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Hinterland Der Facharbeitermangel ist real
Landkreis Hinterland Der Facharbeitermangel ist real
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18:59 22.11.2020
Jan-Nicklas Debus in der Produktion von Optima Pharma in Mornshausen. Die Firma sucht immer gute Fachkräfte. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Gladenbach

Ein großes Werbeplakat steht seit Wochen in Buchenau neben der viel befahrenen Bundesstraße 62. Unübersehbar lenkt damit das Unternehmen Multivac die Aufmerksamkeit der Autofahrer auf sich. „Mehrere Fach- und Führungskräfte gesucht“ lässt das Unternehmen wissen, welches sogenannte Slicer – Allesschneider, die mit Verpackungsmaschinen verbunden sind – herstellt.

Diese auffällige Werbeart führte für den Standort Buchenau schon im vergangenen Jahr zum Erfolg, sagt Werksleiter Jochen Ertl auf Nachfrage der OP. Auf Bewerbungen folgten auch Einstellungen.

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Als das weltweit agierende Unternehmen aus dem Allgäu im Dezember 2017 die Slicer-Sparte der VC999 Verpackungssysteme AG in Buchenau übernahm, waren dort 21 Mitarbeiter angestellt, mittlerweile sind es 63 in Entwicklung und Serienmontage. Gesucht werden mittels der Plakatwände, die drei Monate lang an verschiedenen Orten aufgestellt sind, unter anderem Entwickler für Software und Maschinen, Elektromechaniker und Monteure.

Im Gewerbepark Salzbödetal macht die Auftragslage zweier in der Weltspitze agierender Unternehmen wenig Sorgen. Vielmehr herrscht dort die Furcht, dass „unsere Mitarbeiter wegen Covid-19 nicht kommen können“, sagt Stephan Reuter. Die Auftragsbücher seien für drei Jahre gefüllt, ergänzt der Geschäftsführer des Unternehmens aus der Optima-Gruppe.

Im Gladenbacher Stadtteil Mornshausen stellen 140 Mitarbeiter Gefriertrocknungsanlagen für die pharmazeutische und biotechnologische Industrie her. Man sei schon systemrelevant, meint Reuter, stellt das Unternehmen doch Anlagen für Covid-Impfstoffe von der Abfüllung bis zur Gefriertrocknung her und ist globaler Partner für Pharmakunden rund um den Globus.

Dazu gehört nicht nur die Produktion der Anlagen, sondern auch deren Montage, Inbetriebnahme und Wartung in Ländern wie den USA, Australien oder Korea, erklärt der in Bad Endbach aufgewachsene 51-Jährige. Doch die dafür notwendigen Mitarbeiter für diese „spezifischen Aufgaben“ wie reisewillige Monteure oder gute Schweißer sind „sehr, sehr schwer zu finden“. Auch an Elektrotechnikern oder Programmierern herrsche „extrem viel Bedarf“. Dabei sei die Aufgabenstellung im Unternehmen „sehr interessant“ und Optima biete angepasste Bedingungen wie Arbeitszeit- oder Reisemodelle.

Den eigenen Bedarf an Mitarbeitern, vor allem im handwerklichen Bereich, versucht das Mornshäuser Unternehmen selbst zu befriedigen. „Ohne auszubilden würden wir das gar nicht hinbekommen“, bekennt Reuter. Derzeit sind insgesamt zwölf Lehrlinge in der Ausbildung, über die Reuter sagt: „Wir streben an, alle zu halten.“

Bei der direkt in der Nachbarschaft ansässigen Firma Hof Sonderanlagenbau beschreibt Controller Stefan Becker die Lage ähnlich. Dem drohenden Mangel steuert das im Herstellen von Gefriertrocknungsanlagen spezialisierte Unternehmen seit Jahren mit dem Ausbilden von jährlich rund 20 jungen Menschen gegen.

Zudem ist der Spezialist für Gefriertrocknungsanlagen Partner der Technischen Hochschule Mittelhessen im Programm „Studium Plus“, bietet die Möglichkeit, im „dualen Studium“ Berufspraxis mit akademischer Lehre zu verbinden.

Hof Sonderanlagenbau übernehme fast alle Lehrlinge und Studiumsabsolventen, dennoch: Gesucht sind aktuell zum Beispiel Industriemechaniker, Mechatroniker und Automatisierungstechniker und auch wenige Ausbildungsstellen sind noch zu vergeben.

Von Gianfranco Fain

20.11.2020
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