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Hinterland Gehören Schottergärten verboten?
Landkreis Hinterland Gehören Schottergärten verboten?
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11:00 02.01.2022
Mit der Mischung aus Gestein und sparsamen Grün wirken Schottergärten ein wenig wie Landschaften entlegener Planeten. Umweltschützer warnen vor solchen Gärten.
Mit der Mischung aus Gestein und sparsamen Grün wirken Schottergärten ein wenig wie Landschaften entlegener Planeten. Umweltschützer warnen vor solchen Gärten. Quelle: Themenfoto: Annette Riedl
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Biedenkopf/Bad Endbach

Naturschützern sind sie ein Graus. Schottergärten und Artenvielfalt vertragen sich nicht. Städte wie Frankfurt und Darmstadt haben diese Art der Landschaftsgestaltung verboten. Auch im Hinterland beginnt die Debatte: Die Parlamente in Biedenkopf und Bad Endbach diskutieren darüber.

Die Stadt Biedenkopf wird prüfen, ob ein Schottergarten-Verbot machbar wäre. Das hat das Parlament beschlossen. Jedoch zeigte die Diskussion, dass dieser Weg umstritten ist. Grüne und SPD hatten den Antrag eingebracht. Es gebe einen Trend zur Verschotterung von Gärten; das schade Insekten und dem Klima, erklärten beide Fraktionen. In Zeiten von Klimakrise, Artenrückgang und Insektensterben sei jeder Quadratmeter begrünter Fläche wichtig.

Die beiden Fraktionen beantragten deshalb, dass die Stadt auf ihren eigenen Flächen keine Schottergärten anlegen solle. Zudem solle die Stadt Informationen für die Bürger bereitstellen, wie wasserdurchlässige und insektenfreundliche Flächen gestaltet werden können. Darüber hinaus solle der Magistrat eben prüfen, ob Schottergärten verboten werden könnten.

"Gruseliges Bild"

„Schottergärten sind für mich ein gruseliges Bild“, erklärte Grünen-Fraktionschef Matthias Peuckert. Das Hauptproblem sei aber der Schaden für die Natur. Denn unter der Steinschicht sei der Boden meist mit einem Unkrautvlies bedeckt. Diese Kombination töte alles Darunterliegende ab. Peuckert: „Schottergärten sind totes Gelände, wo praktisch nichts lebt.“ Hinzu komme, dass sich die geschotterten Flächen im Sommer aufheizten. Bei Starkregen wiederum verhindere das Vlies, dass das Wasser versickern könne.

„Mir gefallen Schottergärten auch nicht“, erklärte Jörg Michel (BB). „Man sollte versuchen, die Menschen mit ins Boot zu holen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das mit einem Verbot nicht klappt.“ Michel sagte, dass ein Schottergarten älteren Leuten womöglich die Pflege ihres Grundstücks erleichtere. Er schlug vor, auf Freiwilligkeit zu setzen und den Bürgern Anregungen für Grünflächengestaltungen zu geben.

„Ich verstehe die Diskussion in Städten, wo alles zubetoniert ist. Aber hier in Biedenkopf sehe ich das Problem nicht“, sprach sich auch Jörn Schreiber (UBL) gegen ein Verbot aus. Er betonte, dass es in Biedenkopf kaum Schottergärten gebe. Skepsis an einem Verbot äußerte auch Matthias Riedesel (CDU).

„Es stimmt: Bisher gibt es bei uns kaum Schottergärten. Aber man sollte weitere verhindern“, erklärte daraufhin Britta Schlenkrich-Schwarz (SPD). Wissenschaftliche Untersuchungen hätten gezeigt, dass der Boden unter den Steinmassen und dem Unkrautvlies „klinisch tot“ sei. Die Folgen seien „gravierend und schrecklich“. Um so etwas zu verhindern, müsse vielleicht auch mal ein Verbot her, sagte die SPD-Politikerin.

Prüfung beschlossen

CDU-Fraktionschef Markus Doruch erklärte, die CDU habe kontrovers über das Thema diskutiert. Er betonte, dass es jetzt erst einmal nur um einen Prüfauftrag gehe. Die Verwaltung werde Vorschläge entwickeln, wie ein Verbot aussehen könnte. Erst wenn das Prüfergebnis vorliege, werde das Parlament über ein Verbot entscheiden.

Dass das Thema komplex ist, hatten Bauamtsleiter Thorsten Schmack und Bürgermeister Joachim Thiemig (SPD) bereits im Bauausschuss erläutert. Die Verschotterung von Flächen könnte die Stadt demnach durch eine Satzung oder auch durch Festlegungen in Bebauungsplänen ausschließen. So greife die Stadt aber ein Stück weit in das Selbstbestimmungsrecht der Grundstückseigentümer ein. Deshalb sei auch eine rechtliche Prüfung des Themas wichtig, sagte Thiemig.

Dass rückwirkend für bereits angelegte Schottergärten ein Verbot ausgesprochen werden kann, daran hatten mehrere Politiker Zweifel. Auch Grünen-Fraktionschef Peuckert ging davon aus, dass wohl Bestandschutz gelte.

Am Ende entschied das Parlament mit 26 Ja-Stimmen, ein Schottergarten-Verbot zu prüfen. Es gab drei Nein-Stimmen und fünf Enthaltungen.

Das Thema Schottergärten hat auch schon das Bad Endbacher Gemeindeparlament beschäftigt. Dort brachte die SPD-Fraktion einen Prüfantrag für eine Gestaltungssatzung ein, der aber keine Mehrheit fand. Die Bad Endbacher SPD hatte angeregt, bei privaten Neu- und Umbauten die Anlage von Schottergärten zu untersagen. Eine weitere Versiegelung privater Vorgärten dürfe nur nach Prüfung gestattet sein. Weiterhin wurde gefordert, bei geeigneten Gebäuden Dachbegrünungen vorzuschreiben.

Es gehe um den Schutz der Artenvielfalt, begründete Tamara Reiers, Fraktionsvorsitzende der SPD. Schottergärten seien aus ökologischer Sicht äußerst problematisch. Reiers verwies unter anderem auf die starke Verdichtung des Bodens. In einigen Bundesländern und Kommunen in Hessen seien Schottergärten, so Reiers, bereits unzulässig.

Frühzeitig dagegenwirken 

Die Problematik der Schottergärten sei unstrittig sagte Jens Jung (CDU). Er habe sich aber die Frage gestellt: „Ist das für uns ein Problem?“ Jung weiter: „Ich habe mir die Mühe gemacht, alle Ortsteile abzufahren und musste feststellen, dass wir nicht einmal 100 Schottergärten haben.“

Davon sei „nur ein Drittel voll mit Schotter“, in allen anderen Vorgärten sei noch Grün zu finden. In Hanglagen wolle er niemandem – gerade älteren Personen nicht – zumuten, Steine zu entfernen. Nach Ansicht Jungs handelt es sich um ein städtisches Problem. Von jedem Ort in Bad Endbach habe man Wald und Wiesen in Sichtweite und damit Artenvielfalt. Für Bad Endbach sei der Antrag deshalb nicht passend.

„Es geht um Neu- und Umbauten“, sagte Rolf Bernshausen (SPD). In seiner Wohngegend habe er drei, vier Schottergärten gezählt. Die Frage sei, ob man es einfach laufen lasse oder darauf hinwirke, Gärten anders zu gestalten. Thorsten Grob (FWG) wandte ein, dass dies dann auch für Gemeindeflächen gelten müsse. Grundsätzlich fand er den Antrag in Ordnung.

Reiers sagte, man habe sich bewusst für einen Prüfantrag entschieden. „Wir wollen einfach frühzeitig dagegenwirken können.“ Man müsse aber unterscheiden zwischen den typischen Schottergärten einerseits und Stein- und Kiesgärten andererseits. Dort könne noch Wasser versickern. Die negativen Folgen eines Schottergartens für Artenvielfalt und Klima könne man hingegen fast mit einer Asphaltdecke vergleichen.

Von Susan Abbe