Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland „Aufgeben ist keine Option“
Landkreis Hinterland „Aufgeben ist keine Option“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:58 23.08.2020
Torsten „Elch“ Krämers rechter Arm ist seit einem Motorradunfall gelähmt. Das hält ihn aber nicht vom Motorradfahren ab. Nun will er anderen gehandicapten Bikern helfen. Foto: Nadine Weigel
Torsten „Elch“ Krämers rechter Arm ist seit einem Motorradunfall gelähmt. Das hält ihn aber nicht vom Motorradfahren ab. Nun will er anderen gehandicapten Bikern helfen. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Bottenhorn

Ein winziger Augenblick verändert sein Leben. Sein Motorrad kollidiert frontal mit einem Auto. Er fliegt über das Fahrzeug. Sein Körper kracht in einen Graben. Dabei reißt der Nervenstrang seines rechten Armes und wird so vom Rückenmark getrennt.

Die Folge: Sein Arm ist gelähmt von der Schulter bis in die Fingerspitze. „Am Anfang war es ein Schock. Im Krankenhaus dachte ich, der Arzt wolle mich veräppeln, aber dann hab ich irgendwann gemerkt, dass der Arm wirklich nicht einfach nur gebrochen ist“, erinnert sich Torsten Krämer.

Der 43-Jährige, den alle aufgrund seiner imposanten Körpergröße nur „Elch“ nennen, lächelt, als er an das Gespräch mit dem Arzt zurückdenkt. 20 Jahre ist es mittlerweile her, seitdem der junge Motorradfahrer im Krankenhaus realisieren muss, dass sein rechter Arm irreparabel geschädigt ist und er ihn nie wieder bewegen wird.

Doch statt in Selbstmitleid zu versinken, hadert der Bottenhorner nicht mit seinem Schicksal. Das liegt damals auch viel an seinen Freunden, die den 21-Jährigen mit Humor und Hemdsärmeligkeit aus dem Loch herausholen.

Motorrad für Linkshänder umgerüstet

Also fackelt Elch nicht lange, sagt sich „Aufgeben ist keine Option“ und krempelt sein Leben um. Er lernt mit links zu schreiben, schult um vom Kfz-Mechaniker zum Medieninformatiker. Und er will „zurück auf den Bock“, will wieder die Freiheit auf zwei Rädern spüren.

Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Freunde aus dem Motorradclub in Bottenhorn baut er sein Motorrad so um, dass er alles, was normalerweise rechts am Lenker bedient wird, auf der linken Seite bedient werden kann. Er lässt ein medizinisches Gutachten von sich erstellen und lässt eine Orthese für seinen Arm anfertigen. Und schließlich holt er sich für das alles das OK vom TÜV.

„Damals war das gar nicht so einfach, an Infos für solche speziellen Fälle ranzukommen“, erinnert er sich. Seine speziell angefertigte Orthese ist an ihn und an sein Motorrad angepasst: Das Konstrukt sieht ein bisschen aus wie ein Boxhandschuh und wird an den Lenker angeklickt.

Wichtig ist: „Die Orthese muss in der Innenfläche des Handschuhs eine Notöffnung haben, damit im Crashfall nicht der Arm ans Lenkrad gefesselt ist.“ Denn sonst könnte es sein, dass der Arm bei einem Sturz abgerissen wird.

Für den damals 21-Jährigen erfüllt sich mit seiner Rückkehr aufs Motorrad ein Traum. „Der Anfang war sehr wackelig, aber nach gut einem halben Jahr fährt es sich fast wie vorher“, sagt er lächelnd.

Heute, 20 Jahre später, ist Elch immer noch begeisterter Biker. Und nun will er anderen Betroffenen zeigen, wie sie ihren Traum von der Rückkehr aufs Motorrad verwirklichen können. Er hat die Plattform  www.einarmhelden.de und  www.einbeinhelden.de gegründet.

Webseiten bieten praktische Tipps

„Ich will denen, die zurück aufs Motorrad wollen, zeigen, dass es geht. Es geht mit einem Arm. Es geht mit einem Bein. Es geht sogar querschnittsgelähmt!“, betont er. Auf den beiden Internetportalen gibt er Ratschläge, welche bürokratischen Schritte notwendig sind, listet auf, welche Ärzte oder Kliniken eine verkehrsmedizinische Qualifikation haben. Er erklärt, was mit Führerschein- und TÜV-Stellen geklärt werden muss. Und er empfiehlt geeignete Orthopädiewerkstätten sowie Motorradwerkstätten, die auf den behindertengerechten Umbau von Zweirädern spezialisiert sind.

Zudem berichten andere betroffene Motorradfahrer auf seinem Erbportal von ihren Schicksalen und Erfahrungen. Der Austausch ist rege und schon lange nicht mehr digital. Erst vergangene Woche trafen sich gut 20 „Einarmhelden“ rund um Torsten „Elch“ Krämer mit ihren Bikes in der Rhön. Das schweißt zusammen. Und die beiden Internetportale mit den ganz praktischen Tipps ermöglicht gehandicapten Motorradfahrern, das zurück zu bekommen, was ihnen so wichtig ist: ihre Freiheit auf zwei Rädern.

Von Nadine Weigel