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Hinterland „Wir sind systemrelevant“
Landkreis Hinterland „Wir sind systemrelevant“
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11:58 08.06.2020
Die Chöre im Hinterland wollen endlich wieder singen. Der stellvertretende Kreischorleiter Christian Stark, hier mit dem Frauenchor Dautphe, kann das nur zu gut nachvollziehen. Quelle: Fotos: Sascha Valentin
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Hinterland

Ob das 130-jährige Bestehen des Männergesangvereins der Concordia-Chöre Mornshausen, die Konzerte anlässlich des 125. Geburtstages des MGV Frechenhausen oder die Feierlichkeiten zum Jubiläum der Sänger aus Lixfeld – sie alle sind der Coronavirus-Pandemie und den damit verbundenen behördlichen Auflagen zum Opfer gefallen. Mehr noch als die abgesagten Termine schmerzt die Sänger im Hinterland aber der Ausfall der wöchentlichen Chorstunden. Der Kreischorverband fordert deswegen jetzt ein klares Signal aus Wiesbaden, dass der Singstundenbetrieb in absehbarer Zeit zumindest wieder eingeschränkt und auf eigenverantwortlicher Basis starten kann.

„Chorgesang erfüllt einen sozialen Zweck und ist deswegen systemrelevant“, sagt Kreischorleiter Kai Uwe Schöler. Das könne jeder bestätigen, der selbst in einem Chor singe und immer wieder erfahre, wie sehr sich die regelmäßigen Übungsstunden positiv auf das Gemüt auswirken. In der aktuellen Situation werde das besonders deutlich, sagt Schöler: „Die Mitglieder leiden unter dem Fehlen dieses Gemeinschaftsgefühls.“ Argumente wie die, dass beim Singen besonders viele Aerosole ausgestoßen werden und damit die Ansteckungsgefahr erhöht ist, wird in Expertenkreisen differenziert gesehen, sagt Schöler. Dabei werde immer von geschlossenen Räumen ausgegangen.

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Gerade jetzt, wenn das Wetter gut ist, könnten Singstunden aber problemlos im Freien abgehalten werden, wo auch der Mindestabstand eingehalten werden kann. „Außerdem könnte man auch nur mit kleineren Ensembles proben oder man führt Registerproben mit den einzelnen Stimmen durch“, betont Schöler. Wichtig sei nur, dass die Mitglieder der Chöre wieder einmal zusammenkommen und singen können. Diese soziale Komponente stelle einen nicht zu unterschätzenden Faktor beim Singen dar. Deswegen hält Schöler auch nichts von virtuellen Chorproben, wie sie einige Chorleiter während der Corona-Zeit anbieten.

Direkter Kontakt sei nötig

„Damit tut man den Vereinen nichts Gutes“ erklärt er. Denn die Leidtragenden seien in jedem Fall die Älteren, die entweder nicht über die nötige Technik verfügten oder sich einfach nicht damit auseinandersetzen möchten. „Sie würden sich dann zurückgesetzt fühlen, und gerade auf sie können wir nicht verzichten“, sagt Schöler. Schließlich machen die älteren Jahrgänge in vielen Fällen den größten Teil der Mitglieder eines Chores aus. Auch Christian Stark, stellvertretender Kreischorleiter, hält virtuelle Gesangsstunden über das Internet oder das Bereitstellen von Musikstücken als Audiodatei für nicht zielführend. „Es gibt Elemente der Chorarbeit, die sich auf diese Weise einfach nicht ersetzen lassen. Zum Beispiel Korrekturen bei der Stellung des Mund- und Rachenraumes, das richtige Atmen oder die Stütze bei der Tonerzeugung kann man virtuell nicht vermitteln“, sind sich die beiden Kreischorleiter einig.

Ebenso müsse bedacht werden, dass viele Sänger gar keine Noten lesen können und es ihnen deswegen schlichtweg nicht möglich sei, sich die Stücke selbst zu erarbeiten – auch nicht über das Internet. „Außerdem braucht man für Chorarbeit den direkten Kontakt zu den Menschen – das geht online nicht“, ergänzt Schöler. Er verweist auf die Initiative des Chorverbands Rheinland-Pfalz, der auf www.openpetition.de eine Kampagne gestartet hat, mit der er die Landesregierung auffordert, eine rasche Perspektive für die Wiederaufnahme der Chorarbeit zu bieten.

Das wünscht sich der Kreischorleiter auch für Hessen: „Wir brauchen einen klaren Fahrplan wie es weitergeht und ein einheitliches Konzept, damit nicht jeder Chor beim Gesundheitsamt anrufen muss.“

Diese Perspektive würde den Chören und deren Mitgliedern enorm helfen, sagt Schöler. Daher wirbt der Chorverband um ein einheitliches Hygiene- und Abstandskonzept und möchte so verhindern, dass die Chorlandschaft einen langfristigen Schaden erleidet. „Wir wollen keine gedankenlose Lockerung, erbitten aber im Sinne der Erhaltung unseres Kulturgutes, dass uns eine gewisse Systemrelevanz zugesprochen wird“, so Kai Uwe Schöler.

Von Sascha Valentin

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