Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Findus erobert die Herzen
Landkreis Hinterland Findus erobert die Herzen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:00 09.01.2022
Feierabend im Garten: Matthias Debus mit Findus und Mira.
Feierabend im Garten: Matthias Debus mit Findus und Mira. Quelle: Regina Tauer
Anzeige
Biedenkopf

Seine Dienstkleidung ist ein rotes Halstuch, darauf das Emblem mit dem Logo des Therapiehundeteams des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Wenn Matthias Debus seinem Mischlingshund dieses Halstuch anlegt, dann weiß Findus Bescheid. Es geht zu einem Einsatz. Zwölf Jahre ist Findus alt und längst ein Routinier unter den einfühlsamen Helfern auf vier Pfoten im Dienst des DRK.

Seit acht Jahren bringt er bei seinen Besuchen in Seniorenheimen alten Menschen Freude und Abwechslung, zaubert ihnen ein Lächeln ins Gesicht. Gerne lässt sich der Hund mit dem honigfarbenen, weichen Fell streicheln. Mit allerlei Kunststücken unterhält er sein staunendes Publikum. Auch Menschen, die anfangs zurückhaltend sind, wenig Erfahrung mit Hunden haben, erobert Findus. „Einmal haben Senioren Findus zur Begrüßung und zum Abschied ein Gedicht geschrieben“, erzählt Debus lächelnd. Der 64-Jährige ist ein begeisterter Therapiehundeführer, schon seit 2013. Die erste Zeit nach Findus‘ Ausbildung zum Therapiehund fuhr sein Herrchen bis nach Haiger mit ihm. Seit 2016 liegt der Schwerpunkt seiner Einsätze in Biedenkopf. Dort lebt Familie Debus mit ihren zwei Kindern.

Dabei war Findus die „Karriere“ als Therapiehund nicht ins Körbchen gelegt worden. Seinen Weg dahin verdankt er dem Zufall. Der Debus-Familienrat hatte 2009 beschlossen: Ein Hund kommt ins Haus. Matthias Debus sah auf der Website des Potsdamer Tierheims einen Welpen und sagte sich: „Der ist es.“ Doch als er dort anrief, teilte man ihm mit, dass sein Traumhund schon weg sei. Hoffnung machte ihm aber die Aussage, es gebe aus dem Wurf noch ein paar weitere Welpen. Debus setzte sich ins Auto und fuhr bei Eis und Schnee die 400 Kilometer nach Brandenburg.

Dort angekommen, wartete eine Enttäuschung auf ihn. Nur noch ein Welpe war da – „der dürrste und der kleinste“. Matthias Debus und seine Frau Barbara sind sich sicher: „Im Nachhinein hat es so sein sollen. Das war eine Schicksalsentscheidung.“ Findus erwies sich als Glücksgriff. Der Familie gelang es mit Unterstützung der Tierärztin aus der Nachbarschaft rasch, das kleine, verwurmte Bündel Hund aufzupäppeln. Bald wurde Findus für die Hundeschule angemeldet, zeigte Spaß an Agility und Hundesport. Zu seinem vollkommenen Hundeglück fehlte Findus nur noch eines: ein vierbeiniger Spielkamerad. Mischlingshündin Mira zog ein, der Welpe war mit seinen Geschwistern in einem Plastiksack auf einer Müllkippe auf Korfu entdeckt worden. Über eine Hilfsorganisation gelangte Mira dann nach Biedenkopf.

Hundeführerschein, Begleithundeprüfung – Findus erwies sich als pfiffig und gelehrig. Zu Menschen war er von Anfang an immer freundlich und zugewandt, unkompliziert im Umgang mit anderen Hunden. Matthias Debus erkannte Findus’ besonderes Wesen, dass er als Therapiehund geeignet wäre. „Ich habe von Anfang an gesehen, dass mit diesem Hund etwas zu machen ist.“

Doch Debus stieß auf Skepsis. „Das schafft Findus nie“, sagte der Hundetrainer. „Der ist viel zu agil und hektisch.“ Auch Barbara Debus hatte Zweifel. „Alle haben wir falsch gelegen“, sagt sie im Rückblick. 2013 schaffte Findus den Eignungstest. Dazu gehörte auch, in einer dunklen Garage, voll mit Menschen, Rollstühlen und Krücken und viel Geräuschen ruhig und freundlich zu bleiben, erzählt sie. „Ich hätte nie gedacht, dass er das schafft.“

Die Hürde zur Ausbildung zum Therapiehund war genommen. Mit vier Jahren begann Findus‘ neuer Lebensabschnitt. Mindestens zwei Jahre, aber nicht älter als sieben, müssen Hunde sein, die für eine solche Ausbildung infrage kommen, berichtet Debus. Die Kosten werden vom DRK übernommen. Die Hundeführer arbeiten ehrenamtlich. Auf ihren Einsatz werden Hund und Mensch intensiv vorbereitet, praktische und theoretische Inhalte werden vermittelt. Viel habe er dabei über den Umgang mit Hunden gelernt, schwärmt Debus: „Man hat es hier mit Leuten zu tun, die ganz viel Ahnung von Hunden haben.“ Inzwischen ist er selbst ein gefragter Ansprechpartner für die Newcomer unter den Therapiehundeführern. Biedenkopf erlebt hier gerade einen Run. Im vergangenen Herbst haben sechs Teams den Eignungstest bestanden. Die Bandbreite der einfühlsamen Helfer auf vier Pfoten reicht vom Zwerg-Rauhaardackel bis zum Boxer. Die Ausbildung startet im Januar.

„Wir wissen, wie wichtig es für alte Menschen ist, Körperkontakt zu Tieren zu spüren und sie zu beobachten. Hunde können das Wohlbefinden steigern, bringen die Senioren zum Lachen und haben häufig kommunikationsfördernde Wirkung – das haben wir oft genug erlebt. Deshalb war es mir als Hundeliebhaberin ein besonderes Anliegen, dass wir unsere Therapiehundeteams erweitern, damit die Bewohner in Biedenkopf und Wallau noch häufiger tierischen Besuch bekommen“, so A. Cornelia Bönnighausen, Vorstandsvorsitzende des DRK-Kreisverbandes Biedenkopf.

In Altenheimen, Schulen, Kindergärten, Behinderteneinrichtungen, Krankenhäusern oder Rehaeinrichtungen sind die vierbeinigen Helfer beliebte Gäste. Die Freude ist groß, wenn Findus etwa einen zusammengerollten kleinen Tischläufer geschickt mit seiner Nase aufrollt, um ein Leckerli zu befreien, oder den Leckerli-Beutel genau dem zurückbringt, der ihn wie einen Ball geworfen hat.

Auch der Hund hat Spaß an diesen Spielen, Bälle holen oder ein Frisbee gehören zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Findus kann sogar zaubern, schmunzelt Debus. Schwarz-Weiß-Bilder in einem Malbuch verwandelt er mit seiner Pfote in farbige – auch wenn zugegebenermaßen im Hintergrund sein Herrchen etwas Regie dabei führt. Für Menschen mit Demenz ist Findus ein Brückenbauer. „Wie heißt der Hund, wie alt ist er?“ – Fragen, die Matthias Debus immer wieder geduldig beantwortet. Bei manch einem kommen Erinnerungen hoch, an ein eigenes Tier oder daran, dass man sich immer eines gewünscht hatte. Tränen der Freude fließen, wenn Findus zur Weihnachtszeit stolz ein Körbchen trägt, gefüllt mit kleinen Tüten voller Plätzchen, die der Hund an alle verteilt. Barbara Debus hat die Plätzchen gebacken, die Schwiegermutter hat mitgeholfen, einige Kilo haben auch Schäfers Backstuben in Biedenkopf beigesteuert.

Findus fühlt sich im Seniorenzentrum „Lahnaue“ und im Seniorenheim in Wallau schon wie zu Hause. „Neben den regelmäßigen Besuchen in den beiden Heimen waren wir auch schon mehrmals im Einsatz bei der Familiengruppe der Down-Syndrom-Kinder in Marburg“, erzählt Debus aus seinen acht Jahren als Therapiehundeführer. Auch die Kinder der Selbsthilfegruppe der „Schmetterlingskinder“ freuen sich beim Familientreffen in Biedenkopf über den Besuch von Findus. Der Hund scheint genau zu wissen, wie vorsichtig er im Umgang mit ihnen sein muss.

„Was muss ich im Tierheim sagen, damit ich auch so einen Hund wie Findus bekomme?“, lautet eine Frage, die Debus häufiger beantworten muss. „Einen Findus gibt es nur einmal“, sagt er dann. In Biedenkopf hat Findus schon einen kleinen Prominentenstatus. „Was machen Sie denn mit dem Findus?“, wird Barbara Debus schon einmal bei einem Spaziergang angesprochen. Nicht, dass der am Ende abhandenkommt.

Von Regina Tauer