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Hinterland Eine Notarzt-Ära geht zu Ende
Landkreis Hinterland Eine Notarzt-Ära geht zu Ende
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19:08 08.01.2020
Bereit zum Einsatz in 
der noch aktiven Rettungswache in Wolfgruben: 
Dr. Erich Wranze-Bielefeld und Rettungsassistentin Anna Kattarius. Quelle: Klaus P. Andrießen
Wolfgruben

Das verrät der 69-Jährige im Gespräch. Dabei hat er die bisherige Notarzt-Rettungswache immer im Auge, die sich seit knapp 25 Jahren in Wolfgruben direkt neben seinem Wohnhaus befindet.

Wranze-Bielefeld hatte bereits 1992, im ersten Jahr des neu eingerichteten Notarztsystems im Hinterland, einen Großteil der Dienste geleistet. Seit 2004 ist der freiberufliche Notarzt auch ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Marburg-Biedenkopf und versieht seit Sommer 2019 dieselbe Funktion für den Vogelsbergkreis. Die Leitungstätigkeit in Marburg-Biedenkopf will er Anfang 2020 beenden, die im Vogelsbergkreis Anfang 2021.

„Es ändert sich eigentlich nicht viel“, sagt der Mediziner bescheiden mit Blick auf sein Kürzertreten und die neue ­Wache in Dautphe. Sein Kollege Ulrich Küster, der fast ebenso lange als Notarzt im Hinterland tätig ist, bleibe ja als Leiter des Notarztstandortes noch an Bord. Er selbst werde noch „ein bis zwei Dienste“ im Monat übernehmen: „Mal sehen, ob es noch geht.“ Was sich allerdings deutlich verbessere, sei die Anbindung der neuen Wache durch den Standort in Dautphe zwischen den beiden Bundesstraßen, sagt Wranze-Bielefeld.

Kurze Einsatzfristen in Hessen

Als er zusammen mit Küster in den 1990er-Jahren die Wache in Wolfgruben baute, um sie dem Rettungsdienst zu vermieten, sei – auch mit dem damaligen Bürgermeister Hans Hauswirth – kein geeigneterer Standort zu finden gewesen, erinnert sich der Notarzt im Gespräch.

Der Standort Wolfgruben sei damals dennoch eine entscheidende Verbesserung gegenüber den Anfängen gewesen, als das Notarzteinsatzfahrzeug in Biedenkopf stationiert war. Von dort aus sei es praktisch nicht möglich, dass ein Rettungswagen in 90 Prozent der Fälle ­alle Einsatzorte im Hinterland innerhalb von zehn Minuten nach der Alarmierung erreicht, wie es das Gesetz in Hessen vorschreibt.

Dieses sei eine politische Vorgabe, die bundesweit die Schärfste ist. Wranze-Bielefeld: „In Bayern fordert das Gesetz lediglich, dass der Einsatzort in 15 Minuten Fahrtzeit erreicht werden muss, da gehört also die Zeit zwischen Alarmierung und Ausrücken gar nicht dazu.“

In Marburg-Biedenkopf könne man die hessischen Vorgaben dank geschickter Einsatzpläne gerade so einhalten, Flächenkreise hätten extreme Schwierigkeiten damit. Aus diesem Grund komme etwa der Rettungswache in Bottenhorn größte Bedeutung zu. Da man von dort am schnellsten in allen Orten sein könne, werde dort immer sofort ein Fahrzeug stationiert, wenn das vorherige im Einsatz ist.

Wranze-Bielefeld ist nicht nur im Landkreis Pionier

Wranze-Bielefeld ist übrigens nicht nur in Marburg-Biedenkopf Pionier. „Als ich am 1. April 1992 begann, war ich der erste selbstständige hauptamtliche Notarzt in Hessen“, erzählt der in Maribor (Slowenien) geborene und bei Kassel aufgewachsene Mediziner. Studiert hat er in Marburg.

1992 wurde das Notarzteinsatzfahrzeug an der Rettungswache im Kottenbach in Biedenkopf stationiert und war direkt ans dortige DRK-Krankenhaus angebunden. Seit 1993 versah Wranze-Bielefeld den Dienst zusammen mit dem Kollegen Küster: „364 Tage im Jahr mit 24 Stunden.“ Dabei höre­ sich die Zeitangabe dramatischer an, als es sei, betont Wranze-Bielefeld.

Im Krankenhaus habe er zeitlich deutlich mehr gearbeitet, während im Notdienst – bei heute 3,6 Einsätzen pro Tag – eine achtstündige ­Arbeitszeit die Regel sei: „Den Rest der Zeit wartet man.“

Wann genau kommt eigentlich ein Notarzt zum Patienten? „Immer wenn es um eine akute Gefährdung geht, etwa um einen Herzinfarkt. Das muss die Leitstelle zunächst klären. Wenn keine Lebensgefahr besteht, dann kommt der Rettungswagen ­ohne Notarzt.“

In Marburg-Biedenkopf sei es allerdings so, dass auch die Notfallsanitäter leidenden Patienten schon ein Stück weit helfen können. Durch entsprechende Qualifizierungen und Kontrollen sei es möglich geworden, dass diese bereits Schmerzmittel geben. Dazu gibt es das Call-Back-System. Damit kann der Notfallsanitäter jederzeit Rücksprache mit einem diensthabenden Arzt nehmen.

Dieser entscheidet dann fernmündlich, was getan werden kann, um die Schmerzen zu lindern. „Dadurch ersparen wir uns sehr viele Notarzteinsätze“, sagt Wranze-Bielefeld.

In Zukunft soll dieser erste ­Ansatz von Telemedizin noch erheblich erweitert werden. So leitet der Mediziner ein auf drei Jahre angelegtes Projekt, bei dem es darum geht, die Patienten vor Ort zu verkabeln, damit wichtige Messwerte sofort per Internet an einen Arzt übermittelt werden können. Auf diese Weise könne man künftig schon im Vorfeld klären, ob ein Patient noch eine Weile zu Hause auf den ärztlichen Dienst warten kann oder umgehend in die Notfallaufnahme im Krankenhaus gehört.

„Wenn es sich bewährt, könnte das ein Modell für ganz Hessen werden“, hofft Wranze-Bielefeld. Das Ergebnis werde in etwa zwei Jahren vorliegen. Es wird also noch dauern, bis sich der 69-jährige Notarztpionier endgültig aus der aktiven Arbeit verabschiedet …

 von Klaus P. Andrießen