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Hinterland Blog gegen das Verschwenden
Landkreis Hinterland Blog gegen das Verschwenden
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18:58 24.07.2021
Lebensmittel liegen am in einer Mülltonne. Damit dort weniger Essbares landet, haben sechs Studierende einen Blog initiiert.
Lebensmittel liegen am in einer Mülltonne. Damit dort weniger Essbares landet, haben sechs Studierende einen Blog initiiert. Quelle: Patrick Pleul
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Gießen

Um zu wissen, dass Menschen täglich Lebensmittel verschwenden, müssen nicht die offiziellen Zahlen der Vereinten Nationen oder der Bundesregierung herangezogen werden. Ein Blick in den eigenen Abfallbehälter genügt, um zu erkennen, was auch im Kreisgebiet tagtäglich geschieht. Lebensmittel fanden den Weg in die Tonne und das oft direkt aus dem Kühlschrank heraus. Die Gründe sind vielfältig und reichen von „zu viel eingekauft“ über „Schnäppchen gemacht“ oder „Mindesthaltbarkeit überschritten“ bis „vergammelt“. Und während in den Industrienationen Lebensmittel im Überfluss verfügbar und auch billig zu kaufen sind, hungern weltweit rund 700 Millionen Menschen.

Dabei wäre es leicht zu vermeiden, dass Lebensmittel zu Abfällen verkommen. Zu den vielen privaten und auch staatlichen Initiativen, die sich gegen das Verschwenden von Lebensmitteln einsetzen, gehören jetzt auch sechs Absolventen der Technischen Hochschule Mittelhessen, die für ihren Master im Studiengang Internationales Marketing einen Blog einrichten sollten. Ein Blog ist eine Art elektronisches Tagebuch oder Journal auf einer Webseite, in dem die Betreuer, Blogger genannt, Gedanken niederschreiben oder Sachverhalte protokollieren. Das Thema konnten sie aussuchen und so beschlossen die fünf Studentinnen und ihr Kommilitone, sich der Lebensmittelverschwendung zu widmen.

Das Thema bewegte die sechs Blogger zwar, doch sie kannten sich darin „noch nicht so gut aus“, gesteht Linda Marquardt und so beschlossen die Studierenden, die alle Mitte Zwanzig sind und fast ausschließlich im Raum Gießen leben, ihre Leser „auf eine Lernreise mitzunehmen“. Dabei stellten sie fest, dass es „total einfach sein kann, mit Lebensmitteln verantwortungsvoll umzugehen“, unterhaltsam ist und auch Spaß macht.

Zum Beispiel, wenn man entdeckt, dass Kaffee- oder Bierreste auch als Haarkur zu verwenden sind, lose Teeblätter auch zwei Mal zum Aufgießen verwendet oder Kartoffel- und Möhrenschalen sowie andere Gemüsereste eingefroren und später zu einer Gemüsebrühe gekocht werden können.

Es gab auch Entdeckungen wie diejenige, dass Obst nicht neben Äpfel zu legen ist, da deren Ausdünstungen das andere Obst schneller reifen lassen. Solche Tipps und auch Rezepte aus den Erfahrungsschätzen der Großmütter sind im Blog zu finden. Dieser ist in drei Bereiche unterteilt: Informationen, Rezepte und Reviews und Gastbeiträge.

Seit Mitte Mai bauen die sechs Blogger unter dem Namen „The Food Patrons“ ihre Community auf. Rund 90 Interessenten zählen sie schon pro Woche, auf Instagram haben sie 200 Abonnenten und sind auf Facebook und TikTok vertreten. Nun neigt sich das Semester dem Ende zu und damit eigentlich auch der Blog, doch die Lernreise soll weitergehen. „Vielleicht nicht mehr mit drei Beiträgen in der Woche“, sagt Linda Marquardt, obwohl „wir noch zig Themen haben, über die wir schreiben könnten. Wir wissen gar nicht, wie wir das alles unterbringen können.“

Seit sie begann, sich über Lebensmittelverschwendung zu informieren, geht sie viel bewusster damit um, erzählt sie und sagt: „Lustigerweise habe ich sogar angefangen, öfter zu kochen, und habe weniger Angst davor, in der Küche zu experimentieren.“

Auch Ronja änderte ihr Verhalten: „Bevor ich Lebensmittelreste wegwerfe, überlege ich mittlerweile immer, ob man diese nicht noch anderweitig verwenden kann.“ Besonders interessant fand sie das Thema „Regrowing“. Sie probierte es gleich mit einem Selleriestrunk und war „echt erstaunt“, dass schon nach einer Woche Blätter und Stängel nachwuchsen.

Organe lernte dagegen Koch- und Backrezepte kennen, „die mir dabei helfen, aus Essensresten noch etwas Leckeres machen zu können“. In den drei Monaten kaufte und genoss sie bewusster und räumte ihre Lebensmittel geordnet in den Kühlschrank ein. „Dieses Verhalten möchte ich in der Zukunft weiterhin umsetzen.“ Annika kauft im Supermarkt mittlerweile bewusst Produkte, die nicht mehr so perfekt aussehen und „bei denen ich nun weiß, dass sie nach Ladenschluss weggeschmissen werden könnten“. Außerdem sei sie viel experimentierfreudiger, kocht nicht nur nach Rezept. „Heute freue ich mich, wenn ich die Reste aus meinem Kühlschrank kreativ verwerte. Manchmal klappt es besser, manchmal schlechter, aber es kommt immer was Neues bei raus.“

Celin erwischt sich und ihr Umfeld „immer wieder dabei, noch genießbares Essen wegwerfen zu wollen“. Nur weil es bequemer ist. Das Projekt half ihr sehr dabei, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen.

Der Blog steht unter: https://zetaritus-2.de/de/startseite/; Instagram: https://www.instagram.com/thefoodpatrons/

Lebensmittelverschwendung

Laut einem Bericht der Vereinten Nationen (UN) endeten 2019 weltweit rund 17 Prozent aller verkauften Lebensmittel im Müll. Die Abfallbehälter nahmen mehr als 930 Millionen Tonnen Lebensmittel aus Privathaushalten, Restaurants, Einzelhandel und anderen Essensanbietern auf. Von den 121 Kilogramm Lebensmitteln, die pro Kopf in aller Welt weggeworfen werden, entsorgen dem Bericht zufolge Privathaushalte mit 74 Kilogramm mehr als die Hälfte. Die im Februar 2019 von der Bundesregierung ausgerufene Nationale Strategie zum Reduzieren des Verschwendens von Lebensmitteln geht von rund zwölf Millionen Tonnen an Lebensmitteln aus, die in Deutschland jedes Jahr im Müll enden. Davon kommen rund 52 Prozent aus privaten Haushalten, die pro Kopf 75 Kilogramm zur Gesamtsumme beitragen. Diese Zahlen ermittelten das Johann Heinrich von Thünen-Institut und die Universität Stuttgart für die Studie „Lebensmittelabfälle in Deutschland – Baseline 2015“.

Umweltbelastung

Das Verschwenden von Lebensmitteln trägt zum Belasten der Umwelt sowie auch zum Klimawandel bei. Die Welternährungsorganisation FAO unterscheidet zwischen Lebensmittelverlusten und Lebensmittelabfällen. Verluste an Lebensmittel treten ein, wenn diese in der Produktion oder in der Verarbeitung verloren gehen, zum Beispiel, wenn Obst nach Kühlausfällen fault. Lebensmittelabfälle sind Produkte, die der Handel, die Gastronomie oder die Haushalte wegwerfen, weil sie verdorben oder nicht mehr gewünscht sind.
Für das Herstellen und den Transport der nicht verzehrten Lebensmittel wurden unnötig Energie, Wasser und Flächen verwendet sowie Dünge- und Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Laut Schätzungen stehen acht bis zehn Prozent der weltweiten Emissionen an Treibhausgasen im Zusammenhang mit Lebensmittelverlusten und -abfällen.
Quelle: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit

Von Gianfranco Fain

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