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Hinterland Ducken und Tarnen schützt nicht vor scharfen Messern
Landkreis Hinterland Ducken und Tarnen schützt nicht vor scharfen Messern
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20:58 30.05.2021
Landwirt Niklas Schäfer (oben von links) mäht eine Wiese bei Hachborn, Sophie Schneider untersucht die Wiese mit Hund Pepe, Kreislandwirt Frank Staubitz (unten von links) installiert ein Schallwarnsystem (Schallkanone) auf dem Mähwerk am Traktor, Carol Grieger lässt eine Drohne über die Wiese fliegen, und Kreislandwirt Frank Staubitz stellt einen Raschelsack auf.
Landwirt Niklas Schäfer (oben von links) mäht eine Wiese bei Hachborn, Sophie Schneider untersucht die Wiese mit Hund Pepe, Kreislandwirt Frank Staubitz (unten von links) installiert ein Schallwarnsystem (Schallkanone) auf dem Mähwerk am Traktor, Carol Grieger lässt eine Drohne über die Wiese fliegen, und Kreislandwirt Frank Staubitz stellt einen Raschelsack auf. Quelle: Fotos/Collage: Thorsten Richter
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Gladenbach

Obwohl inzwischen die meisten Landwirte die erste Mahd für Grassilage eingefahren haben, sind die Gefahren für Jungtiere längst noch nicht gebannt: Denn in Kürze steht die Heu-Mahd an. Im dichten und wegen der anhaltenden Feuchte in diesem Frühjahr besonders hohen Gras tummelt sich der Nachwuchs von Rot- und Rehwild, aber auch der von Feldhasen, Fasanen und Rebhühnern.

„Im schnell wachsenden Gras lassen die Eltern ihre Jungtiere gerne zurück, weil sie dort geschützt sind, etwa vor dem Fuchs“, erklärt Volker Klingelhöfer von der Jägervereinigung Hinterland. Das Ducken und Tarnen schütze aber nicht vor den Mähmessern, gibt er zu Bedenken.

Mit der ersten Mahd gehe nicht nur der Schutzraum Gras verloren: Viele Jungtiere fallen den scharfen Messern der Mähwerke zum Opfer. Die Traktoren werden immer schneller und sind teilweise mit mehreren Kreiselmähern ausgestattet. Etwa 1000 Opfer seien es alleine jedes Jahr in Hessen, „bundesweit wird die Zahl auf 100 000 geschätzt“, weiß Klingelhöfer, und er erklärt: Die Natur habe die Jungtiere darauf programmiert, bei Störungen zu verharren, was eigentlich auch richtig sei.

Schutz vor Verletzungen

Tarnfarbe und Geruchlosigkeit machten sie weitgehend unsichtbar. Wenn aber der Kreiselmäher darüber hinweggehe, werde das eigentlich richtige Verhalten zur Gefahr, berichtet Klingelhöfer. Um möglichst viele Jungtiere vor dem Mäh-Tod oder grausamen Verletzungen zu bewahren, machen Jäger und Landwirte gemeinsame Sache: „Wir bitten die ortsansässigen Bauern, frühzeitig über Mähtermine zu informieren“, erläutert Klingelhöfer.

Die Jäger haben dann Gelegenheit, am Abend vor der Mahd Wildscheuchen aufzustellen. „Kunststoffsäcke, die auf in den Boden gerammte Pfähle gebunden werden, reichen da völlig aus“, weiß der Biedenkopfer. „Sie veranlassen die Rehmütter, nachts ihre Kitze von diesen Flächen wegzulotsen.“ Auch kleine Plastikwindrädchen, die es in jedem Spielwarengeschäft gibt, können an Pfählen befestigt werden und haben durch das surrende Geräusch eine ähnliche Wirkung.

Darüber gibt es die Möglichkeit, die Wiesen mit sogenannten Infradetektoren abzusuchen. Jäger können auch das Wiesenstück mit dem Jagdhund durchsuchen. „Der Vierbeiner weist dann durch das sogenannte Vorstehen darauf hin, dass sich an dieser Stelle ein Jungtier im Gras verbirgt“, sagt Klingelhöfer und beschreibt weiter: „Der Jäger kann dann das Tierchen - in Grasbüschel gehüllt - wegtragen, damit ihm kein menschlicher Geruch anhaftet und die Tiermutter unter Umständen ihr Junges nicht erkennt und verlässt.“

Das Kitz würde ansonsten jämmerlich verhungern, mahnt er. Deshalb sollten Spaziergänger, die auf solche Jungtiere stoßen, diese auf keinen Fall anfassen oder gar mitnehmen. Im Zweifelsfall sollte immer ein Jäger informiert werden.

Tipps vom Jagdverband

Der Landesjagdverband Hessen gibt weitere Tipps: Ungewohnte Geräusche und optische Signale werden auch von speziellen „Wildwarnern“ abgegeben, die im Handel verfügbar sind. Wildwarner oder auch Scheuchen dürfen allerdings nur kurz vor dem Mähen eingesetzt werden, da sich das Wild sonst schnell daran gewöhnt. Auch kann der Landwirt am Vorabend einen Streifen anmähen, damit das Wild die Gefahr rechtzeitig erkennt und über Nacht flüchtet. Bevor der Landwirt am nächsten Morgen mit dem Mähen beginnt, kommt hier und da sogar technische Unterstützung aus der Luft zum Einsatz. Mit Wärmebildkameras ausgestattet können Flugdrohnen ein Kitz sicher erkennen. Sie werden seit neuestem vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert. Im April luden der Landesjagdverband Hessen und der Hessische Bauernverband zu einem Wildtierrettungsseminar. Dort wurde über bewährte Methoden und auch den Einsatz von Wärmebilddrohnen ausführlich und anhand verschiedener Fallbeispiele informiert.

Zeit drängt

Ein Landwirt aus dem Raum Gladenbach, der namentlich nicht genannt werden möchte, berichtet im Gespräch mit der OP, dass solche technische Unterstützung zwar wünschenswert, aber oft nicht verfügbar sei. Selbst andere Hilfe ist, nach seinen Erfahrungen, oft schwer koordinierbar. Wann genau er seine zahlreichen Wiesenflächen mähe, könne er oft erst kurzfristig entscheiden, erklärt er.

Wie viele Berufskollegen, wartet auch er auf sonnige Tage. Von seinen Grasflächen will er Heu ernten. Er setzt auf eine bewährte Mähtechnik, die dem Wild ohne großen Aufwand Fluchtmöglichkeiten ermöglicht. „Ich mähe die Wiesen von innen nach außen und kreise die Tiere somit nicht ein“, berichtet er. Auf der anderen Seite bedauern manche Waidmänner und -frauen: Die Zusammenarbeit zwischen Jägern und Landwirten sei komplizierter geworden. Denn viele Wiesen sind verpachtet, und die sie bewirtschaftenden Bauern lebten oft nicht im Dorf.

Die Wiesen erst dann zu mähen, wenn die Jungtiere in ihnen keinen Unterschlupf mehr suchen, ist wünschenswert, aber für die Landwirte nicht praktikabel. Der Hessische Bauernverband weist darauf hin, dass vor allem der Energiegehalt des Futters und auch das Wetter für den richtigen Mahd-Termin die entscheidende Rolle spielen. Wird etwa das Heu zu spät gemäht und ist schon holzig, dann ist es für Milchkühe nicht mehr geeignet und kann allenfalls noch bei der Mutterkuh- oder Pferdehaltung verfüttert werden.

Volker Klingelhöfer bittet, dass nicht nur die Mahd von Grünland, sondern auch die von Energiepflanzen wie Grünroggen tierschutzgerecht erfolgen sollte, damit der Nachwuchs von Wildtieren nicht dem Kreiselmäher zum Opfer fällt.

Hunde an die Leine

Spaziergänger, die mit Hunden unterwegs sind, sollten die Vierbeiner, die gerne weglaufen und sich dem Einfluss des Herrchens oder des Frauchens entziehen, gerade in dieser Zeit an die Leine nehmen. Denn in allen Hunden schlummert das Erbe des Stammvaters Wolf, bei dem einen Hund mehr, bei dem anderen weniger. Der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) weist darauf hin, dass während der Brut- und Setzzeiten die Hunde im Wald und in freier Natur angeleint sein sollten, in manchen Bundesländern sogar müssen.

So soll unter anderem verhindert werden, dass der Hund brütende Vögel vertreibt, so dass die Eier im Gelege auskühlen oder von anderen Tieren zerstört werden.

Von Hartmut Berge

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