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Hinterland Das alte Ich des Willi Donges
Landkreis Hinterland Das alte Ich des Willi Donges
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11:00 21.09.2019
Feinschnitt mit dem Rasiermesser: Matthias Blöcher (rechts) und Willi Donges. Quelle: Mark Adel
Biedenkopf

Donges‘ Bart hat in diesem Sommer viele Wangen berührt. Sein Träger war Mohr, eine der symbolträchtigsten und beliebtesten Figuren des Grenzgangs. Von ihm umarmt und geschwärzt zu werden, bringe Glück, heißt es. Und wer die strahlenden Gesichter gesehen hat, weiß: Das stimmt.

Der Grenzgang ist vorbei, die schwarze Farbe im Bart verblasst. Willi Donges möchte wieder die kurzen, angegrauten Stoppeln. Matthias Blöcher startet mit sanfter Gesichtsmassage, entfernt dann mit der Schere größere Büschel. Er nimmt sich Zeit, redet über Biedenkopf, den Grenzgang.

Zwischendurch nippt er am Braunbier, raucht eine Zigarette, bietet beides auch seinen Gästen an. Bartpflege hat nichts mit Hektik zu tun. „Der Playboy hat mich zu einem der hundert besten Barbiers in Deutschland ernannt“, erzählt er stolz und zeigt in eine­ Ecke des kleinen Salons.

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"Bart aber herzlich"

Unter einem Flaschenöffner aus Hirschhorn liegt, in den Umschlag einer Programmzeitschrift eingeschlagen, das abgegriffene Männermagazin, das nicht nur wegen seiner inhaltsschweren Interviews gekauft wird, sondern auch Bartträger begeistern will. Und richtig, als eine von fünf Barbier Locations in Hessen taucht die Donauschwabenstraße am Stadtrand von Biedenkopf auf.

Spricht’s, bietet Wasser, Bier und Kaffee an und arbeitet und redet weiter. Er würde gerne mal mit Schülern ein Musical über Biedenkopf erarbeiten, sagt Matthias Blöcher. Er, der als Matthias Carras vor 20 Jahren in der ZDF-Hitparade sang und in den Folgejahren zumindest als kleiner Stern am Schlagerhimmel leuchtete, läuft zum Laptop und spielt seine Single „Bart aber herzlich“ ab.

„Bart aber herzlich / Borstig und zärtlich und die Bärteprüfung längst für mich entschieden / Und wie gut doch dieser Satz zu hören tut / Donnerwetter, er steht dir gut“, heißt es im Text. Dem großen Showbusiness hat der 54-Jährige nach einer Erkrankung den Rücken gekehrt. Der Schwerpunkt liegt nun auf seinem Laden. Die Einrichtung schwankt zwischen ländlich, rustikal und skurril, Hirschgeweihe und Kundenfotos an der Wand, auf dem Regal selbstgemixtes Bartöl.

Im Blickpunkt

Matthias Blöcher arbeitet nach seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann als Führungskraft in einem Modehaus. Nebenbei jobbte er als DJ in Diskotheken. 1990 erfolgte eine erste Einladung zu Studioaufnahmen, woraufhin 1991 eine erste Single veröffentlicht wurde. TV-Auftritte folgten. 1998 war Matthias Blöcher unter dem Künstlernamen Matthias Carras mit den Singles „Ich krieg nie genug von dir“ und „Ich bin dein Co-Pilot“ so erfolgreich, dass er eine Karriere als Musiker antrat und den kaufmännischen Beruf aufgab. Er sang im Jahr 2000 das Debütalbum „Bitte anschnallen“ ein, weitere Produktionen folgten.
Von 2002 bis 2004 war Blöcher auch Fernsehmoderator einer Schlager-Quizshow bei 9Live, später bei Super RTL. 2015 beendete er seine Musikerkarriere und eröffnete den Salon „Der Bartgeber“ in seiner Heimatstadt Biedenkopf.

Schon vor dem Grenzgang hat er den Bart von Willi Donges betreut. Dem Barbier fällt die Trennung deutlich schwerer. „Es tut sehr, sehr weh. Der Bart ist prächtig und ich war die ganzen Monate sehr, sehr stolz darauf.“ Aufs Äußere der Mohren war er schon früher bedacht: Bis 1991 hat er die Uniformen ausgemessen, Matthias Blöcher war in der Bekleidungsbranche.

Derweil wird Willi Donges‘ Bart kürzer und kürzer. Für Fototermine nach dem Grenzgang hat er ihn noch gebraucht, allein am vorigen Wochenende sei er noch von Termin zu Termin gehetzt. Und die Grenzgangstage selbst? „Die habe ich gut überstanden“, trotz Aufstehen morgens um 3 Uhr. „Nur hier hat es noch tagelang wehgetan“, sagt Donges und zeigt auf die Armbeuge. Wenig verwunderlich, Hunderte Menschen hat er auf den drei Frühstücksplätzen gehuppcht.

Nach knapp 90 Minuten ist der Bart (fast) ab und Willi Donges wieder der alte. ­„Unten drunter ist doch noch jemand, den ich von früher kenne“, sagt er mit verschmitztem Lächeln. „Ich glaube, Willi ist froh, dass er seine Rolle ablegen darf“, glaubt Matthias Blöcher. „Es war mit dem ein oder anderen Tränchen verbunden“ – bei dem „Bartgeber“, versteht sich.

von Mark Adel