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Hinterland Künstlerin stirbt im Alter von 98 Jahren
Landkreis Hinterland Künstlerin stirbt im Alter von 98 Jahren
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19:57 10.05.2022
Annemarie Gottfried, Künstlerin und Gründerin der Eckelshausener Musiktage, ist tot. Sie starb am Freitag im Alter von 98 Jahren. Das Foto entstand im März 2019.
Annemarie Gottfried, Künstlerin und Gründerin der Eckelshausener Musiktage, ist tot. Sie starb am Freitag im Alter von 98 Jahren. Das Foto entstand im März 2019. Quelle: Tobias Hirsch
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Eckelshausen

Annemarie Gottfried, die Gründerin der Eckelshausener Musiktage, ist tot. Sie starb am Freitag (6. Mai) im Alter von 98 Jahren.

Annemarie Gottfried war eine bemerkenswerte Frau mit einer ebenso bemerkenswerten Vita. Sie wurde am 10. März 1924 in Bad Schwalbach im Taunus geboren. 1925 kam sie als Baby mit ihren Eltern nach Biedenkopf, wo sie bis 1935 aufwuchs. Ihr Vater arbeitete im Hinterland als Kreistierarzt. Sie habe dadurch viel von der bäuerlichen Kultur mitbekommen, vor allem Trachten interessierten sie, erinnerte sich die Künstlerin im hohen Alter von 89 Jahren anlässlich der Verleihung des Kreislöwens, den ihr Landrat Robert Fischbach im Jahr 2013 für ihre Verdienste um den Landkreis überreichte. Annemarie Gottfried war damals die zweite Preisträgerin nach Dr. Guiseppe Faussone, der in Stadtallendorf das Ferrero-Werk aufgebaut hatte.

Ausbildung zur Säuglings-Krankenschwester

1935 zog sie mit ihrer Familie nach Pforzheim, später machte sie in Düsseldorf eine Ausbildung zur Säuglingskrankenschwester. Sie arbeitete im Krieg als Kinderkrankenschwester in Mainz, in Litauen, wo sie fliehen musste, und in München, wo sie 1945 das Kriegsende erlebte. Zwei ihrer Brüder starben 1944 im Zweiten Weltkrieg.

Zu Fuß von München nach Biedenkopf

1945 zog es sie zurück in ihre alte Heimat Biedenkopf. Sie machte sich zu Fuß auf den Weg. 430 Kilometer. 1948 heiratete sie den Musiker Heinz Gottfried. Schon während des Krieges hatte Annemarie Gottfried Spielpuppen für die Kinder im Krankenhaus genäht. In Biedenkopf machte sie aus ihrer Leidenschaft einen Beruf: Sie gründete eine Puppenwerkstatt. Nach einer Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf 1951 gründete sie ein Atelier mit Sitz in Düsseldorf und Biedenkopf: Ihre handgefertigten Trachtenpuppen ließ sie als Werbemittel für Unternehmen wie Lufthansa, Blaupunkt, Sarotti oder La Roche von Hunderten Heimarbeiterinnen produzieren.

Den Puppen und Figuren blieb Annemarie Gottfried auch nach der Schließung des Ateliers treu. Ihr bekanntestes Werk ist wohl der „Troubadour“, eine mehr als drei Meter große Bronzeskulptur, die heute vor dem Biedenkopfer Rathaus steht.

Schartenhof wurde ihr größtes Projekt

1970 entdeckte sie mit ihrem Mann den verfallenen Schartenhof in Eckelshausen. Der 300 Jahre alte Hof wurde ihr größtes Projekt: Sie baute ihn gemeinsam mit ihrem Mann, der 1978 starb, aus zu ihrem Wohnhaus, das gleichzeitig ein Kulturzentrum war, in dem sie im Laufe vieler Jahre mehr als 250 Ausstellungen organisierte.

Unterdessen nahm ein weiteres Kultur-Projekt Gestalt an: Am 27. September 1986 gründete sie die Eckelshausener Musiktage. Heute sind sie ein überregional bedeutendes Kammermusikfestival, das jährlich stattfindet. 1997 folgte ein weiteres, wohl einzigartiges Erfolgsprojekt: Gemeinsam mit dem Wiener Regisseur Max Wichtl hob sie das Marionettentheater Schartenhof aus der Taufe, das mit großem Erfolg ausschließlich Opern auf die Bühne brachte: Sie erstellte die Figuren, Wichtl inszenierte, Jugendliche und junge Erwachsene spielten – fast immer vor ausverkauftem Haus.

Bundesverdienstkreuz und Ubbelohde-Preis

Neben diesen kulturellen Aktivitäten, die auch einen enormen Organisationsaufwand bedeuteten, blieb sie bildende Künstlerin, widmete sich im Alter von 80 Jahren zunehmend der Bronzeplastik, stellte ihre Figuren weiterhin im In- und Ausland aus. Unterstützt wurde sie bis zu deren frühem Tod im Jahr 2017 von ihrer Tochter Katharina Gottfried-Zürcher. Die Eckelshausener Musiktage werden seit 2018 von ihrer Enkelin Mareile Zürcher geleitet. Sie finden in diesem Jahr vom 28. Mai bis zum 5. Juni statt und werden dem Andenken an Annemarie Gottfried gewidmet.

Darüber hinaus kämpfte sie unermüdlich für soziale Gerechtigkeit. Sie unterstützte Unicef Marburg, veranstaltete Benefizkonzerte zugunsten von leukämiekranken Kindern, für die Hilfe bei Hochwasserschäden an Kulturgütern sowie für die Musikausbildung junger osteuropäischer Kinder.

Annemarie Gottfried wurde 1990 mit dem Otto-Ubbelohde-Preis des Landkreises ausgezeichnet, erhielt 1993 den Kreislöwen und wurde 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt. Ihr Tod ist ein großer Verlust.

Von Uwe Badouin