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Hinterland Mit Zwille auf Busse geschossen
Landkreis Hinterland Mit Zwille auf Busse geschossen
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10:01 21.11.2021
Auch ein Busunternehmen aus Bad Endbach war Opfer des Zwillenschützen, der nun vor Gericht stand.
Auch ein Busunternehmen aus Bad Endbach war Opfer des Zwillenschützen, der nun vor Gericht stand. Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter
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Wetzlar

Im Januar 2020 wurde zwei Mal in kurzer Zeit auf Linienbusse in Hohenahr und Bischoffen geschossen. Die Tatwaffe, so vermutete die Polizei zunächst: ein Luftgewehr. Unter Busfahrern im Lahn-Dill-Kreis und im Landkreis Gießen waren allerdings schon mehr solcher Vorfälle bekannt. Die Ermittlungen führten zu einem 44-jährigen Busunternehmer aus dem Kreis Gießen. Neun dieser Vorfälle sollen auf sein Konto gehen. Jetzt musste sich der 44-Jährige wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung, versuchten gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Sachbeschädigung vor dem Wetzlarer Amtsgericht verantworten. Letztlich wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Fensterscheiben beschädigt

Konkret soll er aus seinem Auto heraus Metallkugeln mit einer Zwille auf die Busse geschossen haben. Dabei soll er jeweils eine der Fensterscheiben beschädigt und in Kauf genommen haben, dass Fahrgäste – darunter Schulkinder – hätten verletzt werden können. Zu Schaden kam niemand. Als Motiv wurde Rache vermutet, weil es mit drei konkurrierenden Busunternehmen Rechtsstreitigkeiten gegeben haben soll.

Die Vorwürfe seien „leider so zutreffend“, gestand der Angeklagte, der bis 2020 Geschäftsführer und Teilhaber mehrerer Bus- und Reiseunternehmen war. „Ich möchte es gern erklären“, sagte er. So sei er seit 2015 zunehmend in „emotionale Schieflage“ geraten. Er sei einer hohen privaten wie geschäftlichen Belastung ausgesetzt gewesen. Krankheiten, Todesfälle und Streitigkeiten im familiären Umfeld seien besonders schlimm für ihn gewesen. Zugespitzt habe sich die Situation 2019, als er auch die erste Straftat beging. „Ich habe die Taten begangen als Ventil.“

Zwille schon vorher besessen

„Aber wie kommt man denn auf diese Idee? Man kann ja zum Beispiel auch joggen gehen“, hielt der vorsitzende Richter dem Mann vor. Das Ganze sei „nicht geplant“ gewesen, entgegnete der 44-Jährige. Er habe die Zwille nicht gekauft, „um das zu machen“, sondern sie schon vorher besessen. Er sei Jäger und Sportschütze und besitze ein Luftgewehr. Die Zwille habe er angeschafft, um „Ungeziefer an Mülltonnen zu verjagen“. Bei einer Übungsrunde habe er dann einmal aus Versehen auf eine Scheibe geschossen und gesehen, dass „der Schuss nicht durchgeht“.

Für ihn sei bei Schüssen mit den im Durchmesser zehn Millimeter großen Metallkugeln ausgeschlossen gewesen, jemanden zu verletzen. Das sei nicht seine Intention gewesen. „Warum dann auf Busse schießen, in denen Menschen sitzen?“, hakte der Vorsitzende nach. „Ich wollte ihnen eins auswischen, aber immer mit dem Vordergrund, niemanden zu verletzen“, beschrieb der 44-Jährige. Mit „ihnen“ waren die drei Konkurrenz-Unternehmen aus Gießen, Ehringshausen und Bad Endbach gemeint, deren Busse der Mann beschossen hatte.

Dass es zuvor mit den Konkurrenten Unstimmigkeiten gab, räumte der Angeklagte ein. Mit einem der drei Unternehmen hatte es einen Rechtsstreit gegeben. Wenn man so etwas mache, dann falle es einem bei jemandem leichter, mit dem man sowieso zerstritten sei, gab der Mann an. „Ich bereue es zutiefst und möchte diese Sachen am liebsten ungeschehen machen“, sagte er und betonte, er sei eigentlich ein kontrollierter Mensch. „Es fällt mir schwer, meine Taten heute nachzuvollziehen.“

Schleuder lag im Handschuhfach

Die Staatsanwältin wollte wissen, ob er in den elf Monaten, in denen er – drei Mal im Februar 2019, drei Mal im Juni, ein Mal im November 2019 und zwei Mal im Januar 2020 – auf die neun Busse geschossen hatte, die Zwille immer dabei gehabt habe. Er habe Zwille und Metallkugeln im Handschuhfach gehabt und jedes Mal spontan danach gegriffen, wenn ihm ein Linienbus der Konkurrenz entgegenkam, sagte der Mann.

Dass er ganz unterschiedliche Strecken zu ganz unterschiedlichen Zeiten gefahren war, ohne das geplant zu haben, stellte die Staatsanwältin infrage. Daraufhin schilderte der 44-Jährige, er habe mit einer Hand an Lenkrad und Zwille während des Fahrens aus dem Autofenster geschossen, mal im Stehen mit beiden Händen an der Zwille auf einen parkenden Bus.

Unter den Bussen waren Leerfahrten, parkende Busse, fahrende Busse und auch Schulbusse. Getroffen wurde jedes Mal eine der Scheiben, meist im hinteren Bereich. Eine Kugel war im Inneren der Busse nie gefunden worden. Vier Mal war lediglich die äußere der doppelverglasten Scheiben beschädigt gewesen. Verletzt wurde niemand.

Die Busfahrer, die als Zeugen aussagten, wurden von dem jeweiligen Schuss auf die Scheibe erschrocken oder zumindest überrascht, wie sie dem Gericht schilderten. Manch ein Fahrer bemerkte den Schuss aber auch gar nicht, in anderen Fällen waren Schulkinder im Bus von dem Einschlag verängstigt.

Als „skurrile, wenn nicht absurde Tat“ stufte der Verteidiger die Vorkommnisse ein. Die Staatsanwältin kommentierte: „Für mich ist das absolut unbegreiflich.“ Der 44-Jährige machte nach seiner Verhaftung im Januar 2020 eine Psychotherapie, um seine Tat zu verstehen, wie er angab.

Kein ­Jungenstreich

Aufgeflogen war er, weil einer der Busfahrer aus Bischoffen das Auto des Mannes via Dash-Cam filmte. Unter den Busfahrern hatten sich die Schüsse derweil auch herumgesprochen, wie im Zeugenstand mehrfach geäußert wurde. Einer der Fahrer hatte den 44-Jährigen sogar während des Vorfalls erkannt: „Er kam mir entgegen und ich habe ihn noch gegrüßt, er hat zu mir hochgeschaut, aber mich nicht gegrüßt“, erinnerte sich der 39-Jährige. Erst als die Polizei ihn zum Einschuss an der Scheibe befragt habe, „wurde mir klar: Der hat das wirklich gemacht“, sagte der Zeuge.

Dem 44-Jährigen wurde vor allem seine Geständigkeit zu Gute gehalten, und er war nicht vorbestraft. An eines der drei Unternehmen hat er den entstandenen Schaden von rund 3 000 Euro bereits gezahlt, den anderen beiden Unternehmen Zahlungsbereitschaft signalisiert. Vom Gericht wurde er wegen Sachbeschädigung in neun Fällen zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Zu den Auflagen gehört eine Zahlung von 40 000 Euro an die Staatskasse, von denen 30 000 Euro an eine gemeinnützige Organisation weitergeleitet werden.

Den Vorwurf der versuchten gefährlichen Körperverletzung und des versuchten gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr sah das Gericht nicht als erwiesen an. Der vorsitzende Richter führte aus, das Ganze sehe erst einmal sehr gefährlich aus, „aber Sie kennen sich sowohl mit der Zwille, als auch mit den Busscheiben aus“. Daher habe es „keine konkrete Gefährdung“ gegeben.

Die Zwille hatte laut waffentechnischer Untersuchung durch das Landeskriminalamt eine halb so große Energie wie ein Luftgewehr. „Wenn Sie hätten Schaden anrichten wollen, hätten Sie ganz andere Waffen gehabt, aber Sie haben die Zwille genommen, weil die nicht so gefährlich ist“, schlussfolgerte der Vorsitzende. Dennoch stoße die Aktion auf „völliges Unverständnis“ bei den Verfahrensbeteiligten. In neun Fällen über einen langen Zeitraum habe offenbar keine Reflexion bei dem 44-Jährigen stattgefunden, sondern erst nach der Verhaftung. Mit „das ist kein dummer Jungenstreich mehr“, schloss der Richter.

Von Anna-Lena Fischer

20.11.2021
16.11.2021