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Hinterland "Ich knall deine Mutter ab!"
Landkreis Hinterland "Ich knall deine Mutter ab!"
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00:18 29.05.2019
Im September brannten vor dem Landratsamt in Biedenkopf mehrere Autos. Der mutmaßliche Täter steht nun vor dem Marburger Landgericht. Quelle: Nadine Weigel
Biedenkopf

Er soll seine Mutter gewürgt, seinen Großvater mit dem Tod gedroht, Polizisten beschimpft und fünf Autos auf dem Parkplatz des Landratsamts in Biedenkopf angesteckt haben. Aufsehen erregte­ 
vor allem die letzte Tat: Am 24. September gingen auf dem Parkplatz der Außenstelle der Kreisverwaltung fünf Autos in Flammen auf. Polizisten nahmen den 22-jährigen mutmaßlichen Täter kurz darauf fest. Er gab gestern die Vergehen weitgehend zu.

Der junge Mann hat keinen festen Wohnsitz, ist derzeit in der Vitos-Klinik in Haina untergebracht. Nach heftigen Streitigkeiten mit seiner Mutter musste er zu Hause ausziehen. Sie soll er schon 2017 zweimal an den Hals gefasst und gewürgt haben. Außerdem soll er gedroht haben, sie zu töten. Von seinem Großvater soll er im September 2017 mehrere Tausend Euro gefordert haben. Andernfalls werde er ihn umbringen.

Der Angeklagte sitzt in Jogginghose und zerknittertem weißen T-Shirt, die Hände gefesselt, ruhig neben der Pflichtverteidigerin. Er werde sich selbst nicht äußern, erklärt er auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin, der Vizepräsidentin des Landgerichts Beate Mengel.

Doch dann redet er doch, gibt kurze, kaum verständliche Antworten. In einen Redefluss gerät er nur, wenn er von seinen Erfahrungen in Kampfkunst erzählt – oder von seinem sehnlichen Wunsch, eine Barkeeper-Schule zu besuchen. Eine Berufsausbildung hat er nie absolviert, eine Kochlehre nach sechs Wochen abgebrochen.

Für die Barkeeper-Schule habe er wohl auch die 5.000 Euro von seinem Großvater haben wollen, vermutet der Angeklagte. Er könne sich aber nicht erinnern, er habe Cannabis, Kokain und Alkohol konsumiert. Mit 15 habe er zum ersten Mal gekokst, berichtet er in einem Nebensatz. Und: „Ich bin mit Schlägen groß geworden.“

"Er war höflich, ich kann mich nicht beschweren"

Auslöser für den heftigen Streit mit der Mutter: Er habe nach Bremen ziehen wollen. Auch seine Mutter sei sehr aggressiv gewesen, sagt die Verteidigerin Vanessa Roth. Mit dem Tod habe er sie aber nicht bedroht, ­ergänzt der Angeklagte. Er kam im Mai 2018 vorübergehend in der Obdachlosenunterkunft am Seewasem in Biedenkopf unter.

Doch die Stadt erteilte ihm Hausverbot, weil er bei Kampfsportübungen mit Stöcken Löcher in die Wände geschlagen und zudem die Tapete mit Sprüchen beschmiert haben soll. Eine Sozialarbeiterin des Kreises vermittelte ihm einen Platz in einer Wetzlarer Unterkunft. Doch die verließ er nach einem Wochenende – fünf Tage vor der Brandstiftung am Landratsamt – wieder, er wollte zurück nach Biedenkopf.

Doch dort habe er Probleme, einen Job zu finden, erklärt die 60-Jährige, die den Mann seit knapp vier Jahren betreut. Er sei stadtbekannt. Eigentlich habe er einen Platz im betreuten Wohnen haben wollen. „Er war höflich, ich kann mich nicht beschweren“, sagt sie über den Angeklagten.

Im Landratsamt war er bekannt, nutzte unter anderem die Computer im Kreisjobcenter, um Bewerbungen zu schreiben. Als er bei der Sozialarbeiterin am 24. September 2018 einen Scheck über 45 Euro Sozial­leistungen abholte, drohte er, Verbrechen zu begehen. Solche Aussagen seien jedoch nicht ungewöhnlich, sagt sie gestern.

Dass der Mann aber nicht immer nur nett und höflich war, bestätigen andere Kreisangestellte. Im Amt hatte der Angeklagte nämlich am Tag der Brandstiftung bereits Hausverbot – er hatte einmal außerhalb der Öffnungszeit das Gebäude betreten, war an der Pforte abgewiesen worden und hatte sich lautstark darüber beschwert.

Festnahme war für Angeklagten eine Erleichterung

Er durfte seitdem nur noch die Schecks abholen. Der eigentlich zuständige Mitarbeiter wollte das nicht machen und bat die Sozialarbeiterin darum. Es sei immer wieder zu Konflikten ­gekommen, sagt der 59-jährige Kreisangestellte vor Gericht: „Es sind viele Forderungen gestellt worden. Wenn das nicht funktionierte, ist er schon mal ausfällig geworden.“

Der Mann soll direkt im Anschluss den Scheck eingelöst, einen Döner gegessen und Süßigkeiten gekauft haben – danach Brandbeschleuniger, Feuerzeug und Küchenmesser. Laut Anklageschrift ging er zurück zum Landratsamt und schüttete den Brandbeschleuniger in die Kühlschlitze von fünf Wagen. Diese gingen in Flammen auf, der Schaden: 70.000 Euro.

Mehrere Mitarbeiter und Passanten sahen den Mann und erkannten ihn. Der Hausmeister wählte den Notruf. Er und ein Kreisangestellter verfolgten den Angeklagten einige Meter, dabei soll er sie mit dem Messer bedroht haben. Dies stritt der Angeklagte ab. Er habe das Messer lediglich mit sich getragen.

Polizisten nahmen ihn kurze Zeit später am Bahnhof fest. Er leistete keinen Widerstand, soll sie aber später beschimpft und bedroht haben. Aussagen wie „Hurensohn“ fielen, und „ich knall deine Mutter ab“. Nach dem Rauswurf aus dem Biedenkopfer Obdachlosenheim sei die Situation unerträglich gewesen, sagt die Verteidigerin.

„Er wusste nicht weiter. Er wollte, dass er festgenommen wird und in die JVA kommt. Das war seine einzige Unterkunftsmöglichkeit.“ Die Festnahme sei für ihn eine „Erleichterung“ gewesen.
Die Verhandlung wird am Montag fortgesetzt, unter anderem mit einem psychiatrischen Gutachten.     

von Mark Adel