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Hinterland Als Biedenkopf ganz Hessen weckte
Landkreis Hinterland Als Biedenkopf ganz Hessen weckte
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16:57 10.01.2021
Der Rundfunk brachte Jugendkultur ins Hinterland. Das HR-Magazin „Teens, Twens, Top-Time“ mit dem Kürzel T4 lud nach Wallau ein. Hans-Jürgen Krug zeigt ein Plakat aus dem Jahr 1969. Quelle: Regina Tauer
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Biedenkopf

Er gehört zu den Experten in Sachen Radio-Geschichte. Im Interview erzählt der Hamburger Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Krug von frühen persönlichen Erfahrungen mit dem Rundfunk. Krug, der aus Niederdieten bei Breidenbach stammt, schildert, wie wichtig das Radio seit fast 100 Jahren für das Hinterland ist.

Herr Krug, wann war Ihre erste Begegnung mit dem Radio?

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In der Familie hatten wir schon in den 50er-Jahren ein Radio, mit dem damals aber nur Mittelwelle zu empfangen war. Fasziniert hat mich schon früh dieses magische Auge, mit dem die Sender eingestellt wurden. Auf einer Skala wurden die Welthauptstädte genannt. An einem Rad wurde gedreht, um die Sender zu finden.

Hat die Mittelwelle als „Ohr zur Welt“, wie das Radio ja gern ­genannt wird, ausgereicht?

Sie hat ausgereicht und auch nicht. Das Spannende an dem Radio fand ich damals einfach, dass die Skala auf der rechten wie auf der linken Seite endete, man konnte nur diese 40 Zentimeter mit dem Rad abdrehen, die man sah. Rechts und links davon ist auch noch was, dachte ich mir.

Das hat Ihre Neugier am Radio schon früh geweckt?

Ja. Die Gerüchte sagten immer, der Polizeifunk sei rechts oder links. Von daher war das Interesse sehr groß. Leider habe ich dieses Geheimnis nicht knacken können.

Ferienjob fürs eigene Tonbandgerät

Was war Ihr Lieblingssender?

In den frühen 60ern haben wir wie viele Leute Radio Luxemburg gehört. Sonntagmittag wurden die Hitparaden durchgehört. Man konnte Postkarten hinschicken und sich an der Auswahl beteiligen. Vor allem konnte man auch etwas gewinnen. Mein bleibendes Erlebnis mit Radio Luxemburg war der Gewinn einer Flasche Eierlikör. Ich war 14, bei RTL hatte man die Hörerdifferenzierung noch nicht so weit, um 14-Jährigen den Alkohol vorzuenthalten. Ich wollte eigentlich eine Schallplatte gewinnen. Den Eierlikör hat meine Mutter dann irgendwann für einen Kuchen verwendet.

Hatten Sie später einen Kassettenrekorder, mit dem Sie versuchten, Ihre Lieblingstitel halbwegs rauschfrei aufzunehmen?

Wir hatten zuhause ein altes Tonbandgerät, damit konnte man aufnehmen – Mitschneiden ging allerdings nur übers Mikrofon, ein direktes Überspielen war nicht möglich. So saß ich immer vor dem Radio, das Mikro in Position, und die Familie wurde dazu verdonnert, still zu sein. Mit 16 habe ich mir dann ein eigenes Tonbandgerät und ein Radio gekauft. Um mir das leisten zu können, habe ich in den Ferien gearbeitet.

Heute laden sich Jugendliche ihre Musik ohne Mühe runter.

Ich war richtig stolz auf meine Mitschnitte. Und ich habe natürlich auch versucht, mit anderen Titel zu tauschen. Meine Tonbandaufnahmen aus den 60ern existieren noch. An einem Sonntagnachmittag vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir eine alte Aufzeichnung der WDR-Matinee angehört. Darin traten Liedermacher live auf. Plötzlich ruft meine Mutter von unten „Hans-Jürgen, das Essen ist fertig“. Das war ein wehmütiger Moment. Plötzlich waren 50 Jahre verschwunden, die Zeit war stehen geblieben. Es roch sogar nach Sonntagsbraten.

Der erste transistorbetriebene Ukw-Reiseempfänger aus dem Jahre 1965. Früher war gemeinsames Radiohören ein Gesellschaftsereignis. Quelle: Bernd Settnik/dpa/Archiv

Welches Ereignis, über das im Radio berichtet wurde, haben Sie nie vergessen?

Die Kubakrise 1962. Ich war damals zehn Jahre alt. Ich weiß noch, wie ich mit meinem Vater vor dem Mittelwellenradio gesessen bin und die Tränen liefen. Denn alle sprachen vom Dritten Weltkrieg.

Welche frühen Erinnerungen verbinden Sie noch mit dem ­Radio?

1967 haben wir an der Lahntalschule in Biedenkopf ein Hörspiel produziert. Im Unterricht hatten wir das Stück „Das Schiff Esperanza“ von Fred von Hoerschelmann gelesen. Eine Gruppe von Schülern traf sich am Nachmittag bei dem Lehrer zuhause, und mit Mikrofon und Tonband ausgestattet entstand ein richtiges Hörspiel, das noch erhalten ist. Da ging es im Grunde auch schon um Medienkompetenz, lange bevor dieses Wort existierte.

Hat das Fernsehen Sie auch so begeistert?

1958 bekam Niederdieten ein Dorfgemeinschaftshaus zur „sozialen Aufrüstung des Landes“, wie das damals hieß. Dort gab es auch einen Fernsehapparat. Das Dorf kam zusammen, um gemeinsam bestimmte Fernsehsendungen zu schauen. Ich erinnere mich an Berichte über eine Papstwahl und natürlich „Fury“, das Sonntagnachmittag gesendet wurde. Das waren die öffentlichen Erfahrungen mit Fernsehen, bevor TV-Geräte in alle Haushalte Einzug hielten.

Spätere Terroristen protestieren in Biedenkopf

War das Radio auch so ein ­öffentliches Medium?

Die Nationalsozialisten haben das Radio ab 1933 als öffentliches Medium massiv eingesetzt. Etwa am 1. Mai. Nachdem die Demonstrationszüge von der Ludwigshütte am Marktplatz in Biedenkopf eingetroffen waren, sprachen die örtlichen Nazi-Größen. Und dann wurden die Lautsprecher angemacht und die Führerrede aus Berlin direkt übertragen. In unzähligen hessischen Städten und Dörfern wurden an diesem Tag Lautsprecher aufgebaut. Das Gleiche geschah auch zum Erntedank. Der Sound der Großstadt war plötzlich hier im Hinterland präsent. Bei der Recherche hat mich elektrisiert, wie sehr das Radio in dieses Feste-Feiern eingebunden war. Es wäre interessant zu erfahren, wie noch lebende Zeitzeugen diese neue nationale akustische Welt miterlebt haben.

Begann das erst mit den Nazis?

Nein. Bereits 1924 – der offizielle Beginn des Rundfunks war noch kein Jahr alt – entstand der Sender Frankfurt. Ab da haben sich in Biedenkopf schon Bürger mit dem neuen Medium befasst. In der Gewerbeschule bot der Gewerbeverein an, für zehn Pfennig gemeinsam Radio zu hören. Es gab sogar einen Radioclub in Biedenkopf. Die Mitglieder fuhren über die Dörfer und stellten Radiogeräte zum Beispiel in Kneipen vor.

Ein Radio war damals teuer?

Große Familien haben zusammengelegt, um eines kaufen zu können.

Wie hat sich das Radio um ­junge Hörer bemüht?

1969 hat sich die Radiolandschaft verändert. Radio war durch das Fernsehen nicht mehr so populär. Als Reaktion darauf wurde stärker auf Zielgruppen geachtet, Jugendsendungen wurden produziert, die Musik wurde poppiger. „Teens, Twens, Top-Time“ war so eine Sendung des Hessischen Rundfunks, die habe ich als Schüler viel gehört. Neben Musik spielte Politik eine Rolle. Ein Radiobericht über Fürsorgezöglinge, in der auch das Jugendheim Staffelberg in Biedenkopf erwähnt wurde, hat 1969 die Revolte gegen die Heimerziehung ausgelöst. Die Frankfurter Apo saß auf dem Staffelberg – mit dabei auch Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die wegen Brandstiftung in einem Frankfurter Kaufhaus angeklagt waren. Eigentlich sollte eine Radiodiskussion stattfinden, die aber aus dem Ruder lief.

Ein Hauch von Liverpool im Hinterland

Das Gegenteil also zu den beschaulichen Livesendungen des „Frankfurter Weckers“ der 50er?

Peter Frankenfeld hat damals die Biedenkopfer Bürger begeistert. 1953 reiste er mit dem HR-Tross an – Biedenkopf hatte gerade seinen eigenen Sendemast auf der Sackpfeife bekommen. 5 000 Leute kamen zusammen, als „Biedenkopf ganz Hessen weckte“ wie die Zeitung damals schrieb. Der „Frankfurter Wecker“ kam immer wieder ins Hinterland. Nach dessen Einstellung kamen die Discjockeys des HR ins Hinterland und die Jugend hat getanzt. Einen Hauch von Liverpool verbreiteten die „Petards“, eine hessische Kultband, im Hinterland. Auch die privaten Medien haben Jahre später die Provinz schnell entdeckt, beliebt waren etwa die „Skatabende“ von RTL. Und Radio FFH hat zum Grenzgang eine Putzkolonne geschickt, die das Kriegerdenkmal auf dem Marktplatz säuberte.

Der Grenzgang als überregionales Medienereignis?

Das war er schon 1935. Da hat der Reichssender Frankfurt einen Übertragungswagen nach Biedenkopf geschickt und den Sound des Grenzgangs in einem 15-Minuten-Bericht festgehalten und über seinen Großsender verbreitet. Die Biedenköpfer waren enorm stolz darauf. Übrigens: Bereits 1927 fuhr die einklassige Volksschule Diedenshausen mit der Bahn nach Frankfurt und sang live in einer Jugendsendung, die auch im Hinterland gut zu empfangen war. Ebenfalls 1927 war der Chef der Landwirtschaftsschule Biedenkopf, Georg Fischer, beim Frankfurter Sender. Er hielt einen Vortrag über Merkwürdigkeiten im Hinterland. Das Radio hat schon bald Wechselbeziehungen zwischen Stadt und Land geschaffen.

Zur Person

Dr. Hans-Jürgen Krug ist Medienwissenschaftler und Publizist in Hamburg. Der 68-Jährige ist im Hinterland aufgewachsen.

Jüngste Publikationen: „Grundwissen Radio. Eine Chronik des Massenmediums“ (2019) und „Kleine Geschichte des Hörspiels“ (Erweiterte Auflage 2020).

Von Regina Tauer