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Hinterland Brandstifter bleibt in Psychiatrie
Landkreis Hinterland Brandstifter bleibt in Psychiatrie
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19:58 01.06.2019
Im September vorigen Jahres streckte ein Mann vor der Außenstelle des Landratsamts in Biedenkopf mehrere Autos an und bedrohte Zeugen und Polizisten. Quelle: Nadine Weigel/Archiv
Marburg

„War’s das?“ – ohne erkennbare Regungen steht der Angeklagte, der heute Geburtstag hat, auf. Seine Verteidigerin blickt er nicht mehr an, drei Justizwachtmeister begleiten ihn zum Gefangenentransport, der ihn zurück in die Psychiatrie nach Gießen bringt.

Die Haftstrafe von drei Jahren und vier Monaten wird der Mann wegen der Einweisung nicht antreten. Dieses Urteil fällte am dritten Verhandlungstag die zwölfte Kammer des Marburger Landgerichts unter dem Vorsitz von Beate Mengel.

Antrag der Verteidigung abgelehnt

Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Angeklagte unter einer paranoiden Schizophrenie leidet. Über dieses Krankheitsbild hatte am zweiten Verhandlungstag der Gutachter Dr. Rolf Speier informiert und vor weiteren Verbrechen gewarnt, sollte der Mann nicht behandelt werden und auf freien Fuß kommen (die OP berichtete).

Pflichtverteidigerin Vanessa Roth hat am Mittwoch ein weiteres psychiatrisches Gutachten beantragt. Es soll belegen, dass der Angeklagte an einer emotionalen Persönlichkeitsstörung und nicht an Schizophrenie leidet. Die Kammer lehnt diesen Antrag nach einer einstündigen Beratung ab und begründet dies damit, dass das Gutachten von Dr. Speier nicht angezweifelt werde.

Sachbeschädigung bleibt außen vor

Der Mann war angeklagt, weil er am 24. September 2018 fünf Autos am Biedenkopfer Landratsamt angezündet hat, bei der Flucht einen Zeugen mit dem Messer bedrohte, mehrere Polizisten beleidigte und bedrohte, seinen Großvater erpresste und bedrohte und seine Mutter würgte. Eingestellt wird die Anklage wegen Sachbeschädigung in der Biedenkopfer Flüchtlingsunterkunft. Dort hatte der Mann mit Stöcken Kampfsport trainiert und dabei Löcher in die Wand geschlagen, außerdem hatte er eine Tapete beschmiert.

Abgeschwächt wird zudem der Anklagepunkt der Körperverletzung: Der Mann hatte im Sommer vor zwei Jahren seine Mutter im Streit gewürgt. Die Kammer geht nicht mehr von einer Handlung aus, die das Leben gefährdete. Der Vorwurf der Körperverletzung bleibt aber bestehen.

Schon als Jugendlicher straffällig

Die telefonische Todesdrohung gegen seinen Großvater spielt beim Strafmaß hingegen keine Rolle. Mutmaßlich war der Angeklagte bei dieser Tat so betrunken, dass er schuldunfähig war. Staatsanwalt Dennis Bodenbenner beantragt in diesem Punkt einen Freispruch, dem die Kammer entspricht.

Schon im Jugendalter war der Mann unter anderem wegen Drogenmissbrauchs, Diebstahls und versuchter räuberischer ­Erpressung aufgefallen. Zudem soll er schon in der Grundschule gewalttätig gewesen sein. 2008 wurde er erstmals in der Marburger Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt.

Verteidigerin plädiert 
für milderes Urteil

Bei Auseinandersetzungen wurde er schnell aggressiv. Die Mutter schlug er, wenn sie ihm kein Geld gab. Aktenkundig ist, dass er einem Jugendlichen ins Gesicht schlug, einen anderen zum Diebstahl anstiftete, einen Jugendlichen zwang, vor ihm zu knien und die Schuhe zu küssen. In Frankfurt wurde er aktenkundig wegen Beleidigung, Nötigung und Bedrohung, in Nürnberg wegen Leistungserschleichung. Noch nach der Brandstiftung im vergangenen Jahr blieb er auffällig, beleidigte in Gießen den Arzt einer psychiatrischen Einrichtung.

Die Verteidigerin plädiert für ein mildes Urteil. Sie erinnert an die Obdachlosigkeit, in die der Angeklagte vor der Brandstiftung geraten war. „Dies war für ihn eine unerträgliche Situation.“

Urteil noch nicht rechtskräftig

Die Vorsitzende Richterin Beate Mengel erinnert in der Urteilsbegründung an das psychiatrische Gutachten, in dem Dr. Speier weitere Taten für möglich hält. „Im Kopf sind schon Phantasien, die relativ konkret sind“, sagt sie. Der Angeklagte hatte­ unter anderem Polizeibeamten gedroht, ihnen „eine Kugel in den Kopf zu schießen“. Mengel spricht von einer „ganz massiven Gefährlichkeit“.

Das Gericht übersehe dabei nicht, dass das Leben des Angeklagten nicht einfach gewesen sei. Der junge Mann hat bislang abgestritten, krank zu sein. „Ihnen wäre es zu wünschen, dass Sie sich behandeln lassen“, sagt die Vorsitzende Richterin.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Mark Adel