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Hinterland Bildungsrevolution beschleunigt sich
Landkreis Hinterland Bildungsrevolution beschleunigt sich
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17:00 05.12.2021
Europaschulleiter Dr. Holger Schmenk beobachtet Anna Volk, Janna Seibert und Robin Aric beim Demonstrieren des Umgangs mit einem iPad im Unterricht.
Europaschulleiter Dr. Holger Schmenk beobachtet Anna Volk, Janna Seibert und Robin Aric beim Demonstrieren des Umgangs mit einem iPad im Unterricht. Quelle: Gianfranco Fain
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Gladenbach

„Rund 10 Kilometer Glasfaserkabel, 700 iPads, mehr als 80 elektronische Tafeln in den Klassenräumen, ein arbeitsfähiges IT-Team und vieles mehr sprechen eine klare Sprache: Die Europaschule Gladenbach setzt die so genannte Digitalität um, wie wohl keine andere Schule im Landkreis!“, meint deren neuer Leiter Holger Schmenk. Die Europaschule gehöre zweifellos zu den führenden Schulen in Sachen „Digitalität“, erklärt Stephan Schienbein auf Nachfrage der OP.

Laut des Pressesprechers des Landkreises initiierten sechs weitere Schulen – Heskem, Niederwalgern, Neustadt, Stadtallendorf, Wohratal und ab Sommer 2022 Kirchhain – ähnliche iPad-Projekte. Diese unterstützt der Landkreis als Schulträger außerhalb Marburgs mit rund 240 000 Euro. Insoweit sticht Gladenbach schon deshalb heraus, weil der Landkreis von den 600 000 Euro, die das Projekt kostet, rund 100 000 Euro trägt. Die restlichen 500 000 Euro stammen aus dem „Digitalpakt Schule“.

Kein Wunder also, was der Erste Kreisbeigeordnete bei der Präsentation des Projekts in Gladenbach offenbarte. „Ich freue mich ein Loch im Bauch“, sagte Marian Zachow. Dafür führte er mehrere Gründe auf: Die schon zuvor mit WLAN „nicht schlecht“ versorgte Europaschule, verfüge nun über so viel Bandbreite, um für technologische Entwicklungen gerüstet zu sein. Die Europaschule statte als erste ihre Klassen „von oben nach unten“ mit iPads aus und achtete dabei auf die „soziale Gerechtigkeit“.

Rund 10 Prozent der 700 neuen iPads sind Leihgeräte des Landkreises. Für die anderen zahlten die meisten Eltern je nach Speichervermögen 300 oder 400 Euro pro Endgerät und der Landkreis den Rest. Insgesamt leiten die Administratoren der Schule nun rund 1 000 iPads. In den Jahrgangsstufen 7 bis 10 verfügen somit alle Schüler über Tabletts.

Neben der Infrastruktur sind Zachow und der Schulleitung auch das erarbeitete pädagogische Konzept bedeutsam. Von einer „Revolution im Bildungssystem“, die sich an der Europaschule auch durch die Corona-Pandemie seit Ende 2020 beschleunigte, spricht Schmenk gar.

„Deutlich höhere Motivation“

Der Schulleiter hat den pädagogische Mehrwert im Blick. „Mit relativ geringem Aufwand sind verschiedene Lerntypen zu bedienen“, erläutert er und nennt als Beispiel Lern-Apps für Geschichte, die die visuellen, auditiven und kommunikativen Sinne der Nutzer ansprechen. Wie zum Beispiel die Schüler der Klasse 8G2, die sich mit Wilhelm Tell beschäftigen und dazu mit ihren iPads Hintergrundinformationen suchen, Bilder ansehen und in Schillers Drama über den Freiheitskämpfer reinhören. Dadurch entstehe eine „deutlich höhere Motivation innerhalb der Lerngruppe“, erklärt der Schulleiter. Das Verknüpfung von analogem und digitalem Lernen, um den individualisierten Unterricht zu fördern, ist für Schmenk und dem ehemaligen stellvertretenden Schulleiter Günter Zell ein „sehr spannender Prozess“. Zell übernahm die Aufgabe des iPad-Administrators. Die Tablets erleichtern das gemeinsame Arbeiten an Unterrichtsinhalten, und die von Schülern mit Texten, Bildern und Hörbeispielen aufgenommenen Informationen „bleiben besser hängen“, sagt Zell. Außerdem sei das iPad auch ein Ordnungssystem. „Egal, wo die Schüler gerade sind, sie haben die Lerninhalte immer zur Verfügung – es geht kein Arbeitsblatt mehr verloren“, erklärt Zell.

Ute Kilian, Digitalisierungsbeauftragte der Schule, setzt das Tablet im Englischunterricht ein. „Es ist eine gute Hilfe, um Sprachen zu lernen“, sagt sie. Anders als in den Sprachlaboren könnten die Schüler zum Vokabellernen Online-Wörterbücher mit Aussprachefunktion beliebig oft anhören. Doch auch das Lehrerkollegium stehe mitten in einem großen pädagogischen Prozess, berichtet sie, und Schmenk ergänzt: „Einige Fachschaften sind bei uns schon sehr weit, andere nicht. Wir müssen jetzt lernen, was uns dieses Gerät bringt: Das ist noch nicht jedem Kollegen klar.“

Überzeugungsarbeit gab es auch bei Eltern zu leisten. „Sie hatten Angst, dass die Kinder nur noch an Computern arbeiten“, berichtet Schmenk. Deshalb gibt es für die iPads feste Regeln. So muss sich jeder Nutzer über eine sogenannte Managed-Apple-ID anmelden. Diese ist mit einem Inhaltsfilter hinterlegt, der unter anderem das Ansehen von Internetseiten mit Porno- oder Gewalt-verherrlichenden Inhalten verhindert.

Von Gianfranco Fain

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