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Hinterland Die neue Trauer-Normalität
Landkreis Hinterland Die neue Trauer-Normalität
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14:57 29.12.2020
Ein – gebrochenes – Steinherz liegt auf einem Grab. Das Abschiednehmen von einem lieben Menschen wird durch Corona noch erschwert.
Ein – gebrochenes – Steinherz liegt auf einem Grab. Das Abschiednehmen von einem lieben Menschen wird durch Corona noch erschwert. Quelle: Thorsten Richter
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Breidenbach

Laub weht von Grabstein zu Grabstein. Wassertropfen fallen von Kreuzen auf steinerne Platten. Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Winterwolken und wirft Morgenlicht auf den Friedhof in Kleingladenbach. Himmlische Ruhe für die Toten. Auch für die Lebenden.

Für Florian Hainbach, den Bestatter, und Karlhans Nüßlein, den Pfarrer, ist der Tod gewissermaßen Alltag. Corona-Pandemie hin oder her. Doch das Abschiednehmen der Angehörigen ist in diesem Jahr kompliziert geworden. Seit März sind im Landkreis Marburg-Biedenkopf mehr als 100 Menschen an oder mit Corona gestorben.

Laut geltender hessischer Verordnung müssen sich die Angehörigen, die bei Beerdigungen und Trauerfeiern als Veranstalter gelten, in ihrer Trauer und der Verlustbewältigung mit noch mehr Verwaltungsakten beschäftigen. So sollen Hinterbliebene nicht nur Masken-Tragen und Abstand halten durchsetzen. Sie sollen auch die Kontaktnachverfolgung sicherstellen, also Listen mit Anwesenden aufschreiben.

„All das kann und will ich keinem zumuten“, sagt Hainbach und verweist wie Nüßlein auf die Bedeutung des Moments, wenn ein geliebter Mensch zu Grabe getragen wird. „Die Emotion, die Konzentration sollte bei nichts anderem sein als bei den Erinnerungen an den Menschen, den man verloren hat“, sagt der Geistliche. Schlange stehen vor dem Sarg ist da unangemessen.

Bestatter: „Furchtbar und kaum zu ertragen“

Bestatter Hainbach nimmt Angehörigen also Listenführung und Co. ab, hat eine digitale und damit kontaktlose Teilnehmer-Erfassung aufgebaut. Er stemmt das Hygienekonzept – und kann so letztlich immer weniger das leisten, was er eigentlich leisten sollte und müsste: Eine enge, den Angehörigen auch emotional beistehende Begleitung im Trauer- und Beerdigungsprozess. „Dessen Verlauf darf man nicht unterschätzen“, sagt Hainbach.

„Das holen wir nach, das machen wir später“ – die Reaktion vieler Landkreisbewohner auf die Folgen der Corona-Pandemie ist ein Aufschieben. Seien es Treffen, Feiern, Reisen. Eine Bestattung, viel mehr noch die sensible Trauerbewältigung, kann man nicht verschieben. Wenn in diesen Stunden, Tagen oder Wochen etwas emotional schief gehe, wenn man sich mit Tatsachen der „neuen Sterbe-Normalität“ auseinandersetzen muss, sei das für einige „furchtbar und kaum zu ertragen“, sagt Nüßlein.

Bestattungen in Corona-Zeiten: Karlhans Nüßlein (von rechts), Florian Hainbach und Christoph Felkl auf dem Friedhof in Kleingladenbach. Quelle: Björn Wisker

Konkret: Seine an Corona verstorbene Oma in den letzten Stunden nicht begleiten, den toten Opa nicht mehr aufgebahrt sehen, kein letztes Mal am offenen Sarg Abschied nehmen können. Die Trauerfeier, schon die Gespräche im Vorfeld zeitlich möglichst knapp halten und keine persönlichen Gegenstände mehr herumgeben können.

Nicht anständig kondolieren, sich nicht drücken, umarmen dürfen. Mitunter, wie eben in Kleingladenbach, die zu kleine Kirche nicht als Raum, als religiösen Ort nutzen, nicht die Nähe zu Gott spüren zu können. „Trauern auf Abstand geht nicht“, sagt Hainbach. „Mitleiden auf Distanz auch nicht“, ergänzt Nüßlein.

Pfarrer: „Da kann Jahre später etwas aufbrechen“

„Richtig böse, furchtbar tragisch“, so sagt es Hainbach, werde es für die Angehörigen im Fall der vielen von in Altenheimen oder Quarantäne ohnehin oft einsam an oder mit Covid-19 sterbenden Menschen. Von ihnen dürften die Familienmitglieder faktisch keinen richtigen Abschied nehmen, würden ihre Liebsten gar nicht mehr sehen können.

Nicht in für Besucher geschlossenen, unter Quarantäne stehenden Heimen; und dann auch nicht nach dem Ableben. „Bitter, schmerzlich“, sagt Nüßlein. Die emotionalen, die psychischen Langzeitfolgen gerade solcher Corona-Bestattungen mit Maske, Abstand und mahnenden, wachenden Augen von Fremden oder gar Behörden „können enorm sein. Da kann Jahre später etwas aufbrechen, auch bei Leuten, die glauben, etwas gut verarbeitet zu haben“, sagt der Pfarrer.

Alles schon erlebt, dazu braucht es keine Pandemie. Denn gestorben wird auch weiterhin und meist an anderen Krankheiten. Und auch dort, bei deren Beisetzungen gilt zumindest der vermehrte Organisations- und Hygiene-Aufwand.

Bürgermeister: Möglich machen, was vertretbar ist

Hainbach und Nüßlein sind daher froh, dass die Gemeinde Breidenbach um Bürgermeister Christoph Felkl nicht nur früh eine einheitliche Regelung mit Kirchen und Bestattern absprach, sondern dass er bei Beerdigungen ein Höchstmaß an Trauerfreiheit zulässt statt die Ordnungspolitik durchzusetzen. „So eine hochanstrengende Situation darf man nicht zusätzlich eskalieren. Vielmehr muss man die Bedürfnisse der Angehörigen mehr denn je beachten und möglich machen, was im Einzelfall vertretbar ist“, sagt Felkl.

Wenn also nach dem plötzlichen Tod eines in einem Dorf beliebten jungen Familienvaters plötzlich 100 statt 15 Menschen am Grab stünden, gehe man in Breidenbach „nicht als Wächter dazwischen, weil der Wunsch nach gemeinsamer Trauer einfach zu groß ist“. Umso wichtiger, dass man als Gemeinde organisatorisch von der Praxis her handele – in Absprache mit Bestattern und Kirche.

Von Björn Wisker