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Hinterland Mit Hitlergruß übers Auto gelaufen
Landkreis Hinterland Mit Hitlergruß übers Auto gelaufen
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08:59 27.10.2021
Der Angeklagte ist bereits mehrfach mit dem Strafrecht in Konflikt geraten.
Der Angeklagte ist bereits mehrfach mit dem Strafrecht in Konflikt geraten. Quelle: Arne Dedert
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Biedenkopf

„Ich will nicht mein ganzes Leben lang im Hass versinken.“ Diese Einsicht hat einen 25-Jährigen vor dem Amtsgericht Biedenkopf vor einem möglichen härteren Urteil bewahrt. Er war im Sommer 2020 in Biedenkopf über ein parkendes Auto gelaufen, hatte dabei unter anderem den Hitlergruß gezeigt und auch materiellen Schaden angerichtet. Weil der Mann nun vor Gericht deutliche Reue zeigte, fiel das Urteil vergleichsweise milde aus.

Im Sommer vergangenen Jahres war der damals 24-Jährige auf dem Parkplatz der Stadtwerke in Biedenkopf über ein dort abgestelltes Auto gelaufen und hatte dabei einen Schaden von rund 2 100 Euro angerichtet. Während der Aktion hatte er den Hitlergruß gezeigt. Außerdem hatte er „Sieg Heil“ und „Heil Hitler“ gerufen.

Darüber hinaus zeigte er auf seinem Facebook-Profil Bilder von Adolf Hitler. Auch eine Aufnahme von sich selbst mit einem großen Kampfmesser war dort zu sehen. Das Bild kommentierte der junge Mann auf Facebook mit einem rassistischen Vermerk. Und: Er habe keine Angst vor einer Haftstrafe, wenn er demnächst jemanden absteche und ihm die Organe entferne.

Gleich zu Beginn der Verhandlung gab der Angeklagte alle Vorwürfe zu und berichtete von seinen Problemen zu jener Zeit. Nicht nur, dass er alkoholabhängig gewesen sei. Er habe auch einer rechten Gruppierung angehört, die mittlerweile sogar verboten wurde. „Freiwillig hätte ich das nicht gemacht – ich wurde unter Druck gesetzt“, sagte der 25-Jährige über die Taten.

Dann kam die Distanzierung

Irgendwann habe er dann begonnen, sich von der Gruppe zu distanzieren: „Ich habe andere Musik gehört, angefangen zu zeichnen und einen anderen Freundeskreis gesucht. Ich will ja nicht mein ganzes Leben im Hass versinken.“ Als er dann obdachlos in Hamburg mit einer Gruppe Punker in Kontakt gekommen sei und dort die linke Szene kennengelernt habe, sei ihm klar geworden, dass die Rechtsextremisten versuchten, Menschen zu manipulieren. Mittlerweile lebt der Mann in einer Wohngruppe.

Er habe seither eine deutliche Entwicklung durchgemacht, bestätigte sein Sozialbetreuer Stefan Gerhold vor Gericht. Als er den jungen Mann kennengelernt habe, sei seine rechte Gesinnung noch deutlich spürbar gewesen, berichtete Gerhold. Seither habe er sehr viele Gespräche mit dem 25-Jährigen geführt. „Man spürt bei ihm deutlich die Reue. Heute würde ich ihm diese Taten nicht mehr zutrauen“, so Gerhold weiter. Er gehe sogar von einer günstigen Sozialprognose aus, wenn es gelinge, mehr Struktur in das Leben des Angeklagten zu bringen und er eine Therapie absolviere.

Richter Leo Raab verurteilte den 25-Jährigen am Ende nur zu einer Geldstrafe von 1 440 Euro. Zugute hielt der Richter dem Angeklagten, dass er Reue zeigte und sich seine politische Gesinnung geändert habe.

Nachteilig wirkte sich auf das Urteil aus, dass der junge Mann bereits zahlreiche Vorstrafen hat. Seit seinem 15. Lebensjahr hat er neun Eintragungen im Bundeszentralregister angehäuft – darunter Diebstahl, Beleidigung, versuchter Raub, gefährliche Körperverletzung und Sachbeschädigung.

Von Sascha Valentin

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