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Hinterland Bewährungsstrafe für Apotheker
Landkreis Hinterland Bewährungsstrafe für Apotheker
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08:00 12.04.2022
Das Schöffengericht verhängte gegen einen Apotheker ein dreijähriges Berufsverbot.
Das Schöffengericht verhängte gegen einen Apotheker ein dreijähriges Berufsverbot. Quelle: Friso Gentsch (Themenfoto)
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Marburg

Mit einer Verurteilung des Angeklagten endete die Gerichtsverhandlung gegen einen Apotheker aus dem Hinterland. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Dominik Best sah es als erwiesen an, dass der heute 62-Jährige in 56 Fällen verschreibungspflichtige Medikamente, Betäubungs- und Dopingmittel ohne Rezept verkauft hatte.

Bereits vor zwei Jahren hatte die Staatsanwaltschaft in Limburg gegen den Apotheker ermittelt, weil er seine Mitarbeiterinnen mit heimlich installierten Überwachungskameras auf der Toilette beobachtet haben soll.

Die aktuelle Verhandlung beschäftigte sich mit Taten, die er laut Urteil zwischen Mai 2016 und Juni 2019 begangen hat. In diesem Zeitraum war er Inhaber von drei Apotheken in Biedenkopf, Dautphetal und Angelburg. Inzwischen betreibt er davon keine mehr.

„Bestimmte Distanz nicht eingehalten“

Ganz klar wurde auch Gericht und Staatsanwaltschaft nicht, weshalb der Mann verschiedenen Kunden unter anderem nicht verschriebene Stimmungsaufheller und Hormonpräparate verkauft hat. Die Gewinnspanne war gering. Verteidiger Sascha Marks räumte ein, der 62-Jährige habe dabei „eine bestimmte Distanz nicht eingehalten“, was auf den Umgang mit Stammkunden in einer ländlichen Gegend zurückzuführen sei.

Aus den Ermittlungsergebnissen geht aber hervor, dass auch Neukunden auf Nachfrage mit jenen Präparaten versorgt wurden, an denen sie Interesse zeigten. Unter ihnen war eine Rentnerin aus dem Hinterland. Sie hatte die Einnahme der nicht verschriebenen Medikamente fast das Leben gekostet: Die an Depressionen leidende Frau war über den nun Verurteilten an Psychopharmaka gekommen und hatte versucht, sich mit einem Medikamentencocktail das Leben zu nehmen. Zwei Wochen lang lag sie im Koma. Ihr Sohn – von Beruf Polizist – erstattete Anzeige gegen den Apotheker. Besonders dramatisch: Der Mann hatte der Seniorin die Mittel sogar bereits gemörsert zur Verfügung gestellt, weil er auf eine Ausrede der Frau hereingefallen war.

Sachverständiger erläuterte die Wirkungsweise der Präparate

Während der Verhandlung saß der Apotheker fast regungslos auf der Anklagebank. Einzig bei der Erwähnung dieser Ereignisse schüttelte er den Kopf. Unbewegt vernahm er auch das Protokoll eines Telefonats, das als Verkaufsgespräch ablief: Eine Kundin habe demnach über starke Schmerzen nach einem Unfall geklagt und um ein Schmerzmittel gebeten. Der Apotheker habe ihr gesagt, sie solle ihm 25 Euro ohne ein Anschreiben schicken, wofür er ihr das Medikament in einem neutralen Umschlag zukommen lasse. „Danke für alles, was Sie für mich getan haben“, wird sie in der Niederschrift des Telefonats zitiert.

Apotheker Christopher Kurz erläuterte als Sachverständiger die Wirkungsweise der Präparate. Demnach hat der Apotheker, der über keine Versandhandelserlaubnis verfüge, unter anderem Medikamente mit hohem Missbrauchspotenzial verkauft und verschickt. Kurz sprach in einem Fall von einer möglichen schweren Wechselwirkung zweier Präparate. In einigen Fällen gebe es ein Risiko der Abhängigkeit, in anderen die Gefahr, dass die Atmung aussetze: „Es ist etwas anderes als ein Blutdrucksenker.“ Statt die Mittel seinen Kunden ohne ein ärztliches Rezept auszuhändigen, wäre es besser gewesen, wenn der Apotheker frei zugängliche Alternativen vorgeschlagen hätte, erklärte der Experte.

Haftstrafe mit Bewährung

Den möglichen Gewinn durch solche Verkäufe bezifferte er mit jeweils acht Euro plus drei Prozent des Verkaufspreises als Lagerraumaufschlag. Gericht und Staatsanwaltschaft errechneten eine Gesamtsumme von 2 380 Euro. Die 56 Fälle habe der Hinterländer „zögerlich bestätigt“, hieß es im Plädoyer der Staatsanwaltschaft, was sie dem Mann zugutehielt.

Mit seinem Urteil blieb das Gericht etwas unter dieser Forderung: Der Apotheker hat eine dreijährige Bewährungszeit – sollte er sich nicht an die Auflagen halten, drohen ihm ein Jahr und zehn Monate im Gefängnis. Die 2 380 Euro Gewinn muss er an die Staatskasse zahlen, zudem 4 000 Euro an „die Fleckenbühler“.

Zusätzlich verhängte das Schöffengericht ein drei Jahre dauerndes Berufsverbot für den 62-Jährigen, der ankündigte, in den Ruhestand zu gehen. Das hessische Landesprüfungsamt im Gesundheitswesen hat bereits angekündigt, einen Entzug der Genehmigung zur Berufsausübung gegen den Mann zu prüfen.

Von Markus Engelhardt