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Hinterland Blitz-Vergleich nach langem Grundstücksstreit
Landkreis Hinterland Blitz-Vergleich nach langem Grundstücksstreit
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20:57 15.09.2021
Habib und Süheyla Ermagan auf dem Weg in den Verhandlungssaal des Marburger Landgerichts, wo ihr jahrelanger Streit um den Kauf eines belasteten Grundstücks mit einem Vergleich endete.
Habib und Süheyla Ermagan auf dem Weg in den Verhandlungssaal des Marburger Landgerichts, wo ihr jahrelanger Streit um den Kauf eines belasteten Grundstücks mit einem Vergleich endete. Quelle: Fain
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Bad Endbach

Mit einem nach jahrelangem Streit überraschend zustande gekommenen Vergleich endete gestern vor dem Marburger Landgericht die Verhandlung der Familie Ermagan gegen die Verkäuferin eines mit giftigen Stoffen und Bauschutt belasteten Grundstücks „Auf der Steinhecke“ im Bad Endbacher Ortsteil Wommelshausen-Hütte.

Dabei willigte die angeklagte Verkäuferin des rund 1 360 Quadratmeter großen Grundstücks ein, Süheyla und Habib ­Ermagan am 1. November 70 000 Euro zu erstatten. Sollte die Beklagte vor dem 31. Oktober zahlen, so werden nur 62 000 Euro fällig. Im Gegenzug geht das im Dezember 2014 verkaufte, mit Altlasten wie Teer, Asbest und Öl belastete Grundstück in den Besitz der Verkäuferin zurück.

Telefonische Zustimmung

Die Zustimmung dazu holte die Rechtsanwältin der Beklagten telefonisch ein, da sie schwer erkrankt nicht an der Verhandlung teilnahm. Als Rechtsanwalt Dr. Randolf Boetzkes den Ermagans auf dem Gang vor dem Verhandlungssaal die Nachricht der Einwilligung überbrachte, ballte Habib in stiller Freude die Faust. „Endlich hört der Albtraum auf“, sagte er, als die Vereinbarung formuliert war, und meinte: „Ich bin froh, dass das Thema für immer erledigt ist.“ Ein Durchziehen des Rechtsstreits bis vor das Oberlandesgericht in Frankfurt könnte weitere Jahre des Hoffen und Bangens sowie der nervlichen Belastung bedeuten.

Dafür nehmen die Ermagans nach eigenen Angaben einen Verlust von rund 30 000 Euro in Kauf, der aus diversen Kosten, zum Beispiel die Entsorgung von kontaminierten Materials, das Abtragen der Erde und auch für den Rechtsstreit aufgebracht werden musste. Auch Rechtsanwalt Boetzkes ist erstaunt über das Zustandekommen des Vergleichs, den Richterin Anne Hofmann ins Gespräch brachte, da die beklagte Seite bisher „alles abstritt und verneinte“. Im Sinne eines schnellen Endes der psychischen Belastungen seien die Ermagans zu einem Vergleich aber bereit.

Die Rechtsanwältin der Beklagten, Nasely Beknazaryan, sagte unter anderem zur Begründung, ihre Mandantin wollte den Ermagans nie etwas Böses, habe selbst das Grundstück als altlastenfrei gekauft und leide wie die Familie psychisch unter den Umständen eines in der Öffentlichkeit medial aufgeblasenen Grundstücksverkaufs. Auch gestern verfolgten neben der lokalen Presse zwei Fernsehteams das Geschehen. Die Kommunikation der Parteien sei schwierig, die Fronten verhärtet gewesen, fuhr Nasely Beknazaryan fort, unter anderem, weil die Gegenseite neben einem Schadenersatz auch das Grundstück behalten wollte.

„Zu viele negative Ereignisse rund ums Grundstück“

Das stimme nicht, erwidern Süheyla und Habib ­Ermagan, sie hätten immer erklärt, das Grundstück nicht mehr haben oder bebauen zu wollen. Zu viele negative Ereignisse seien damit verbunden, als das darauf noch ein Heim für sie und ihre Kinder Elisabeth und Jonathan entstehen könnte. Ein eigenes Haus für die Familie war für die Schlierbacher Familie auch der Antrieb zum Kauf des 1 500 Quadratmeter großen Grundstücks im Bad Endbacher Ortsteil Wommelshausen-Hütte im Jahr 2014.

Sie bezahlten dafür 55 000 Euro, nicht ahnend, was sich unter der Wiese verbarg – Altlasten wie Teer, Asbest und Öl. Davon erfuhren sie auch nichts, weil die Gemeinde kein Altlastenkataster führt. Erst aus Erinnerungen von Zeugen erfuhren sie, dass Mitarbeiter der Bahn Ende des 19. Jahrhunderts dort ihre Schwellen imprägnierten und später ein Baustoffhandel und dort auch Heizöl verkauften. Ein gemauertes Auffangbecken unter den Tanks wurde den Ermagans damit erklärt, dass dort ein Swimmingpool entstehen sollte.

Da mehrere Versuche, sich über die Entsorgung zu einigen, scheiterten, landete der Fall Ende 2018 bei der Justiz. Im März fiel im Strafprozess vor dem Biedenkopfer Amtsgericht ein Urteil: Neun Monate Haft auf Bewährung für die Verkäuferin des Grundstücks wegen schweren Betrugs. Dagegen legte die Anwältin der Beschuldigten Berufung ein. Ein Termin vor dem Marburger Landgericht steht noch nicht fest, da der zuständige Richter Ende 2020 neue Gutachten zur Bodenbelastung anfordert, die noch nicht erstellt sind. Auch für den Zivilprozess gab es mehrere Termine: Im Juni war die Anwältin erkrankt, im Juli kam der Impftermin der Richterin dazwischen, am 9. August hätte die Beklagte wegen einer schweren Erkrankung gefehlt.

Von Gianfranco Fain