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Hinterland Der alte Mann und die neue Erntemethode
Landkreis Hinterland Der alte Mann und die neue Erntemethode
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13:05 02.10.2020
Alfred Wagner entwickelte eine Methode, um Unkrautsamen während der Ernte im Mähdrescher vom Getreide zu trennen. Quelle: Tobias Hirsch
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Erdhausen

Alfred Wagner ist es „peinlich, wenn ich immer nachfragen muss“. Deshalb setzt der 90-Jährige sein Hörgerät ein, rückt danach noch seine Brille zurecht. Das wäre aber schon alles, meint der gebürtige Erdhäuser. „Ich kann noch klar denken. Man nimmt mich nur nicht mehr für voll. Wahrscheinlich, weil ich denen unangenehm bin.“ Mit „denen“ meint er diejenigen, die den Entwickler und seine Idee mit Geld und Verbindungen unterstützen sollten. Wagner hadert vor allem mit den Vertretern des Landratsamtes, weil diese seine Erfindung derart veränderten, dass sie nicht mehr wie von ihm erdacht funktioniere.

Die Zusammenarbeit begann vor rund vier Jahren, als der Fachbereich Ländlicher Raum und Umweltschutz des Landratsamtes Interesse für Wagners Entwicklung zum Aussortieren von Unkrautsamen auf mechanischem Weg zeigte und beim Bundesamt für Naturschutz ein Pilotprojekt ergatterte. Die Keimzelle von Wagners Erfindung liegt aber rund 45 Jahre zurück. Damals grübelte der Gladenbacher darüber, weshalb innerhalb weniger Jahre vier seiner fünf Geschwister an Krebs starben. Erst richtete sich sein Verdacht gegen Schutzmittel, die sein Bruder in seinem holzverarbeitenden Betrieb nutzte, später kamen Schädlings- und Unkrautvernichtungsmittel hinzu. Ein Gespräch mit dem damaligen Chefarzt des Diakonie-Krankenhauses in Wehrda verfestigte seine Vermutung. Walter Gleichmann bezeichnete die Holz- und Pflanzenmittel als „Zellenkiller“. Alfred Wagner hatte seinen Feind gefunden.

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„Die Unkrautvernichtungsmittel müssen von den Äckern verschwinden. Sie machen uns krank und ich werde nicht eher ruhen, bis ich dieses Ziel erreicht habe“, sagt Wagner in seinem Wohnzimmer vor den Bildern seiner Kinder und Enkel. Wagner lebt in seinem Haus im Gladenbacher Stadtteil allein, seitdem seine Ehefrau vor 17 Jahren starb. Er führt den Haushalt ohne Hilfe, hält seine Wohnung sauber und auch sonst hat alles seinen Platz. Nur der Couchtisch stört die Ordnung. Auf ihm türmen sich Aktenordner und Schriftstücke, Briefe von Ministerien, Protokolle von Universitäten, seine Tagebücher, Fotos von Pflanzen und deren Samen sowie Skizzen von Mähdreschern. Ohne Mühe findet der 90-Jährige darin, was er sucht, um seine Vision zu erläutern, wie das Unkraut schon im Mähdrescher vom Getreide getrennt werden kann. „Wir brauchen eine Alternative, um die Unkrautvernichter überflüssig zu machen. Das sind wir unseren Kindern und Enkeln schuldig“, lautet Wagners Credo.

Jugenderinnerungen

Seine Idee basiert auf Erinnerungen aus seiner Jugend, das mechanische Umsetzen aus seinen Erfahrungen als Entwickler in Gladenbacher Betrieben. Vor und nach dem Abschluss der Volksschule half Alfred Wagner auf dem Bauernhof seiner Eltern. Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ernteten die Landwirte das Getreide samt Unkraut und sortierten dieses dann aus. Samen, die zuvor auf den Feldern abfielen, dienten als Nahrung für Rebhühner, die es kaum noch gibt. Wagner will alles vereinen: Getreide ohne den Einsatz von Herbiziden wachsen lassen und bei der Ernte die Unkrautsamen aussortieren, die als Futter für Tiere genutzt werden können.

Beim Entwerfen der Mechanik kommt ihm seine berufliche Erfahrung zugute. Die begann, als sein Vater ihn 1950 in die nah gelegene Gießerei mitnahm. Die Funken beim Gießen des flüssigen Metalls aus dem Hochofen der Weso faszinierten Alfred Wagner sofort. Innerhalb von drei Jahren hatte er das Sagen in der Kerngießerei. Der damalige Besitzer erkannte Wagners Fähigkeit, logisch zu denken, Lösungen zu entwickeln, um Probleme zu beheben. Das sollten auch seine Aufgaben bleiben, als er 1970 zu einem Formenbauer in Erdhausen wechselte, dessen Mitgeschäftsführer er auch wurde, bis er 1994 in Rente ging.

Ein paar Jahre des Grübelns dauerte es noch, bis Wagner seine Idee skizzierte, Möglichkeiten prüfte, experimentierte und eine Lösung fand. Schließlich meldete er seine Erfindung 2010 für das deutsche, 2011 für das europäische Patent an. Dann folgte 2016 durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) der Zuschlag für die Pilotstudie. Ziel dieser Studie ist, die Wirksamkeit von Wagners Erfindung im Einsatz bei der Ernte zu bewerten und auch, ob der gesammelte Samen zu verwerten ist, zum Beispiel als Futter für Tiere oder zum Ausbringen von Blütenstreifen.

Schwierigkeiten

Ein erster Test unter wissenschaftlicher Begleitung mit einem nach Wagners Entwurf modifiziertem Mähdrescher verlief im vorigen Jahr „besser als erwartet“. Dazu wurden Stroh und Unkrautsamen auf ein Feld verteilt. Der Mähdrescher sammelte mehr als 50 Prozent der Samen ein. Es sollten weitere Druschversuche auf insgesamt 90 Hektar folgen. Doch danach begannen die Schwierigkeiten. Die ersten sechs Versuche im Juli 2019 waren nicht erfolgreich, der Auffangbehälter verstopfte aufgrund der Strohmassen sehr schnell, auch fiel der gemietete Mähdrescher wegen anderer technischer Mängel mehrmals aus. Ab August verliefen die Versuche erfolgreich. Da hatte Wagners System ohne seine Zustimmung schon mehrere Modifikationen erfahren. Diese, so der Erfinder, mindern aber das Ergebnis. Eine fehlende Haspel verringere das Ausschlagen der Samen aus den Wildkrautrispeln, eine nach hinten abgeschrägte Lochplatte ließe zu viele der Samen auf das Feld zurückgelangen, statt angesaugt zu werden und im Auffangbehälter zu landen, auch weil die Samen viel zu groß für die Löcher der montierten Rutschplatte seien, ärgert sich Wagner. So würden immer noch Herbizide benötigt, um das Unkraut zu vernichten. Dabei hätten Servicetechniker den Funktionsfehler Anfang August festgestellt und behoben. Die Haspel sei nicht richtig eingehängt gewesen, was zur Verstopfung mit dem Stroh geführt habe. Die Veränderungen an Wagners Entwicklung blieben jedoch erhalten.

„Verschlimmbessert“ sei seine Entwicklung, ärgert sich der Erfinder. Er mutmaßt auch, warum dies geschehen sei, kann es aber nicht beweisen. Alfred Wagner ist überzeugt, die beste Lösung gefunden zu haben und will deshalb auch nicht einfach aufgeben, sondern weiter kämpfen. Eine Stellungnahme des Landkreises ist angefragt, liegt aber noch nicht vor.

Von Gianfranco Fain

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