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Hinterland Mohr-Rolle erfüllt Earl Kolbes Traum
Landkreis Hinterland Mohr-Rolle erfüllt Earl Kolbes Traum
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00:18 11.06.2019
Zu sehen: Ein dunkelhäutiger Gast des Grenzganges, der sich vergnügt von den Wettläufern „Huppchen“ lässt. Quelle: Gianfranco Fain
Biedenkopf

 „Der Begriff Mohr ist diskriminierend. Hart gesagt rassistisch“, sagte Shérif Korodowou in einem Beitrag des Hessischen Rundfunks über einen der Hauptakteure des Biedenkopfer Grenzgangs. Korodowou stammt aus Togo, ist Marburger Integrationsbeauftragter und Mitglied im Ausländerbeirat und wirft in dem Radiobeitrag den Biedenkopfern zwar keinen bewussten Rassismus, wohl aber ein „leichtfertiges Spiel mit Bildern und Farben“ vor, weil viele Menschen mit  schwarzer Haut noch Negatives   verbänden. Sein Vorschlag ist, Menschen mit schwarzer Hautfarbe beim Planen von Festen wie in Biedenkopf einzubeziehen oder sie zu fragen, was von  der Figur des Mohren zu halten ist.

„Wer den Mohr abschaffen will und somit den Grenzgang als Abhandlung ,rein weißer‘ Beteiligter absolviert sehen möchte, schürt doch eher den Rassismus“, meint Earl Kolbe (Foto: Fain). Der 69-Jährige schlüpfte beim Grenzgang 1991 in die Rolle des Mohren. Der Sohn einer Deutschen und eines farbigen US-Soldaten erfüllte sich damit einen Kindheitstraum.

"Eine ehrenvolle Aufgabe"

In Biedenkopf zu leben, heiße mit dem Grenzgang leben, meint Kolbe. Schon früh faszinierten den Junge die Peitschen schwingenden Wettläufer, war fasziniert von den Männern, die vom Grenzgang berichteten und ihn freundlich aufnahmen, schrieb zum Grenzgangsjahr 1963 ein Lied für die Burschenschaft „Owwastärran“ und schloss sich später der Burschenschaft Oberstadt an. Allmählich reifte ihn ihm der Wunsch „als erster wirklich farbiger Mohr dieses wunderbare Heimatfest zu bereichern“.

Im Jahr 1991 bescherte ihm seine Leidenschaft „die ehrenvolle Aufgabe, die Symbolfigur des Grenzgangs zu verkörpern“. Mit den Wettläufern Michael Schmidt und Michael Roemer bildete er das Dreigestirn, erlebte, wie Jung und Alt über die drei Grenzgangstage hinweg „den durch die Berührung mit dem angemalten Mohr erhaschten schwarzen Farbabrieb mit Stolz tragen“.

„Ist es Rassismus, wenn aberhunderte Menschen sich von einem ‚Schwarzen‘ umarmen lassen möchten?“, fragt der Biedenkopfer „Wurzelbürger“. Schon als Kind erfuhr Kolbe, dass es Rassismus gibt. Dennoch fällt es ihm schwer dies so zu bezeichnen, wenn ihn Gleichaltrige „Neger“ oder „Schwarzer“ nannten, im nächsten Augenblick aber den beleibten Mitschüler als „Fettwanst“ scholten oder den „Rotfuchs“ piesackten. Später traf es die „Spaghettifresser“ oder die „Polacken“. Dies sei ehrlich, aber auch grausam, so wie Kinder halt sein könnten, wohl aber kein wirklicher Rassismus, meint Kolbe.  

Mit dem Mohr ein unbeschwertes Fest feiern

Vermeintlich verspürter Rassismus sei oft nur das Gefühl von eigenverschuldetem Ausgegrenztsein, was beim Grenzgang in Biedenkopf „ein unbekanntes Phänomen ist“, meint Earl Kolbe.  Geradezu anmaßend findet er deshalb auch Beurteilungen, die darauf abzielen dem „ehrwürdigen Amt des Mohren den negativen Touch des Rassismus auferlegen zu wollen“ und so ein „über Jahrhunderte in friedlich-freudiger Atmosphäre ritualisiertes Heimatfest in den Schmutz ziehen zu wollen“.

Der Biedenkopfer Grenzgang werde auch in diesem Jahr wieder alle möglichen Nationalitäten in die Stadt ziehen. Und ohne den Mohr könne der Grenzgang nicht leben, glaubt Earl Kolbe.
Man freue sich auf ein unbeschwertes Fest, aber die derzeitige leidige Diskussion erschwert den Organisatoren erheblich ihre Tätigkeit, berichtet Uwe Funk. Der ­Vorsitzende des Grenzgangsvereins weist darauf hin, dass auch farbige Gäste gern am Fest teilnehmen oder die Burschenschaft Ballersbach beim vergangenen Grenzgang einen Fahnenträger hatte, der nicht nur durch das Schwenken des Erkennungszeichens Farbe ins Geschehen brachte.

von Gianfranco Fain