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Hinterland Zäher Kampf ums Versicherungsgeld
Landkreis Hinterland Zäher Kampf ums Versicherungsgeld
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16:57 16.09.2020
Ein Feuer zerstörte in der Nacht auf den 11. August 2017 die Autowerkstatt von Gregor Harbers im Biedenkopfer Stadtteil Eckelshausen. Der Inhaber hofft, den Wiederaufbau in diesem Jahr zu beenden. Archivfoto: Thorsten Richter Quelle: Thorsten Richter/Archiv
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Eckelshausen

Bis zu anderthalb Jahren würde es dauern, bevor er wieder mit den Autoreparaturen beginnen könne, prognostizierte ein Mitarbeiter seines Geldhauses und fügte noch an, dass Gregor Harbers dann wahrscheinlich keine Kunden mehr habe. Diesen Hinweis nahm der Kfz-Mechaniker nach seinem Schicksalsschlag in der Nacht zum 11. August 2017 nicht ganz ernst, war doch die Schadensursache des Brandes geklärt. Doch schon anderthalb Monate später beschlich ihn das Gefühl, dass es wirklich so lange dauern könne. Heute kann der fast 63-jährige Harbers immer noch nicht in einer wiederaufgebauten Werkstatt arbeiten.

Alles begann vor rund drei Jahren. In der Nacht zum 11. August rücken 75 Feuerwehrleute an, um in Eckelshausen einen Brand an der Bundesstraße 453 zu löschen. Als sie eintreffen, steht schon eine dicke Rauchsäule über der Fahrzeughalle, als die Brandschützer am Vormittag aus der Lahnstraße abrücken, ist das Ausmaß des Schadens unübersehbar. Das Feuer zerstörte in jener Nacht die zwei Gebäude der Autowerkstatt im Biedenkopfer Stadtteil. Wie die OP berichtete, stellten die Ermittler des Landeskriminalamtes, der Marburger Kriminalpolizei und der Versicherung in der folgenden Woche einen technischen Defekt als Auslöser des Feuers fest. Den Schaden schätzten die Ermittler auf mehrere Hunderttausend Euro.

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„Ich stehe hier vor dem Nichts“, sagt der Kfz-Meister an den Überresten der Halle, die er 1989 kaufte, um seine Werkstatt aufzubauen. Den Schaden beziffert Harbers auf 400 000 Euro für die Halle und rund 150.000 Euro fürs Inventar. Das Feuer vernichtete auch vier Oldtimer, auf dessen Restaurierung der Betrieb neben den üblichen Autoreparaturen spezialisiert war. Der aus seinem Urlaub zurückgeeilte Gregor Harbers wähnt sich zumindest auf der sicheren Seite, weil er gegen Brandschäden versichert und die Ursache geklärt ist.

Doch dann geht es „nicht so recht voran“. Erst lässt der Polizeibericht für die Staatsanwaltschaft auf sich warten, weswegen diese den Fall nicht abschließen kann und folglich die Versicherung nicht zahlt – weder den Schaden noch den Betriebsausfall – selbst zugesicherte 25.000 Euro lassen auf sich warten. Ein Sprecher der Versicherung spricht Ende September 2017 gegenüber der OP von einer „üblichen Verfahrensweise“ und kündigt einen Geldfluss in den nächsten Tagen an.

Gregor Harbers ist in dieser Situation froh, dass ihm seine Hausbank das Überziehen des Geschäftskontos gewährt, damit er seinen Mitarbeitern den Lohn zahlen kann. Vor dem Brand ernährte die Werkstatt neben Harbers noch vier Gesellen und einen Lackierer. Kurz danach führen zwei Gesellen noch kleine Reparaturen im Freien aus. Da dies keine Dauerlösung sein kann und im nahenden Winter auch nicht möglich wäre, sucht der gebürtige Rheinländer eine neue Wirkungsstätte. Die findet Harbers dort, wo er aufwuchs, im wenigen Kilometer entfernten Dautphe. Da die Werkstatt im Gegensatz zu seiner vorherigen jedoch sehr klein ist, beschäftigt Harbers dort nur noch einen Gesellen.

Mit der Zeit reift dem bald 63-Jährigen der Gedanke, sich allmählich auf den Ruhestand vorzubereiten und deshalb auf einen Wiederaufbau zu verzichten. Doch seine Hoffnung, sich mit der Versicherung auf eine niedrigere Zahlung als die Versicherungssumme zu einigen, erfüllte sich nicht. „Die Sparkassenversicherung will keinen Vergleich“, erklärt Harbers verwundert, sei dies doch durchaus üblich, wenn beide Seiten profitieren. „Etwas mehr als der Zeitwert hätten mir genügt“, sagt der Kfz-Mechaniker, zumal es für das Grundstück gegenüber von Roth Hydraulics auch einen potenziellen Käufer gibt.

So bleibt Harbers nur die Wahl zwischen dem Zeitwert und einem Wiederaufbau der Werkstatt. Den dafür benötigten Zwischenkredit, laut Harbers rund 200.000 Euro, verweigerte ihm seine Hausbank. Dies, obwohl die Zahlungszusage der Versicherung für den Bau eines Gebäudes gleicher Art und Zweck steht, obwohl er sein Einfamilienhaus sowie eine Tankstelle im Stadtzentrum, dessen Pachtvertrag gerade um 30 Jahre verlängert ist, und das Firmengelände als unbelastete Sicherheiten vorhanden sind.

„Man nannte mir offiziell keinen Grund“, sagt der fast 63-Jährige, der mutmaßt, dass es an seinem Alter liegen ­könne. Dazu befragt, erklärt Michael Frantz, Pressesprecher der Sparkasse Marburg-Biedenkopf: „Wir äußern uns nicht zu konkreten Kreditfällen. Grundsätzlich koppeln wir Kreditvergaben nicht an das Alter. Unsere Entscheidung basiert immer auf einen individuellen Prozess, der die wirtschaftliche Gesamtsituation des Kunden betrachtet.“

Der Kfz-Fachmann Harbers ruht nicht, sucht und findet erneut professionelle Hilfe, diesmal bei der „Gesellschaft für Schadensberatung“ von Dieter Freigang. Nach dessen Gesprächen mit dem Schadensbearbeiter und einem Hinweis auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) sichert die Versicherung laut Freigang eine Zahlung zu. Der BGH entschied, dass der Neuwertanteil fällig ist, wenn der Versicherungsnehmer nachweist, ein Gebäude in gleicher Art und Zweckbestimmung zu bauen und der Neuwertschaden von Gutachtern einvernehmlich festgelegt wurde. Anstelle der abgebrannten Halle steht seit einigen Wochen eine neue Werkstatt­hülle.

Die laut Freigang für die vergangene Woche zugesagte Zahlung von rund 205.000 Euro steht jedoch noch aus. Sylvia Knittel, Pressesprecherin der Sparkassenversicherung, erklärt auf Anfrage der OP, dass die Endabrechnung beim Gruppenleiter in der Freigabe ist und im Laufe dieser Woche erfolgen müsste.

Gregor Harbers hofft nun, noch in diesem Jahr in seiner neu erbauten Werkstatt einziehen und einen Neuanfang starten zu können.

Von Gianfranco Fain