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Hinterland Betriebe setzen auf die Vernunft
Landkreis Hinterland Betriebe setzen auf die Vernunft
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13:56 05.08.2020
Zum Infektionsschutz gilt in manchen Bereichen des öffentlichen Lebens eine Maskenpflicht, wie hier in einer Fußgängerzone auf Norderney. Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa/Archiv
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Biedenkopf

Wer seinen Urlaub in einem Risikogebiet macht, muss sich testen lassen beziehungsweise 14 Tage in Quarantäne. Das schreibt das hessische Sozialministerium vor.

Eine zweite Corona-Welle soll so vermieden oder zumindest vermindert werden. Aber wie bereiten sich Arbeitgeber im Landkreis auf die Zeit nach den Ferien vor? Was erwarten sie von ihren Mitarbeitern? Wir haben nachgefragt.

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Bei Christmann+Pfeifer in Angelburg gab es keine ausdrücklichen Verhaltensregeln für die Urlaubszeit.

„Seit Beginn der Corona-Pandemie haben wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig und ausführlich informiert: Welche Maßnahmen treffen wir als Unternehmen? Welche Verhaltensregeln gibt es? Was gilt es zu beachten?“, sagt Pressesprecherin Katja Dehmel.

Kreisverwaltung hinterfragt Urlaubsziele nicht

„Eine explizite Aufforderung, Corona-Risikogebiete zu vermeiden, erfolgte nicht.“ Das Unternehmen setze „auf die Eigenverantwortung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Eine Abfrage, wo die Angestellten ihren Urlaub verbracht haben, erfolge derzeit nicht.

Wer in einem Krisengebiet gewesen ist, soll sich vor Betreten des Firmengeländes zunächst telefonisch im Betrieb melden, um die weitere Vorgehensweise abzustimmen. Daneben halte man sich an die allgemeinen Quarantänebestimmungen der einzelnen Bundesländer.

Auch in der Kreisverwaltung werden die Urlaubsziele nicht hinterfragt – und die Mitarbeiter werden auch nicht explizit aufgefordert, Risikogebiete zu vermeiden. „Für die Beschäftigten gilt dasselbe wie für alle Bürgerinnen und Bürger“, sagt Sascha Hörmann von der Pressestelle des Kreises. Nämlich, dass sich Reise-Rückkehrer aus den vom Robert Koch-Institut (RKI) definierten Risikogebieten telefonisch beim Gesundheitsamt melden müssen. Im Zuge dessen werden dann gegebenenfalls notwendige Maßnahmen besprochen und mögliche Fragen erörtert.

„Mitarbeiter halten sich mit Auslandsreisen zurück“

Im Autohaus Bad Endbach gibt es ebenfalls keine festen Verhaltensregeln für Urlaubsrückkehrer. „Unsere Mitarbeiter halten sich mit Auslandsreisen bewusst zurück, deshalb mussten wir auch nicht vorsorglich handeln und Vorgaben machen“, erklärt Geschäftsführer Carsten Elsemann. Gleichwohl habe ein Arbeitgeber natürlich grundsätzlich ein Interesse daran zu wissen, ob von den Rückkehrern Risiken ausgehen. Deshalb könne er die geforderte Sicherheit per Mausklick und die Test- und Quarantänepflicht für Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten nachvollziehen. „Unsere Mitarbeiter sind sehr umsichtig, deshalb ist dies bei uns kein Thema“, betont Elsemann.

„Wir haben alle Mitarbeiter des Roth-Familienunternehmens gebeten, sich vor Reisen über mögliche Reisewarnungen des Auswärtigen Amts und des Robert Koch-Instituts zu informieren, ob ein Reiseziel als mögliches Risikogebiet ausgewiesen ist“, erklärt Matthias Donges, Geschäftsführer von Roth Industries in Buchenau. „Vor dem Hintergrund plötzlich entstehender Hotspots appellieren wir an die Vernunft unserer Mitarbeiter, bei Reisen im In- und Ausland achtsam zu sein und sich selbst sowie andere durch die sogenannte AHA-Regel (Abstand halten, Hygiene einhalten, Alltagsmaske tragen) zu schützen.“

Fürsorgepflicht gegenüber der Belegschaft

Donges ergänzt: „Sollten tatsächlich Personen aus einem Risikogebiet zurückkehren, werden wir Regelungen auf Basis unserer Fürsorgepflicht gegenüber der Belegschaft und des Betriebsablaufs sowie der bestehenden Treuepflicht des jeweiligen Mitarbeiters gegenüber dem Unternehmen finden. Zudem gelten die offiziellen Richtlinien im Rahmen der Pandemie.“

Besagte Regeln beschreibt der Geschäftsführer des Unternehmens so: „Wir halten uns an das offizielle Regelwerk. Personen, die sich zu einem beliebigen Zeitpunkt innerhalb von 14 Tagen vor der Heimreise in einem Risikogebiet aufgehalten haben, müssen damit rechnen, dass sie sich unmittelbar nach Rückreise in die eigene Häuslichkeit oder eine geeignete Unterkunft zu begeben haben, sofern dies nach aktuellem Landesrecht vorgesehen ist.“

Es bestehe jedoch keine Quarantänepflicht, wenn mit einem aktuellen ärztlichen Zeugnis nachgewiesen werde, dass der Mitarbeiter nicht mit dem Coronavirus infiziert sei.

Lob: „Mitarbeiter sind sehr achtsam“

Bei Elkamet in Biedenkopf werden die Mitarbeiter vom Arbeitgeber regelmäßig über die Folgen einer Reise in Risikogebiete informiert. Wenn ein Beschäftigter in ein Risikogebiet reist oder dieses in der Zeit seines Urlaubs zu einem solchen wird, muss bei der Rückkehr eine zweiwöchige Quarantäne erfolgen oder ein negativer Test vorgelegt werden.

Das schreibe das Land Hessen so auch vor, verweist Personalleiter Michael Honndorf auf die rechtlichen Bestimmungen. Einen ausdrücklichen Hinweis, nicht in Risikogebiete zu reisen, gibt es nicht, wohl aber eine Informationspflicht. „Im Rahmen arbeitsvertraglicher Loyalitätspflichten und auch mit Rücksicht auf Kolleginnen und Kollegen sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verpflichtet, ihren Arbeitgeber nach ihrer Rückkehr aus einem Risikogebiet über diesen Umstand in Kenntnis zu setzen“, sagt Honndorf.

800 Beschäftigte zählt Elkamet-Kunststofftechnik im Hinterland. Zurzeit befinden sich im Schnitt noch 200 im Homeoffice. Von den Urlaubsrückkehrern musste bislang noch keiner in Quarantäne. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sehr pflichtbewusst und achtsam und schützen sich selbst und ihre Mitmenschen“, lobt Honndorf.

Von Michael Tietz, Regina Tauer, Mark Adel und Markus Engelhardt

Hinweise der IHK Lahn-Dill

Die IHK Lahn-Dill mahnt weiter zur Vorsicht und bittet die Unternehmen, an den Infektionsschutzmaßnahmen entsprechend dem SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard, wie beispielsweise den Abstandsregeln und dem Tragen von Mund-Nase-Schutz, konsequent festzuhalten. „Wir können uns keine zweite Infektionswelle leisten“, sagt Hauptgeschäftsführer Burghard Loewe. „Wir erachten es daher auch als sinnvoll, Arbeitnehmer über die geltenden Vorschriften zur Einreise-Quarantäne, insbesondere über die Konsequenzen eines Aufenthaltes im Risikogebiet, zu informieren.“

Ein genereller Anspruch auf Auskunft über den Urlaubsort besteht nicht. „Allerdings ist der Arbeitnehmer nach überwiegender Auffassung in der arbeitsrechtlichen Literatur verpflichtet, von sich aus in Form einer sogenannten Negativauskunft mitzuteilen, ob er sich in einem Risikogebiet aufgehalten hat oder nicht“, sagt Loewe.

Die Einstufung als Risikogebiet durch das RKI führe aber nicht zu einem Reiseverbot. „Allerdings werden im Regelfall durch das Auswärtige Amt Reisewarnungen für Risikogebiete ausgesprochen.“ Die IHK Lahn-Dill empfiehlt ihren Mitgliedsunternehmen außerdem, sich bei ihren Angestellten für die Nutzung der Corona-Warn-App einzusetzen. „Mit der App können Infektionsketten schnell unterbrochen werden“, erklärt Loewe.

Laut einer Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen rechnen knapp 20 Prozent der Betriebe noch in diesem Jahr mit einer Erholung ihrer Geschäfte. Rund 15 Prozent gaben an, dass sich ihre Geschäfte bereits wieder auf Vorkrisenniveau befinden. „In großer Eigenverantwortung und mit einer gemeinsamen Anstrengung muss alles daran gesetzt werden, eine zweite Infektionswelle und damit einhergehend einen zweiten Shutdown zu verhindern“, sagt Loewe. „Durch eine zweite Welle besteht die Gefahr, dass wir nicht nur das Erreichte leichtfertig verspielen, sondern die Auswirkungen auf Umsätze und den Arbeitsmarkt wären verheerend. Von einer schnellen Erholung der Wirtschaft kann dann keine Rede mehr sein.“

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