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Hinterland „Wir bewohnen es mit Vorsicht“
Landkreis Hinterland „Wir bewohnen es mit Vorsicht“
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14:19 08.09.2021
Ein frisch restauriertes Kulturdenkmal: Das Breidensteiner Schloss ist bewohnt. Doch seine Unterhaltung ist laut der Schlossherren aufwendig.
Ein frisch restauriertes Kulturdenkmal: Das Breidensteiner Schloss ist bewohnt. Doch seine Unterhaltung ist laut der Schlossherren aufwendig. Quelle: Mark Adel
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Breidenstein

Es ist eines der geschichtsträchtigsten Gebäude im Hinterland: das Schloss zu Breidenstein. Wir haben einen Blick hinter das Schlosstor geworfen. Das schmucke Anwesen ist weithin sichtbar im Perftal gelegen – unterhalb der Reste einer mittelalterlichen Burg, von der noch Mauerstücke zeugen. Zwei Familienzweige derer von Breidenbach zu Breidenstein bewohnen das eindrucksvolle Fachwerkhaus. Dessen Erhaltung im Sinne des Denkmalschutzes ist Verpflichtung und zugleich hoher Aufwand.

Schlossherr Dr. Johann-Heinrich Jung und seine Tochter Jeannette von der Mark führen über das Grundstück. Der neuere Teil des Schlosses ist 1712 gebaut worden, das Haus war damals verbreitert worden. Der ursprüngliche Teil des Gebäudes ist also älter. Zur Talseite ist zudem eine Zimmerbreite vorgebaut worden. Der älteste Teil des Gebäudes stammt wohl von 1450. Das hat eine Analyse der Balken ergeben. Aufzeichnungen, etwa Baupläne, aus jener Zeit gibt es nicht.

Der Kern ist 600 Jahre alt

Es hat Kellergewölbe auf drei Ebenen, die vermutlich noch älter sind und aus der Zeit der Burg stammen, also etwa aus dem 14. Jahrhundert. „Im Kern ist das Schloss 600 Jahre alt, wenn nicht noch mehr“, sagt Jeannette von der Mark. Möglicherweise gehörten Teile der Kellerwände zur Burgmauer – darauf lassen zumindest besonders dicke Abschnitte schließen.

Auf der abfallenden, zum Perftal gelegenen Seite des Grundstücks befindet sich ein schmucker Garten, in zentraler Lage ein Rondell.

Park von Versailles nacheifern

Das Rondell sollte ursprünglich ein Springbrunnen werden, der Untergrund ist hohl. Die barocke Form des Gartens ist ebenfalls 1712 entstanden. Die Umfassungsmauer ist knapp einen Kilometer lang. Wäre es nach den Vorfahren gegangen, hätte er noch schöner sein sollen: Sie wollten dem Park von Versailles nacheifern.

Sogar die Perf sollte verlegt werden, damit sie genau aufs Haus zufließt. Daraus wurde nichts, worüber Johannes-Heinrich Jung und Jeannette von der Mark nicht allzu unglücklich sind: Der Unterhaltungsaufwand wäre gigantisch.

Stolze Schlossbesitzer, auch wenn die Unterhaltung aufwendig ist: Dr. Johann-Heinrich Jung und seine Tochter Jeannette von der Mark. Sie sind Nachfahren derer von Breidenbach zu Breidenstein. Foto: Mark Adel Quelle: Mark Adel

Der ist ohnehin groß genug. Vor einigen Jahren ist das Schieferdach neu gedeckt worden, die hofseitige Fassade wurde restauriert. „Seitdem steht es noch schöner und edler da“, sagt Jeannette von der Mark. Dafür gab es Zuschüsse vom Land – das Schloss ist als Kulturdenkmal besonders schützenswert –, aber dennoch müssen die Eigentümerfamilien auch selbst tief in die Tasche greifen. Das alte Schloss ist Stolz und Sorgenkind zugleich. „Man könnte es nicht verkaufen, nicht mal verschenken“, erklärt die Schlossherrin und fügt hinzu: „Das Herz hängt daran.“

Auch aktuell laufen wieder Sanierungsarbeiten, an der zur Talseite gelegenen Fassade. Gerade wurden dort die Fensterläden erneuert. „26 Fenster à zwei Läden“, erklärt von der Mark. Um komplette Familien zu ernähren, dazu habe der Grundbesitz nie ausgereicht. Die Mitglieder des Adelsgeschlechts haben selten ihren Lebensunterhalt vor Ort bestritten. „Die Breidenbachs waren immer in hessisch-darmstädtischen Diensten“, berichtet Jung. „Die Gegend ist karg, das war sie immer“, ergänzt seine Tochter. Immerhin gab es Wald. Bis 1876 ist das Schloss als großes Hofgut betrieben worden.

Finanzielle Unterstützung bei Unterhaltung

Geht beim Anblick des Anwesens nicht jedem Denkmalschützer das Herz auf? „Leider nicht immer“, sagt Dr. Jung mit Blick auf finanzielle Unterstützung bei der Unterhaltung. „Manchmal geht ihm das Herz auf bis 20 Prozent. Und für die Talseite ist ihm das Herz leider nicht so sehr aufgegangen.“

Erschwerend hinzu kommt: Als Wohnhaus bietet das Anwesen keine idealen Verhältnisse. Im Winter ist das Haus kaum beheizbar. „Wir bewohnen es, aber mit Vorsicht“, sagt Jeannette von der Mark. Unkomfortabel ist auch das Fehlen eines Flurs: Alle Zimmer sind Durchgangszimmer.

800 Jahre im Familienbesitz

Der Komplex ist noch größer. Ehemalige Wirtschaftsgebäude neben dem Schloss sind vermietet. Ein ehemaliger Kuhstall ist in den 1950er-Jahren ausgebaut worden, ein Wohnhaus war schon in den 20er-Jahren gebaut worden, eine Scheune ist abgerissen worden.

„Es ist sehr selten, dass etwas 800 Jahre in einer Familie bleibt“, sagt Jung und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Hier wahrscheinlich, weil niemand anderes es wollte.“ Und es gab immer männliche Nachfolger, die sich um das Schloss kümmerten, bis zu Jeannette von der Marks Urgroßmutter. „Sie war die Letzte mit dem Namen von Breidenbach. Seitdem ist der Name von unserer Seite her verschwunden.“ Es gibt noch Freiherren von Breidenbach aus einem anderen Familienzweig, denen das etwas oberhalb gelegene neue Schloss gehört, eine Jugendstilvilla von 1913.

Rege Nutzung und gute Pflege

Jeannette von der Mark führt zu den oberhalb des Fachwerkensembles gelegenen Resten der Burg, von der noch Mauerreste zeugen. Sie stammen von der Ringmauer. Es gibt einige Gedenksteine, die an lange verstorbene Vorfahren erinnern. Ein Fußweg zeugt von reger Nutzung und guter Pflege.

Im Bereich der einstigen Burg stand wohl einst ein Fachwerkhaus, erläutert Schlossherr Jung. Rundherum sei eine Festungsmauer gebaut worden. Die so entstandene Anlage habe als Fluchtburg gedient. „Wir gehen davon aus, dass es nicht viel war, sondern wirklich ein Fluchtpunkt auf dem Hügel“, sagt Jeannette von der Mark. Spuren davon gibt es nicht mehr. Als zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs 1647 Biedenkopf angezündet wurde, blieb auch die Burg in Breidenstein nicht verschont.

Von Mark Adel

07.09.2021
07.09.2021