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Hinterland Strippenzieher Schmidt lässt Faden fallen
Landkreis Hinterland Strippenzieher Schmidt lässt Faden fallen
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12:02 15.07.2021
Als Bürgermeister hielt Bernd Schmidt die Fäden stets in der Hand. Nach 18 Jahren an der Spitze der Gemeinde Dautphetal stellt sich der 62-Jährige nicht mehr zur Wahl.
Als Bürgermeister hielt Bernd Schmidt die Fäden stets in der Hand. Nach 18 Jahren an der Spitze der Gemeinde Dautphetal stellt sich der 62-Jährige nicht mehr zur Wahl. Quelle: Gianfranco Fain
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Dautphetal

„Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.“ Diesen Ratschlag befolgt Bernd Schmidt, der bald seit 18 Jahren das Amt des Bürgermeisters der Gemeinde Dautphetal ausfüllt. Dem Gemeindevorstand, den Mitarbeitern in der Gemeindeverwaltung, den Fraktionsvorsitzenden und auch seinen Parteifreunden der Freien Wähler teilte Schmidt seine Entscheidung schon mit. Er kandidiert nicht für die Bürgermeisterwahl am 13. März 2022.

Zuvor machte er sich lange Zeit Gedanken darüber, ob er will und könnte, schließlich „macht mir der Job noch genauso viel Spaß, wie am ersten Tag“, doch am Ende gaben die rationalen Gedanken den Ausschlag. Zur Wahl im nächsten Jahr würde er als 63-Jähriger antreten und am Ende der Wahlperiode 69 Jahre alt sein. Schmidt möchte nicht erleben, dass die Dautphetaler fragen: „Wann hört er endlich auf?“.

Dann doch lieber den Zeitpunkt selbst bestimmen – „auch wenn es ein wenig wehtut“. Der Dautpher wähnt, einen tollen Moment erreicht zu haben, einen, in dem er „so was von stolz auf meine Gemeinde“ ist, dass er deren Leitung getrost in andere Hände abgeben kann.

Die Gemeinde Dautphetal sei lebenswert und für die Zukunft „gut aufgestellt“, weil sich während seiner Amtszeiten auch dank der guten Zusammenarbeit mit den politischen Gremien einiges bewegte. Mit der Ansiedlung von Gewerbe, das Entstehen des Dienstleistungs- und Gewerbezentrums, das Ausweiten der Kinderbetreuung und den Ausbau von Straßen, nennt Bernd Schmidt nur einige Beispiele.

Was ihn besonders erfreut ist, dass all diese Investitionen dank solidem Wirtschaften mit einem stetigen Schuldenabbau einhergingen. Obwohl die Gemeinde noch eine eigene Wasserver- und entsorgung unterhalte, habe sie nur rund 2,3 Millionen Euro Gesamtschulden, sei pro Einwohner praktisch schuldenfrei. Man habe zwar nicht jeden Wunsch erfüllen, aber doch alles aus eigener Kraft finanzieren können, blickt Bernd Schmidt zurück.

Dennoch gibt es einige Projekte, wie das neue Feuerwehrhaus Friedensdorf, oder die Kindertagesstätte in Dautphe, den neuen Standort für den Notarzt oberhalb des Familienzentrums, ein weiteres Seniorenheim sowie den Bau der Produktionsstätte der Firma Multivac, deren Vollendung oder zumindest deren Grundsteinlegung Schmidt als Bürgermeister miterleben möchte.

Eventuell könnte es unter Schmidts Regie noch zum Erweitern des Geschäftszentrums um einen Drogeriemarkt kommen, während das Ziel, Dautphetal in den Rang eines Mittelzentrums aufsteigen zu lassen, ebenso noch einiger Anstrengungen bedarf wie der Ausbau der Radwegeverbindungen. Dieser gestaltet sich laut Schmidt wegen des Einbeziehens von Gruppierungen und Behörden als „mühsam“.

Und was macht ein Bürgermeister, der stets „mit Leidenschaft und aus Überzeugung das Beste für die Gemeinde erreichen will“, wenn er nicht mehr im Amt ist? „Es gibt auch ein Leben nach dem Bürgermeisteramt“, ist Bernd Schmidt sicher. Was er gewiss nicht tun werde, ist, wie einige andere ehemaligen Amtskollegen für irgendein Büro „Klinken zu putzen“.

Sein Ding ist, „sich für andere Menschen zu engagieren“. Dies macht er derzeit schon in vielen ehrenamtlichen Ämtern, wie zum Beispiel dem Verwaltungsrat der Lebenshilfe. In seiner Freizeit ist Bernd Schmidts Stimme im Männergesangverein zu hören und auch die Politik wird ihn erst mal nicht loslassen. Sein Kreistagsmandat will er auch in seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender der Freien Wähler bis zum Ende der Wahlperiode erfüllen.

Zuerst will Bernd Schmidt aber „die Seele baumeln lassen, das Leben neu gestalten und schauen, was auf mich zukommt“. Das Loslassen konnte er während der Corona-Pandemie schon ein wenig üben. Als „langweilig“ oder mit „plötzlich hatte ich mehr Zeit“ beschreibt der 62-Jährige die Pandemie-Periode, in der er „von full-power langsam runterkam“.

Auch deshalb sei es „ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören“, meint Schmidt. Einen weiteren guten Grund gibt es für den ehemals „überzeugten Junggesellen“ ebenfalls. Seit ein paar Jahren lebt Bernd Schmidt in einer festen Partnerschaft und will mit der Friedensdorferin den Ruhestand genießen.  

Von Gianfranco Fain