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Hinterland Breidenbacher Pastor schämt sich für sein Land
Landkreis Hinterland Breidenbacher Pastor schämt sich für sein Land
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14:00 04.04.2022
Victor Shlenkin ist 44 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Breidenbach, war aber schon zuvor acht Jahre im Ausland, unter anderem in Belgien und in der Schweiz. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Sein Ziel ist die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich wäre froh, mich in die Gesellschaft einzubringen.“
Victor Shlenkin ist 44 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Breidenbach, war aber schon zuvor acht Jahre im Ausland, unter anderem in Belgien und in der Schweiz. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Sein Ziel ist die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich wäre froh, mich in die Gesellschaft einzubringen.“ Quelle: Mark Adel
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Breidenbach

Victor Shlenkin hat seiner Heimat Russland den Rücken gekehrt, weil er und viele andere Menschen ihre Meinung nicht frei sagen können, weil Regierungsgegner verhaftet oder gar umgebracht werden. Mit dem russischen Regierungschef Wladimir Putin hat er nur die Geburtsstadt St. Petersburg gemeinsam. Im Interview berichtet der promovierte Theologe, der seit fünf Jahren in Breidenbach lebt und dort Pastor in der Freien evangelischen Gemeinde ist, über seine Erfahrungen in Russland.

Wie sind Sie nach Breidenbach gekommen?

Ich habe an der Theologischen Fakultät in Zürich promoviert. Ich wollte eigentlich weiter als Theologe in Russland tätig sein, an der St. Petersburger christlichen Universität. Aber an dieser Uni kann ich nicht frei über Politik, über Putin und so weiter sprechen. Schon in Zürich habe ich verstanden, dass ich nicht mehr in Russland leben kann.

Wie kamen Sie zu dieser Erkenntnis?

Nach der Ermordung von Boris Nemzow (Kreml-Kritiker, der 2015 getötet wurde, Anm. d. Red.) habe ich verstanden, dass es gefährlicher wird. Aber es ging eigentlich nicht um meine Angst, sondern um die Situation, dass ich nicht viele Gleichgesinnte in Russland finden konnte.

Nach dem Grundgesetz kann ich frei sprechen, ich kann alles sagen, was ich möchte. Aber der Rektor und andere im Dekanat haben mir gesagt: ‚Wir wissen, dass du aktiv bist. Du hast deine Meinung, und deshalb ist es für uns nicht so gut, wenn du über Politik sprichst. Dazu haben wir für dich leider keine Stelle.‘

Haben Sie sich zu der Zeit schon öffentlich regierungskritisch geäußert?

Ja, ich habe sehr häufig auf Facebook gepostet und in anderen sozialen Netzwerken.

Gab es darauf schon Resonanz?

Nach der Annektierung der Krim habe ich viele Freunde in Russland verloren, die mich heftig kritisiert haben. Das hat sich schon vorher abgezeichnet. Nach den Parlamentswahlen 2011 war es offensichtlich, dass die Ergebnisse gefälscht wurden. Damals habe ich das Regime schon verurteilt, und schon damals habe ich Freunde verloren.

Warum?

Weil ich Christ bin, sind meine Facebook-Freunde auch Christen oder religionsgeprägt. Für sie gilt der Römerbrief, dass wir alle Obrigkeiten respektieren sollen. Sie glauben, dass das gottgegeben ist. Ich habe eine andere Meinung, wie wir diese Verse interpretieren sollten. Je schlimmer die politische Lage wurde, desto schwieriger war es, etwas gegen Putin zu sagen, seine Stimme zu erheben. Und Prediger in Russland sprechen selten über Politik.

Aber Sie wollten weiter als Theologe arbeiten?

Ja. Ich wollte weiter predigen, ich wollte weiter lehren und Texte veröffentlichen. Mein erster Wunsch war aber, als Pastor tätig zu sein. Da es aber in Russland nur wenige Theologen gab, habe ich beschlossen, weiter zu studieren, um ein guter Theologe zu werden. Deswegen wollte ich in die Schweiz oder nach Deutschland.

Gerade nach dem Ausbruch des Kriegs ist immer wieder zu hören, dass in Deutschland lebende Russen angegriffen und bedroht werden. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?

Ich habe das von meiner Frau erfahren, dass das vor allem für manche Russlanddeutsche ein Problem ist. In Breidenbach gab es, so weit ich weiß, keinen solchen Vorfall. Viele Menschen sprechen russisch, aber wollen nichts mit Putin zu tun haben. Ich habe auch Schamgefühl für das, was mein Land anderen antut. Meine Gemeinde weiß, dass ich mich schon immer gegen Putin positioniert habe und dass Putin immer meinen Abscheu erregte.

Wird Russland den Krieg in der Ukraine gewinnen?

Alle Offiziere, alle Generäle in Russland sind für mich keine Elite. Das sind Bürokraten, ihr einziges Ziel ist Geld. Deshalb verliert Russland den Krieg. Sie haben Milliarden als Budget bekommen. Russland soll aber schon 15 000 gefallene Soldaten haben.

Warum gibt es so wenige Proteste?

Wenn Menschen mich fragen, warum die Menschen in Russland so passiv sind, dann sage ich, dass sie keine Rolle spielen in Russland. Nach unserem Grundgesetz sind sie aber eigentlich die Quelle der Macht. Auch Richter und Parlament sind Mächte. Wenn ich das sage, sind Menschen verblüfft. Sie denken, dass nur Putin die Macht verkörpert.

Ist das ein Bildungsproblem?

Nicht nur Bildung. Das Problem Russlands ist, dass wir über Jahrhunderte keinen Zar und keinen Präsidenten hatten, der eine Art Hirte ist. Die Ausnahme war Katharina die Große, die aus Preußen kam. Sie hat ihre Pflichten ernst genommen, das hat Russland zu einem Boom verholfen, in der Wirtschaft, im Militär, in der Kultur. Sie war ein Vorbild.

Fühlt Putin sich als Zar?

Ja. Aber er hat kein Interesse, etwas in sein Land, in sein Volk zu investieren, Schulen oder Autobahnen zu bauen, Infrastruktur zu erneuern. Er kassiert nur. Wenn jemand in seiner Umgebung etwas Derartiges sagt, wird er ausgelacht.

Ein Punkt, der in Deutschland diskutiert wird, ist, ob Putin zu sehr unterstützt wurde, die Abhängigkeit des Westens zu stark wurde. Hätte man aus Ihrer Sicht früher gegensteuern müssen?

Was mich wirklich überrascht, ist, dass Deutschland nicht gelernt hat. Aber nicht nur die Deutschen, auch die Amerikaner, Franzosen, Italiener, egal. Putin ist von Anfang an der gefährlichste Demagoge aller Zeiten. Putin öffnet seinen Mund, und dann lügt er.

Er hat nie seine Versprechen gehalten. Nie. Deshalb habe ich schon 2011 gesagt, dass er ein Lügner ist. Im Vorfeld der russischen Attacke auf die Ukraine hat er gesagt, Russland wolle auf keinen Fall die Ukraine angreifen. Mich überrascht, dass die Politiker im Westen mit ihm Vereinbarungen treffen wollen. Putin hat die Menschen entehrt, er hat dem russischen Volk die Würde genommen. Wenn ich in Russland bin, fühle ich schon auf dem Flughafen, dass Hass herrscht. Er hat kein Land aufgebaut, in dem alle Menschen respektiert werden.

Haben Sie Ihren Wehrdienst in Russland abgeleistet?

Ja, ich war Kadett in der Militärschule und kenne die Sitten und Bräuche in der russischen Armee. Niemand hat mit uns über Ethik oder Moral gesprochen. Ich wollte Offizier in der Flugabwehr werden. Aber nach zwei Jahren habe ich mir gesagt: Ich möchte mich in der christlichen Universität immatrikulieren.

Sind Sie noch oft in Ihrer Heimat?

Ja, meine Mutter lebt noch in Sankt Petersburg, meine Frau und ich haben Verwandte in Russland.

Putin stammt auch aus Sankt Petersburg. Gibt es in irgendeiner Art Verbindungen?

Nein. Ich weiß nur, dass Putin nie die Absicht hatte, eine Karriere als Politiker zu machen. Er hatte keine Ambitionen. Seine Interessen waren immer Reichtum und Macht. Deshalb ist er nicht die richtige Person für dieses Amt.

Von Mark Adel