Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Buderus Guss steht zum Verkauf
Landkreis Hinterland Buderus Guss steht zum Verkauf
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:17 08.07.2021
Ein Werk der Buderus Guss steht auch in Breidenbach.
Ein Werk der Buderus Guss steht auch in Breidenbach. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Breidenbach

Schockierende Nachricht für rund 640 Mitarbeiter und ihre Familien: Die Bosch-Gruppe will die Buderus-Standorte in Breidenbach und Ludwigshütte verkaufen.

Am Mittwochmorgen wurden die Betriebsräte informiert, am Mittag folgten Betriebsversammlungen. So überraschend die Ankündigung war, so gut sei die Versammlung organisiert, sagte Oliver Scheld, Geschäftsführer der IG Metall Herborn, gegenüber dieser Zeitung: Externe Moderatoren würden die Zusammenkunft leiten, es werde Optimismus verbreitet.

Den teilt Scheld nicht. „Die Belegschaft muss sich vorher einmischen.“ Betriebsrat und Gewerkschaft müssten mitbestimmen können, etwa in der Frage, an wen verkauft wird. „Wir wollen vorher mit potenziellen Interessenten Gespräche führen. Wir wollen mitbestimmen und die Tarifbindung erhalten.“

Wichtig sei, dass alle Beschäftigten die Möglichkeit erhalten, zum neuen Eigentümer zu wechseln. Allerdings verstehe er nicht, warum Bosch die Gießereien abstoße. „Das hat Betriebsrat und Belegschaften eiskalt erwischt.“

Das bestätigte Betriebsratsvorsitzender Oliver John. „Es war ein Schockmoment. Hier ist die Stimmung am Überkochen. Es ist sehr emotional“, berichtete er von der Betriebsversammlung der Spätschicht. Er betonte den Anspruch von Betriebsrat und Gewerkschaft, ein Mitspracherecht beim Verkauf zu bekommen: „Wir möchten wissen, wer der Käufer ist.“

„Die Leute müssen erst einmal eine Nacht drüber schlafen“

Aktuell sei die Unsicherheit über die Zukunft groß. „Die Leute müssen erst einmal eine Nacht drüber schlafen.“ In den nächsten Wochen wolle der Betriebsrat mit allen Kollegen sprechen. „Wir gehen durch den Betrieb und haben ein offenes Ohr.“ Man fordere eine Beschäftigungssicherung und die Beibehaltung der Tarifbindung. „Hier soll keiner seinen Job verlieren.“ Es gebe laut Geschäftsführung drei Anfragen von Kaufinteressenten, sagte Oliver John. Namen seien nicht genannt worden.

Die IG Metall fordere einen „strategischen Kaufinteressenten“, der am langfristigen Erhalt des Betriebs interessiert ist. „Wir wollen Finanzinvestoren verhindern.“ Man sei zu Gesprächen bereit, aber: „Wir werden jeden Konflikt führen, den wir führen müssen.“

Neben den beiden Standorten Breidenbach und Ludwigshütte soll auch die Bosch-Gießerei in Lollar verkauft werden, wo rund 300 Menschen beschäftigt sind. Dort werden Gussheizkessel und Regelgeräte gefertigt.

In Breidenbach arbeiten nach IG-Metall-Angaben etwa 610 und in Ludwigshütte rund 25 Beschäftigte. Scheibenbremsen, wie sie in Breidenbach und Ludwigshütte entwickelt und produziert werden, werden nicht nur in den herkömmlichen Antrieben, sondern auch in den immer häufiger verkauften Elektroautos verbaut.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie lahmt der Autoabsatz

Doch insgesamt lahmt seit Ausbruch der Corona-Pandemie der Autoabsatz. So haben die deutschen Hersteller im Mai 2019 noch rund 444 000 Fahrzeuge produziert, im Mai 2021 waren es laut dem Branchenverband VdA 250 000 Stück – wenngleich die Tendenz wieder nach oben geht.

Diesen Einbruch hat auch das Unternehmen Buderus Guss gespürt. Das Auftragsvolumen habe nachgelassen, bestätigte Oliver John. Es habe zwar auch neue Aufträge gegeben, „aber die Auslastung liegt im Moment 65 bis 70 Prozent unter Plan“.

Die Nachricht von den Verkaufsplänen sei dennoch überraschend gekommen. „Wir hatten mit vielem gerechnet. Damit nicht.“ Christoff Wachendorff, seit Februar neuer Geschäftsführer der Buderus Guss GmbH, habe lediglich „neue Strukturen“ angekündigt, sagte John.

Auch die IG Metall sieht keinen Zusammenhang. Nach Ansicht der Gewerkschaft hat das Management die unmittelbar vor den Werksferien verkündete Absicht „nicht nachvollziehbar“ begründet. „Mit dem Transformationsprozess ist die willkürliche Entscheidung nicht in Verbindung zu bringen, an den Standorten werden vor allem Gussteile für Bremssysteme und Heizkessel hergestellt“, heißt es in einer Pressemitteilung der Gewerkschaft.

Buderus Guss ist nach eigenen Angaben europäischer Marktführer bei der Entwicklung, Herstellung und Bearbeitung von Pkw-Bremsscheiben und Zulieferer der internationalen Automobilindustrie und produziert 20 Millionen Gussteile pro Jahr. Das Unternehmen wurde 1913 gegründet und ist seit 2005 eine Tochter der Robert Bosch GmbH.

Bosch sieht keine Synergieeffekte

Die Robert Bosch GmbH (Heilbronn) hat am Mittwoch angekündigt, den Produktbereich Brake Components, der hauptsächlich Bremsscheiben für Pkw produziert, möglicherweise zu verkaufen. Der Bereich umfasst die Buderus Guss GmbH in Breidenbach und Ludwigshütte sowie die Robert Bosch Lollar Guss GmbH in Lollar. „Zu den bestehenden Bosch-Geschäftsfeldern bestehen kaum Synergien, gleichzeitig bietet das stark preisgetriebene Geschäft mit Bremsscheiben nur wenige Ansätze zur technischen Differenzierbarkeit“, begründet João Carreiro, zuständig für Marketing and Business Strategy Communication, die Entscheidung in einer Pressemitteilung.

Bosch habe daher nur wenig Spielraum, um den Produktbereich langfristig profitabel weiterzuentwickeln. In einem neuen Umfeld mit passendem unternehmerischem Konzept sehe das anders aus. „Bei der Auswahl eines möglichen Käufers legt der Geschäftsbereich Wert darauf, dass das Geschäft von Brake Components eine erfolgversprechende Zukunftsperspektive erhält und die Belange der rund 900 Mitarbeiter berücksichtigt werden“, betont der Konzern. Zu Zahl oder Namen der Interessenten äußert die Bosch GmbH sich nicht.

Von Mark Adel und Hartmut Bünger