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Hinterland Bottenhorn verliert seinen Dorfladen
Landkreis Hinterland Bottenhorn verliert seinen Dorfladen
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11:00 22.09.2019
Erika Pitzer und Tochter Christiane Schneider fiel die Entscheidung, den Laden zu schließen, sehr schwer.  Quelle: Regina Tauer
Bottenhorn

Ab Oktober wird es in dem Bad Endbacher Ortsteil nur noch eine Metzgerei geben. Die letzte Bäckerei ist schon lange zu. Mit frischen Backwaren versorgten sich die Bottenhorner zuletzt im Lebensmittelladen Pitzer. Doch das ist bald vorbei.

„Ganz schweren Herzens“ hat sich Christiane Schneider entschieden, das Geschäft aufzugeben. Jahrelang hat die Familie die Entscheidung immer wieder vertagt. „Wir standen vor dem Aus und wollten das nicht wahrhaben“, sagt Schneider. „Meine Urgroßeltern haben das Geschäft gegründet. Das gibt man nicht so einfach auf.“ Ihre Mutter Erika Pitzer ergänzt: „Wir waren das erste und das letzte Lebensmittelgeschäft im Ort.“

Die rüstige Seniorin ist mit 14 Jahren ins Geschäft eingestiegen, ein Jahr lang ging sie vormittags noch zur Schule und stand nachmittags im Laden. Auch heute steht sie ­ihrer Tochter zur Seite, der Laden „hat mich jung gehalten“, sagt die 79-Jährige. Obst, Gemüse, Backwaren, Milchprodukte, Nudeln, Zucker, Zeitschriften, Drogerieartikel und nicht zu vergessen die Süßigkeiten für die Bottenhorner Kinder – der Laden deckte den täglichen Bedarf.

"Das Leben verändert sich maßgeblich"

Noch im vergangenen Jahr hatte Schneider in ein neues Kühlregal investiert, schließlich plante die 55-Jährige, ­ihren Laden noch bis zur Rente zu führen. Auch dann ­wäre der Schlusspunkt gekommen, denn ihre beiden erwachsenen Kinder haben andere Berufe gewählt. Doch 2019 hatte für die Familie eine böse Überraschung parat. Das Finanzamt meldete sich mit hohen Steuernachforderungen, zur Rückzahlung musste die Familie sogar einen Kredit aufnehmen.

„Wir sind von unserem damaligen Steuerberater falsch beraten worden“, sagt Schneider. Ihr neuer öffnete der Familie die Augen für das ganze Ausmaß der Misere. Das führte dann zu dem Schlussstrich. Dass 2020 laut gesetzlichen Vorgaben auch noch eine Scannerkasse die alte Registrierkasse hätte ersetzen müssen, war dann der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte.

Viele treue Kunden seien in den vergangenen Jahren gestorben, berichten Mutter und Tochter. Die, die geblieben sind, äußern offen ihr Bedauern. Wie Inge Herrmann, die als Rentnerin täglich frische Waren wie Brot und Milchprodukte und Obst einkauft. „Das Leben verändert sich maßgeblich, wenn der Laden schließt. Wo bekommen wir jetzt die Infos aus dem Dorf her?“, fragt sich Herrmann.

Aber es gibt eben auch die Kundschaft, für die der Besuch im Dorfladen nur interessant ist, um am Samstagmorgen die bestellte Brötchentüte abzuholen oder das beim Großeinkauf im Supermarkt Vergessene noch schnell zu besorgen. Und die daraus auch kein Hehl macht. „Ich komme gerade vom Rewe und habe vergessen Senf zu kaufen. Habt ihr welchen?“ – es sind solche Begegnungen, die Schneider einen Stich versetzen.

Stellungnahme des Bürgermeisters

„Die Gemeinde Bad Endbach hat mit großem Bedauern die Nachricht von Familie Pitzer/Schneider, bezüglich der Schließung ihres Lebensmittelladens, aufgenommen. Allerdings lassen sich die persönlichen Beweggründe nachvollziehen und es gilt, diese auch zu akzeptieren“, sagte Bürgermeister Julian Schweitzer auf Anfrage. Gemeinsam mit dem Ortsvorsteher Michael Rombach habe die Gemeinde umgehend nach Bekanntgabe der Ladenschließung das Gespräch mit Schneider gesucht und ihr Unterstützung für die nun laufende Abwicklung angeboten.

Der Bürgermeister sehe für Bottenhorn weiterhin das Potenzial für einen Bäckerladen mit Café beziehungsweise Lebensmittel. Die Gemeinde Bad Endbach könne in solchen Angelegenheiten, ähnlich wie in Günterod, eine begleitende und moderierende Rolle einnehmen. Außerdem helfe sie „gerne“ bei der Suche nach möglichen Förderungen, erklärt Schweitzer. Dies biete sie auch potenziellen Interessenten für Bottenhorn an.

„Damit glauben die Menschen ernsthaft, Sie hätten uns unterstützt. Ich habe den Eindruck, den meisten ist es egal, dass wir schließen.“ Bad Endbachs Bürgermeister Julian Schweitzer (SPD), selbst ein Bottenhorner, sei vorbeigekommen, nachdem sie ­ihren Entschluss publik gemacht hatte. Er habe ebenso wie Ortsvorsteher Michael Rombach (CDU) bedauert, dass der Dorfladen zumacht. Beide hätten Hilfe angeboten, sagte Schneider.

Ihren Laden an einen anderen Betreiber zu vermieten, kann sie sich aber nicht vorstellen. „Ich will jetzt ein Ende und möchte hier keinen Publikumsverkehr mehr haben.“ Rombach sagte auf Nachfrage: „Für Bottenhorn ist das ein großer Verlust an Infrastruktur und auch ein Stück Dorfkultur geht damit verloren.“ Er sei von Bürgern mehrfach auf die Ladenschließung angesprochen worden.

Doch niemand habe sich in die Richtung geäußert, dass er sich für einen Ersatz engagieren wolle. „Jeder Tag bis zur endgültigen Schließung ist eine Qual“, sagt Schneider. Ihr graut vor dem 28. September, wenn sie den Laden zum letzten Mal öffnet. Und vor dem Montag danach, wenn das tägliche Ritual wegfällt.

„Vor ein paar Tagen war ich mit meinem Enkel nachmittags Eis essen“, erzählt Schneider. „Das war ein ganz neues Gefühl.“ Der Laden und die zunehmenden Sorgen haben das Familienleben beherrscht. Jetzt rückt Neues in den Vordergrund. „Ich muss jetzt lernen, einzukaufen“, sagt Schneider und lächelt zaghaft.

von Regina Tauer