisch in der Tierarztpraxis Hinterland in Dautphe und lässt sich von ihrem Pflege-Herrchen Frank Wachtel den Kopf kraulen, während die Tierärztin ihren offenen Hinterfuß verarztet. „Es ist schon besser geworden, aber es stinkt immer noch“, sagt Wagner-Winter und rümpft die Nase hinter ihrem Mundschutz.

Marita Müller nickt. Die Vorsitzende der Hundehilfe Hinterland steht in der Ecke des Behandlungsraumes, in dem sie schon so oft stand. Zella ist das derzeitige Sorgenkind der Tierschützerin. Im Oktober 2020 hat Müller die Schiller-Bracke von einem befreundeten Tierschutzverein aus Rumänien übernommen.

Dort muss die Hündin Schreckliches erlebt haben. Das linke Hinterbein scheint wie aus Gummi zu sein. Das Gelenk drückt sich unnatürlich nach unten durch, nur mit Schwung bekommt Zella das Bein nach vorne unter den Körper gesetzt. Bei jedem Schritt schleift ihre Pfote über den rauen Asphalt, der die Zehen wie Schmirgelpapier abschleift bis aufs offene Fleisch.

Grund ist ein "stumpfes Trauma"

Ursache der Verletzung: ein „stumpfes Trauma“, wie es im Veterinärjargon heißt. Dahinter verbirgt sich eine irreparable Nervenschädigung – vermutlich ausgelöst durch massive Gewalteinwirkung. „Ein Schlag mit einem Knüppel gegen das Bein oder Tritte.

Wir wissen es nicht, aber wenn es zum Beispiel ein Autounfall gewesen wäre, müsste man Narbengewebe sehen. Doch weder an den Sehnen noch am Gelenk ist etwas zu erkennen“, erklärt Müller und fügt hinzu: „Also deutet vieles auf Schläge oder Tritte hin und die müssen schon heftig gewesen sein bei so einem großen Hund.“

Hündin Zella hat eine Orthese bekommen. Quelle: Nadine Weigel

Seitdem Zella in der Obhut der Hundehilfe Hinterland ist, haben die Tierschützer alles dafür getan, der Hündin zu helfen: Mit einer umfangreichen Diagnostik wie Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen wurde versucht, dem Problem auf den Grund zu gehen. Doch sowohl Physiotherapie, Unterwasserlaufband als auch verschiedene Massagen – nichts konnte die geschädigten Nerven des Beins wieder stimulieren.

Tierärztin Tina Wagner-Winter behandelt die Hündin regelmäßig. Sie weiß, dass Zella nur noch etwas ganz Besonderes helfen kann: eine Orthese. „Es ist sehr wichtig, dass sie die bekommt, denn jetzt hat sie keine Lebensqualität mehr“, betont die Veterinärmedizinerin und nickt Dieter Zebisch zu.

Anfertigung in der Freizeit

Der Rauschenberger hilft beruflich Menschen durch das Anfertigen von Orthesen und Prothesen. In seiner Freizeit aber nutzt der Orthopädietechniker seine Fähigkeiten, um tierisches Leid zu lindern. In mühevoller, stundenlanger Handarbeit hat er Zella eine Orthese angefertigt. Eine „tierische“ Herausforderung, nicht nur weil die Biomechanik beim Hund eine ganz andere ist als beim Menschen: „Der Mensch kann mir sagen, wenn es irgendwo drückt.

Beim Hund muss man genau anpassen und rechtzeitig nach Druckstellen schauen“, erklärt Zebisch und öffnet die Schnallen der Orthese. Vorsichtig nimmt er den Hinterlauf der Hündin und schiebt ihn in das Hilfsmittel, das er aus Polyethylen gegossen und innen mit einer Neoprenschicht versehen hat.

Corona erschwert Vereinsarbeit

„Passt doch wie angegossen“, freut sich Marita Müller. Gute Nachrichten kann Müller gebrauchen. Die Corona-Pandemie und deren Auswirkungen hat dem kleinen Tierschutzverein arg zugesetzt. Dadurch, dass keine Feste veranstaltet werden konnten, sind der Hundehilfe wichtige Spendeneinnahmen verwehrt geblieben.

Zudem konnte auch ein ganzes Jahr lang kein Tier aus dem Ausland geholt und in Deutschland vermittelt werden. „Die Hundevermittlung finanziert auch solche Hilfsaktionen wie die von Zella“, erklärt Müller. Fehlen die Einnahmen aus der Vermittlung, wird es knapp in der Kasse.

Verein sucht Transporter

Zu allem Überfluss sei nun auch noch der Transporter des Vereins kaputtgegangen, berichtet Müller. „Irreparabler Motorschaden – das ist natürlich für uns eine Katastrophe“, so Müller, die nun auf der Suche nach einem neuen, günstigen Auto ist.

Bei all den Sorgen kommt so ein kleines Erfolgserlebnis wie das von Zella gerade recht. Die ersten Schritte mit dem ungewohnten Fremdkörper sind für die brave Hündin noch etwas ungewohnt. Langsam tapst sie los. Die Orthese stellt Zellas Sprunggelenk ruhig, verleiht ihr Stabilität und verhindert, dass sie sich die Zehen blutig schleift.

Hündin Zella hat eine Orthese bekommen. Foto: Nadine Weigel Quelle: Nadine Weigel

„Sie muss ja erst einmal ihr Gangbild umstellen, sie wird sich schon dran gewöhnen“, ist sich die Tierärztin sicher. Und tatsächlich. Nach ein paar Metern läuft Zella schon sicherer. Nun hoffen Müller und Co noch auf eins: dass die Hündin bald ein neues, schönes Zuhause findet.

Von Nadine Weigel

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