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Hinterland Zuhälter findet milde Richter
Landkreis Hinterland Zuhälter findet milde Richter
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13:36 20.01.2021
Der Angeklagte (links) im Menschenhandel-Prozess und sein Verteidiger Stefan Adler vor dem Landgericht.
Der Angeklagte (links) im Menschenhandel-Prozess und sein Verteidiger Stefan Adler vor dem Landgericht. Quelle: Foto: Martina Koelschtzky
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Marburg

Zu einer Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten hat das Landgericht einen Zuhälter aus Biedenkopf wegen zwei Fällen von „schwerem Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“ sowie zwei Fällen von Verabredung zu solchem Menschenhandel verurteilt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Der 50-Jährige war 2016 verhaftet worden, nachdem die Polizei schon längere Zeit sein Telefon abgehört hatte. Im Mai 2018 wurde vor dem Landgericht gegen ihn Anklage erhoben, doch dann blieb das Verfahren unbearbeitet liegen. Das wirkte sich günstig für den Biedenkopfer aus, denn aufgrund der „rechtsstaatswidrigen Verfahrensverzögerung“ werden drei Monate seiner Strafe als bereits verbüßt angesehen. Der Grund für die Hängepartie konnte nach Aussage des vorsitzenden Richters nicht ergründet werden.

Der Biedenkopfer hatte zum Auftakt des Verfahrens Taten eingeräumt, die durch die Telefonüberwachung und Aussagen von Frauen, die für ihn als Prostituierte gearbeitet hatten, erwiesen waren.

Demnach hatte der Zuhälter im Jahr 2015 über eine Internetplattform Kontakt zu jungen Frauen aufgenommen und diese dazu überredet, von zuhause wegzulaufen und bei ihm als Prostituierte zu arbeiten. In den beiden verhandelten Fällen handelte es sich um eine gerade 18 Jahre alt gewordene Norddeutsche und eine 17-Jährige aus dem Ruhrgebiet.

In beiden Fällen schickte der Angeklagte den jungen Frauen eine Fahrkarte nach Frankfurt, ein neues Handy und einen „Künstlervertrag“, in dem die Frauen sich verpflichteten, ausschließlich für ihn zu arbeiten und 50 Prozent ihrer Bruttoeinnahmen an ihn zu übergeben. Der Anspruch auf die Hälfte ihrer Einnahmen sollte auch nach Beendigung des Vertrages für weitere zehn Jahre gelten, Unterkunft, Verpflegung und Fahrdienst zu den Kunden wurden als Darlehen bezeichnet, das gegebenenfalls zurückgefordert werden könne. Für den Fall, dass die Mädchen sich nicht an den Vertrag hielten, wurde mit einer Vertragsstrafe von 1,5 Millionen Euro gedroht.

Der Biedenkopfer holte die Mädchen in Frankfurt ab, brachte sie in Wohnungen in Biedenkopf beziehungsweise Weifenbach und vermittelte sie über das Internet an Kunden. Auch Hausbesuche wurden arrangiert. Im Verfahren war auch von weiteren Wohnungen in Breidenbach und in Siegen die Rede, in denen Frauen unter der Regie des Biedenkopfers der Prostitution nachgingen.

Beide Mädchen hatten ausgesagt, vorher nicht als Prostituierte gearbeitet zu haben. Die 18-Jährige berichtete, während ihres Aufenthalts in Biedenkopf alkoholsüchtig geworden zu sein. „Ich habe getrunken, um das auszuhalten“, sagte sie als Zeugin vor dem Gericht; es sei ihr später sehr schwergefallen, wieder vom Alkohol loszukommen.

Diese beiden Fälle wertete das Gericht als schweren – da gewerbsmäßigen – Menschenhandel. Zugute hielt das Gericht dem Angeklagten, dass beide Mädchen versichert hatten, der Mann sei nie gewalttätig oder übergriffig geworden. Das sei durchaus anders als in dem Milieu üblich, betonte der Vorsitzende.

Zwei Anklagepunkte bezogen sich auf „Verabredung zu dem Verbrechen des Menschenhandels“. In den abgehörten Telefonaten war zu hören, wie der Angeklagte mit einem Kollegen besprach, dass Mitarbeiter des Security-Unternehmens aus dem damaligen Erstaufnahmelager für Flüchtlinge in Cappel anboten, von dort junge Frauen der Prostitution zuzuführen. Der Angeklagte stimmte dem Vorschlag zu. Laut Gericht konnten die verantwortlichen Security-Mitarbeiter nicht ermittelt werden, der Kollege wird strafrechtlich verfolgt.

Des Weiteren bestellte der Angeklagte bei einem rumänischen Menschenhändler per Telefon drei Frauen aus Rumänien. In beiden Fällen wollten sich der Angeklagte und seine Mitstreiter zunutze machen, dass die in Frage kommenden Frauen kein Deutsch sprachen und in Deutschland weder Geld, noch Sozialkontakte oder andere Arbeitsmöglichkeiten haben würden, so das Gericht. Beide „Geschäfte“ kamen jedoch laut den Ermittlungen nicht zustande, auch der rumänische Menschenhändler konnte nicht ermittelt werden.

Auch diese beiden Versuche des Menschenhandels wertete das Gericht als minderschwere Fälle. Zudem, so der Vorsitzende in der Urteilsbegründung, habe der Angeklagte bereits mehr als ein halbes Jahr in Haft verbracht. Kurz nach der Verhaftung durch die hiesigen Behörden trat er eine Haftstrafe aus einem Urteil des Amtsgerichts Leer in Ostfriesland an. Dort hatte er nach gleichem Muster junge Mädchen angeworben und in einer Ferienwohnung zur Prostitution angeboten. Als eine junge Frau auf eigene Rechnung arbeitete, hatte er sie gegen eine Wand gestoßen, ihr das eigene sowie das „Diensthandy“ und 250 Euro abgenommen. Die ausgeurteilte Geldstrafe von 12.000 Euro verbüßte er ersatzweise als Haft.

Staatsanwältin und Gericht gingen von einer günstigen Sozialprognose des Angeklagten aus. Er hatte berichtet, 770 Euro monatliche Erwerbsunfähigkeitsrente zu bekommen. Davon zahle er 350 Euro Miete im Monat. Weiter hatte er angegeben, der vor seiner Wohnung in Biedenkopf geparkte Jaguar gehöre seinem Mitbewohner.

Das Gericht verzichtete in seinem Urteil auch auf die Einziehung von Erträgen aus dem Geschäft mit der Prostitution, da es davon ausging, dies werde den Biedenkopfer möglicherweise sonst dazu anregen, erneut straffällig zu werden. Bei seiner Verhaftung waren unter anderem 27.850 Euro Bargeld bei ihm sichergestellt worden, die nun zurückgegeben werden.

Der Mann muss aber 200 Stunden soziale Arbeit leisten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Von Martina Koelschtzky