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Hinterland Ein Stolperstein in Weidenhausen
Landkreis Hinterland Ein Stolperstein in Weidenhausen
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20:57 17.04.2021
Künstler Gunter Demnig will im Herbst nach Weidenhausen kommen und wie auf diesem Foto einen seiner Stolpersteine im Gedenken an den ermordeten britischen Soldaten John Scott verlegen.
Künstler Gunter Demnig will im Herbst nach Weidenhausen kommen und wie auf diesem Foto einen seiner Stolpersteine im Gedenken an den ermordeten britischen Soldaten John Scott verlegen. Quelle: Mark Adel/Archiv
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Weidenhausen

Die Erinnerungen bewahren und in den Alltag holen – dies möchte der Heimatverein Weidenhausen mit einem Stolperstein vor dem Regionalmuseum erreichen. Die Gedenktafel soll im September verlegt werden. Auf das Projekt ist auch die deutsche Botschaft in London aufmerksam geworden.

Im vergangenen Jahr wandte sich Anne Schepp vom Heimatverein an die „Stiftung – Spuren – Gunter Demnig“. Benannt ist sie nach dem 1947 in Berlin geborenen Künstler. Demnig hat es sich zur Aufgabe gemacht, an das Schicksal von Menschen zu erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Der heute in Alsfeld lebende Bildhauer entwarf dazu eine zehn mal zehn Zentimeter große Messingplakette, auf einem Betonquader befestigt. Eingraviert sind der Name des Opfers und seine Lebensdaten. Der Gedenkstein wird in einen Gehweg oder in ein Pflaster eines öffentlichen Platzes gesetzt.

Wer die Inschrift lesen will, muss sich davor verneigen. Die Erinnerung an die einzelnen Schicksale soll die Passanten gedanklich stolpern lassen und dadurch das Gedenken in das tägliche Leben zurückholen.

Demnig erhielt Bundesverdienstkreuz

Was 1993 als Kunstprojekt begann, hat sich laut Demnig zum größten dezentralen Mahnmal der Welt entwickelt. Mehr als 75.000 Stolpersteine gebe es mittlerweile in 26 Ländern. „Das ist keine Routine – jedes Schicksal bewegt mich und soll bewegen“, so der 73-Jährige. Die Gedenktafeln sollen dabei helfen, die lokale Geschichte aufzuarbeiten.

Für sein Erinnerungsprojekt erhielt Demnig 2005 das Bundesverdienstkreuz. Außerdem ernannte ihn die Bundesregierung zum „Botschafter für Demokratie und Toleranz“.

Seit Januar 2015 kümmert sich eine vom ihm gegründete Stiftung um die Initiative und vereinbart Termine für die Verlegung der Stolpersteine. Wenn es die Pandemie zulässt, will Demnig Mitte September persönlich nach Weidenhausen kommen. Der Künstler verlegt den ersten Stolperstein in einer Kommune selbst.

Erschossen und verscharrt

Die erste im Gladenbacher Stadtgebiet gesetzte Gedenktafel soll an den britischen Soldaten John Scott erinnern. Der 24-jährige Bordmechaniker saß in einer Lancaster-Maschine der Royal Air Force, die am 6. Dezember 1944 am Luftangriff auf Gießen teilnahm.

Fast 400 Menschen kamen damals ums Leben. Der britische Bomber wurde auf dem Rückflug von einem deutschen Nachtjäger über Erdhausen abgeschossen. Scott konnte sich mit dem Fallschirm retten.

Einen Tag später wurde der Schotte in einem Waldstück bei Wommelshausen aufgegriffen und in die Zelle des Bürgermeisteramtes in Weidenhausen gesperrt. Scott kam anschließend aber nicht in ein Kriegsgefangenenlager. Auf Befehl des Biedenkopfer Polizeichefs wurde er am Abend nahe dem Friedhof erschossen und dort auch verscharrt. Scotts letzter Weg führte am heutigen Regionalmuseum vorbei.

Wege: Bombardierung nicht verharmlosen

„Wir können mit einem Stolperstein in Weidenhausen ein Zeichen setzen – für alle, die im Krieg ihr Leben verloren haben. Wir bedauern dieses Unrecht und wollen daraus lernen“, erklärte Schepp. Unterstützt wird der Heimatverein bei seinem Vorhaben vom Ortsbeirat. Der sagte bereits im vergangenen Jahr zu, die Kosten für die Verlegung des Stolpersteins sowie für die Anreise Demnigs übernehmen zu wollen.

Gleichzeitig plädierte der Ortsbeirat dafür, eine Straße im neuen Weidenhäuser Baugebiet am Haumbach nach Scott zu benennen. Diesem Vorschlag schloss sich das Stadtparlament an. Die Bauarbeiten am künftigen John-Scott-Weg sind angelaufen.

„Es geht bei der Straßenbenennung keinesfalls darum, einen britischen Soldaten zu ehren und die Folgen der Bombardierung deutscher Städte zu verharmlosen. Wir möchten zeigen, dass wir uns in Weidenhausen nicht davor drücken, Geschichte aufzuarbeiten – damit sich auch zukünftige Generationen mit den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges und der Nazi-Diktatur kritisch auseinandersetzen“, erklärte Ortsvorsteher Markus Wege.

Nachricht sorgt für Aufsehen

Diese Zeitung berichtete mehrfach über die Initiative aus Weidenhausen – und weckte damit das Interesse der britischen Presse. Der „Daily Mirror“, eine der auflagenstärksten Tageszeitungen in Großbritannien, kontaktierte dazu Wege und veröffentlichte einen Artikel über die geplante Straßenbenennung. Dies sei eine „ergreifende Geste“, schrieb der Reporter.

In einem weiteren Bericht griff das Boulevardblatt die Verlegung des Stolpersteins auf, mit der an John Scott erinnert werden soll. Diese Zeilen sorgten wiederum in Diplomatenkreisen in der britischen Hauptstadt für Aufsehen. Denn plötzlich bekam Wege – er war erneut mit kurzen Zitaten erwähnt worden – eine Anfrage vom Pressereferat der Deutschen Botschaft London.

„Wir haben mit viel Interesse einen Artikel im ‚Daily Mirror‘ über den Stolperstein für John Scott in Weidenhauen gelesen. Sehr gerne würden wir darüber einen Beitrag auf unseren Social-Media-Kanälen machen“, so Jacqueline Heinzelmann in der E-Mail an den Ortsvorsteher.

Den Wunsch der Botschaft nach einem Foto vom Stolperstein konnte Wege noch nicht erfüllen. Wenn im September die kleine Feier am Regionalmuseum stattfinden kann, will er dies aber umgehend nachholen – und damit für weitere positive Schlagzeilen über Weidenhausen im Vereinigten Königreich sorgen.

Stolpersteine

Die Verlegung der Stolpersteine ist ein europaweites Kunstprojekt von Gunter Demnig. Goldene Steine sollen die Erinnerung an die Vertreibung und Ermordung von Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas sowie Euthanasie-Opfern im Nationalsozialismus lebendig halten.

Demnig hat in einer Chronik auf seiner Webseite www.stolpersteine.eu alle Orte aufgelistet, in denen bereits Stolpersteine verlegt sind, unter anderem Marburg, Biedenkopf, Bad Endbach und Lohra.

Das Projekt hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Privatpersonen können Pate eines Stolpersteines werden. Wer ein solches Denkmal in der Kommune realisieren möchte, kann eine Anfrage an Demnig stellen. Die Kontaktdaten sind auf der Webseite einsehbar.

Von Michael Tietz

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