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Hinterland Ein Baby lässt sich nicht absagen
Landkreis Hinterland Ein Baby lässt sich nicht absagen
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12:24 27.04.2020
Eine Hebamme wiegt im Rahmen der Nachsorge ein Baby (gestellte Szene).  Quelle: FOTO: JULIAN STRATENSCHULTE/DPA
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Biedenkopf

Geduld haben, zu Hause bleiben, Kontakte beschränken und Abstand halten – lästig, aber machbar für viele, selbst wochenlang. Aber was tun Menschen, die den engen Kontakt zu anderen schon von Berufs wegen nicht vermeiden können, ja wo dieser sogar zwingend notwendig ist? Eine Schwangere etwa kann nicht auf das Ende der Corona-Krise warten, ein Baby lässt sich nicht absagen. Wir haben Hebammen gefragt, wie sie ihren Beruf in Corona-Zeiten ausüben.

Sarah Moitzheim

Sarah Moitzheim arbeitet in der Hebammenpraxis Biedenkopf. „Wir haben derzeit alle Geburtsvorbereitungskurse auf Eis gelegt“, berichtet die 43-jährige gebürtige Biedenkopferin. „Die Nachsorge dürfen wir noch machen, das heißt die Versorgung von Mutter und Neugeborenem.“ Das aus drei Hebammen bestehende Team versuche, so wenig wie möglich zu den Müttern hinzufahren, erklärt Moitzheim.

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Dies gehe aber nur, wenn sie auch das Gefühl habe, eine gute Versorgung von Mutter und Kind sei gewährleistet und sie sehe beispielsweise, dass das Baby gut zunehme. Dann könne sie auch die Zeitabstände ihrer Besuche langsam größer werden lassen.

Grundsätzlich versuche sie, viel übers Telefon zu erledigen, konkret per Videotelefonie. Allerdings gestalte sich dies bei Patientinnen, die nicht so gut deutsch sprechen, oft etwas schwieriger. Die vor Corona offene Hebammensprechstunde, zu der früher jede Frau einfach in die Praxis kommen konnte, finde jetzt nur noch nach vorheriger Terminabsprache statt.

Onlinekurse zur Geburtsvorbereitung würden bislang noch nicht angeboten, sagt Moitzheim. Man werde sich aber auch darüber Gedanken machen. Denkbar seien solche mit kleineren Gruppen oder auch Wochenendcrashkurse, um die Frauen gut auf die Geburt vorbereiten zu können. Die Frage, ob die Corona-Pandemie auch Angst um die eigene Gesundheit in ihr auslöse, verneint Moitzheim: „Ich muss sagen, ich hab da keine Ängste vor dem Virus. Ich trage einen MundNasen-Schutz, Schutzhandschuhe und halte Abstand, solange es geht. Zudem mache ich Hausbesuche nur solange jeder gesund ist. Das Virus hole ich mir viel eher beim Einkaufen als im Kontakt mit Patienten.“ Momentan betreut die Hebamme drei Entbundene mit ihren Neugeborenen und zwei Schwangere. Die Betreuung laufe im Normalfall immer acht bis zwölf Wochen lang, momentan versuche sie, die Zeit zu verkürzen.

Angela Willershausen

Angela Willershausen betreibt ihre „Praxis im Alten Bahnhof“ seit dem 1. Januar in Lohra. Dort finde derzeit kein Geburtsvorbereitungskurs statt, erklärt die 60-Jährige. Sie habe einen Online-Kurs angeboten, die schwangeren Frauen hätten diesen aber nicht gewollt. „Den Frauen kommt es ja auf den persönlichen Kontakt und auch auf den Austausch untereinander an. Zudem legen sie viel Wert auf ein Kennenlernen und Vernetzen mit anderen Müttern“, meint die Hebamme. Online sei dies nur schwer möglich. So habe sie die Frauen zwar vertrösten müssen, aber es bestehe die Hoffnung, dass das Gesundheitsamt demnächst zumindest Kurse mit drei Teilnehmerinnen erlaube. Diese Kurse könnten etwa draußen auf der Terrasse stattfinden, wo die Schwangeren genug Abstand zueinander hätten. Ansonsten gestalte sich ihre Arbeit derzeit so, dass sie natürlich Hausbesuche mache, die Nachsorge laufe ja in der Regel bis zur zwölften Woche. Natürlich sei sie mit einem Mund-NasenSchutz ausgerüstet und desinfiziere sich die Hände. Allerdings habe jede Hebamme nur zehn Mundschutze [Anm. d. Red: vom Gesundheitsamt] erhalten. „Das ist nicht viel!“. Ihre Patientinnen treffe sie, falls absolut notwendig, auch in der Praxis. Die meisten würden allerdings zum Telefon greifen oder die Kommunikation über Facetime bevorzugen. Bei einem Hausbesuch lege sie zudem Wert darauf, dass sich niemand im Raum befinde außer ihr selbst und der Mutter mit ihrem Baby.

„Aus Sorge um das ungeborene oder neugeborene Baby nehmen sich die Frauen und ihre Familien sehr in Acht und halten sich an die Abstands- und Kontaktregeln“, sagt Willershausen. Weil sie selbst Asthmatikerin sei, habe sie natürlich auch Angst vor einer Erkrankung durch das Coronavirus, tatsächlich würden für sie aber die Existenzsorgen überwiegen. Denn die Miete für die Praxis müsse weiterhin gezahlt werden, auch wenn die Räume nicht genutzt würden.

Angela Schwarz

Angela Schwarz betreibt die Hebammenpraxis „Storchennest“ in Eschenburg-Eibelshausen und wohnt in Biedenkopf. Die Patientinnen betreut sie normalerweise zusammen Ein Baby lässt sich nicht absagen Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Arbeit von Hebammen? Drei von ihnen schildern ihre Erlebnisse mit einer weiteren Hebamme, momentan arbeite sie aber weitgehend alleine, erzählt sie. „Ich habe die glückliche Lösung gefunden, die Geburtsvorbereitungs- und Gymnastikkurse für Gruppen demnächst per Videokonferenz im Live-Stream anbieten zu können“, sagt Schwarz. Zusätzlich seien auch noch einige Vorträge online geplant. In Sachen Hausbesuche mache sie indes nur das, was unbedingt nötig ist – natürlich versehen mit Mundschutz, Handschuhen sowie Abstand haltend und allgemeine Hygienevorkehrungen treffend.

Patientinnen betreue sie manchmal über ein Jahr lang, denn die meisten meldeten sich schon sehr früh bei ihr. Eine „gewisse Furcht vor dem großen Unbekannten“, was die Länge des Shutdowns betreffe, könne sie nicht absprechen, räumt Schwarz ein. Dennoch bleibt die Hebamme optimistisch: „Es wird einen Weg geben!“, ist sie sich sicher. Und sie schließt: „Ich werde alles tun, um eine Betreuung über digitale Möglichkeiten zu ermöglichen“.

von Birgit Schönig

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