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Hinterland „Verhandlungen dürfen nicht am Dorsch scheitern“
Landkreis Hinterland „Verhandlungen dürfen nicht am Dorsch scheitern“
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09:18 22.12.2020
Ein Standbein für Roth in England sind Flächen-Heiz- und Kühlsysteme. Quelle: Foto-Studio Wiegand
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Buchenau

Es sind unglaubliche Bilder, die auf den Autobahnen rund um Dover in Großbritannien entstehen: Tausende Lastwagen stehen im endlos lang scheinenden Brexit-Stau. Denn, weil Unternehmen sich vor den Folgen des möglicherweise harten Brexit fürchten, der trotz verlängerter Verhandlungen wahrscheinlich scheint, versuchen sie nun noch, möglichst viele Waren an und über den Ärmelkanal nach Europa zu liefern. Denn kommt es zum harten Ausstieg Großbritanniens aus der EU, drohen Zölle – Waren würden teurer oder Gewinnmargen schmaler. Der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft BVMW befürchtet als Folge des Brexits im kommenden Jahr ein Wachstumsminus von einem Prozent für die deutsche Wirtschaft insgesamt. Unterbrochene Lieferketten, Chaos an den Grenzen und jede Menge Bürokratie beim Zoll: All das werde wohl Produkte „Made in Germany“ teurer machen, sagt der Chefvolkswirt des Verbandes, Hans-Jürgen Völz.

Laut IHK Kassel-Marburg gehen etwa 7,5 Prozent der regionalen Exporte auf die britischen Inseln – Großbritannien sei für die heimische Wirtschaft der drittwichtigste Außenhandelspartner.

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EU fordert gleiche Wettbewerbsbedingungen

Die Situation beunruhigt auch heimische Unternehmen. Für Matthias Donges, CEO von Roth Industries, steht fest: „Die Verhandlungen dürfen nicht am Dorsch scheitern.“ Damit bezieht er sich auf einen Punkt, der in den aktuellen Verhandlungen zwischen dem britischen Premier Boris Johnson und der EU noch strittig sein soll. Knackpunkte waren zuletzt immer noch die künftigen Fangrechte von EU-Fischern in britischen Gewässern und die EU-Forderung nach gleichen Wettbewerbsbedingungen.

„Die Hoffnung ist nach wie vor, dass es mit der Einigung noch klappt und wir Zölle und andere Export-Erschwernisse vermeiden können“, sagt Donges im Gespräch mit der OP. Dennoch sei Roth Industries auf einen harten Brexit eingestellt. „Wir haben uns beispielsweise auf der Zuliefererseite schon vorbereitet und Materialien aus England geordert, die wir unter anderem für unsere Kunststoffverarbeitung benötigen.“ Der Bestand sei hochgefahren worden. „Auf der anderen Seite haben wir auch die Lager unserer Vertriebsgesellschaft gefüllt“, sagt Donges. Denn: Roth Industries besitzt einen Produktionsstandort in Worcester. Dort werden unter anderem Rohrsysteme für Flächenheizung und Kühlung sowie für Trinkwasserinstallation und Heizkörperanbindung hergestellt. Die Abwicklung an den Grenzen sei bereits jetzt schon wesentlich schwieriger geworden, sagt Donges. „Aber unsere Gesellschaft in England ist ebenfalls vorbereitet.“

Zölle werden Produkte verteuern

Doch der CEO weiß auch, dass gefüllte Lager nicht unendlich lange halten. Kurzfristig könne Roth lange Lieferzeiten und Zölle so zwar eine Zeit lang überbrücken. „Aber mittelfristig werden Frachten nach England mit all den Schwierigkeiten, die zu erwarten sind, teurer werden. Und Zölle werden unsere Produkte verteuern.“ Damit stelle sich die Frage, wie sich das Unternehmen dann entwickeln werde. „Das wird uns garantiert ein ganzes Stück zurückwerfen. Wir glauben an die Produktlinien, die wir in Großbritannien verkaufen. Und wir glauben an unser Unternehmen und wollen dort auch gerne Zeit investieren“, so Donges. Aber wenn beispielsweise die Waren durch Zölle so stark verteuert werden müssten, dass Roth-Produkte nicht mehr wettbewerbsfähig seien, sehe es für die UK-Niederlassung auf lange Sicht nicht rosig aus. „Das hoffen wir nicht. Aber letztlich macht ein Geschäft in einem Markt nur Sinn, wenn man auch Geld damit verdienen kann.“

von Andreas Schmidt