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Hinterland Hymne auf das schönste aller Instrumente
Landkreis Hinterland Hymne auf das schönste aller Instrumente
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09:00 05.06.2019
Wilson Hermanto dirigierte mit vollem Körpereinsatz die Cameristi della Scala. Quelle: Nadine Weigel
Buchenau

Es grenzt an ein Wunder: Zwei Dutzend Mitglieder eines Weltklasseorchesters treten im sogenannten Hinterland auf. Zu verdanken ist dies dem künstlerischen Leiter der Eckelshausener Musiktage Juli­us Berger, aber auch dem Ruf, den dieses kleine, aber feine Festival weit über die Region hinaus genießt. Die Cameristi della Scala, das Kammerorchester der Mailänder Scala, und ihr erster Gastdirigent Wilson Hermanto, ein Energiebündel am Pult, hatten zwei Programme mitgebracht, die dem schönsten aller Instrumente huldigten: der menschlichen Stimme – auch wenn diese gar nicht zu hören war. Aber auch Orchestermusiker können musizierend singen, zumal wenn sie in jenem Land wirken, in dem die Wiege der Oper stand.

Beglückend zu erleben war dies gleich im Auftaktstück am Samstagabend, Edvard Griegs „Holberg“-Suite. Die an das Vorbild Johann Sebastian Bach erinnernde „Air“ sangen die Streicher der Mailänder Scala zum Dahinschmelzen schön. In ­Robert Schumanns Cellokonzert begleiteten sie den Solisten so innig, wie es eben nur ein Orchester vermag, dessen vornehmste Aufgabe es ist, im Orchestergraben die Sänger auf Händen zu tragen. Julius Berger, der seit 26 Jahren durch sein aus tiefstem Herzen kommendes Musikertum das Festival prägt, erwies sich als überaus nobler Sänger auf seinem Instrument. Nicht nur bei Schumann, auch in einer von ihm beauftragten Uraufführung.

Lang anhaltender Applaus für Uraufführung

Der 1978 in Kassel geborene Komponist Torben Maiwald hat sich zu seinem dreisätzigen Cellokonzert „Musica montana“ von einem Besuch des Seligpreisungs-Berges in Israel und von der Bergpredigt anregen lassen. Aber auch ohne dieses Wissen lässt sich seine Musik genießen, weckt möglicherweise bei jedem Zuhörer andere Assoziationen. Maiwald ist es gelungen, so zu komponieren, dass es, wie Mozart gesagt hätte, „angenehm in die Ohren geht“ und sich dennoch nicht anbiedert. Dafür feierte ihn das Publikum lang anhaltend – wie auch den Solisten, der über weite Strecken ohne Orchesterbegleitung eindringlich zu seinen Zuhörern sprach.

Im Finale des Samstagabends spielten die Streicher im Stehen – mit Ausnahme der fünf Cellisten. Denn Richard Strauss hat seine „Metamorphosen“ für 23 solistische Streichinstrumente­ komponiert. Jeder Instrumentalist hat eine eigene Stimme in diesem zutiefst berührenden halbstündigen Gesang, mit dem der fast 80-jährige Komponist die von Hitler-Deutschland verschuldete Zerstörung der Opernhäuser und Konzertsäle in Berlin, München, Dresden und Wien beklagte. Die Intensität, mit der die 23 Mailänder Musiker unter Hermantos fordernder Leitung diese freie Variation über den Trauermarsch aus Beethovens „Erocia“ musizierten, dürfte keinen der 320 Zuhörer kalt gelassen haben.

Noch besser besucht mit 360 Musikliebhabern war der Sonntagnachmittag, als zu Beginn endlich auch das Werk eines Italieners erklang: drei „Intermezzi Goldoniani“ von Marco Enrico Bossi, der um 1900 zu den Großen der Organistenzunft zählte. Und wieder wurde instrumental gesungen: von der Solobratsche zur Gitarrenbegleitung der übrigen Streicher. In Wolfgang Amadeus Mozarts Oboenkonzert übernahm Fabien Thouand den Gesangspart. Und es war eine wahre Wonne, dem ersten Solo-Oboisten des Scala-Orchesters zuzuhören, dem auf seinem wunderbar weich klingenden Instrument mühelos Belcanto-Kunststücke wie das „Messa di voce“ gelang: das bruchlose ­dynamische An- und Abschwellen auf einem Ton.

Festivalgründerin Annemarie Gottfried fertigte Papierskulpturen

Mit Peter Tschaikowskys „Souvenir de Florence“, in dem sich russische Folklore mit Erinnerungen aus Italien verbinden, setzten die Cameristi della Scala den furiosen Schlusspunkt unter ihren Hymnus auf das schönste aller Instrumente.

Zum Ausklang gab es auf der Wiese gegenüber dem Atrium­ Roth kulinarische Genüsse aus Deutschland und Italien. Und wer genau hinhörte, erlebte, dass diese Wiese klang, wie Berger es formulierte – dank der Papierskulpturen, welche die 95-jährige Festivalgründerin Annemarie Gottfried eigens angefertigt hatte, darunter auch Helden aus drei Verdi-Opern, die an der Mailänder Scala uraufgeführt wurden: die klagenden Hebräer aus „Nabucco“, der siegreiche venezianische Feldherr Otello und der lebensfrohe Falstaff.

Schade, dass die Cameristi nicht mehr mit dabei waren. Denn sie mussten gleich nach dem Konzert die Heimreise antreten, da sie gestern wieder Dienst im Orchestergraben der Scala taten.
Aber ihr Dirigent hatte zuvor kundgetan, dass er sich auf ein Wiedersehen freue. Zu hoffen bleibt, dass es dazu kommt.

von Michael Arndt