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Hinterland In Dautphetal leben Kängurus
Landkreis Hinterland In Dautphetal leben Kängurus
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16:00 01.11.2021
Wenn Thorsten Uhl etwas zu fressen dabei hat, nähern sich die Kängurus neugierig.
Wenn Thorsten Uhl etwas zu fressen dabei hat, nähern sich die Kängurus neugierig. Quelle: Engelhardt
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Dautphetal

Hinter dem Elternhaus von Thorsten Uhl leben drei ganz besondere exotische Tiere, die man in Dautphetal nicht unbedingt vermuten würde. „Bloß keine Ziegen“, meint ihr Besitzer, „die gehören zwar zum Landleben, aber sind ziemlich laut.“ Die kleine Tierfamilie, die er mit Stolz und dem Blick des Experten mustert, ist hingegen völlig lautlos: Es handelt sich um drei Bennett-Kängurus, die auf der Wiese die herbstlichen Sonnenstrahlen genießen.

Vor anderthalb Jahren kam Uhl, der in der Zoo-Abteilung eines Lebensmittelmarkts arbeitet, auf den Gedanken, die graubraunen Beuteltiere nach Dautphetal zu holen. Ihre Heimat liegt in weiter Ferne – sie kommen aus Osthessen. Und nicht etwa aus Australien, wie man annehmen könnte.

Der fünfte Kontinent ist natürlich der Herkunftsort ihrer Vorfahren, genauer gesagt die tasmanische Küste. Aber „Jesse“, „Abby“ und „Jil“ haben ihn nie gesehen. Vielleicht auch deshalb kommen sie mit der Witterung in Mittelhessen bestens zurecht. „Wir hatten ja nachts schon minus 20 Grad, das hat ihnen nichts ausgemacht“, berichtet Uhl. Andererseits sucht sich das Trio bei großer Hitze im Sommer sogar ein schattiges Plätzchen auf dem 850 Quadratmeter großen Gelände, das ihnen reichlich Auslaufmöglichkeiten bietet.

Wenn Thorsten Uhl etwas zu fressen dabei hat, nähern sich die Kängurus neugierig. Foto: Markus Engelhardt Quelle: Markus Engelhardt

Schon die schiere Größe der Anlage macht deutlich, dass der Känguru-Besitzer sein Hobby sehr ernst nimmt. Manches liebevolle Detail unterstreicht das. Seine Sorgfalt fängt an bei der peniblen Kontrolle des Heufutters, in dem kein spitzer Halm eine Gefahr für die empfindlichen Mäuler der Tiere darstellen darf, und endet noch lange nicht bei der Rotlichtlampe, unter der sich die Beuteltiere im Bedarfsfall eben doch mal aufwärmen können.

Ein volles Jahr lang hat sich der Dautphetaler auf die Ankunft seiner neuen Mitbewohner vorbereitet. Er hat Bücher gewälzt, mit Fachleuten gesprochen, als leidenschaftlicher Zoobesucher manch wertvolle Anregung mitgenommen. Das Gelände hinterm Haus ähnelt tatsächlich einer professionellen Anlage.

„Es gibt immer was zu tun“, meint Uhl, fügt aber hinzu, dass der Aufenthalt im Domizil von exotischen Pflanzen und der drei Kängurus für ihn so etwas wie einen Erholungsurlaub darstelle.

Das springlebendige Trio bewohnt die Anlage nicht allein, sondern teilt sie sich mit einigen Enten. „Die verstehen sich gut, das ist kein Problem“, sagt Uhl. Ohnehin seien Kängurus eher Fluchttiere, also keinesfalls aggressiv oder angriffslustig.

Andererseits taugen sie auch nicht zum Kuscheln: „Es sind wilde Tiere, und als solche sollen sie auch leben“, stellt ihr Besitzer klar, der sich die Pflege mit seiner Schwester Annerose teilt. Daher bringt er der kleinen Familie auch keine Kunststücke bei, und das Wohnzimmer ist für die Beuteltiere ebenfalls tabu.

Diese sehen mit ihrem glänzenden Fell, das an das von Kaninchen erinnert, und den aufmerksamen Augen zwar putzig aus, lassen sich aber nicht streicheln. Wenn ihr Besitzer und seine Schwester sich ihnen nähern und etwas zu fressen dabei haben, kommen sie zwar neugierig angehoppelt, aber es wird deutlich, dass die scheuen Nachfahren des australischen Symboltiers kein gesteigertes Interesse an einer Interaktion mit den Menschen haben.

Letztlich wollen die Kängurus eher ihre Ruhe, machen aber auch keine Anstalten, sich die Umgebung anzugucken. „Der Zaun ist zwei Meter hoch, ich habe ihn extra erhöht“, erklärt Thorsten Uhl, „ein halber Meter kleiner würde er für die Tiere kein Hindernis darstellen.“ Als er den Zaun errichtet habe, seien Nachbarn neugierig geworden und hätten ihn gefragt, was denn dort einziehen solle. „Aber ich habe eine Überraschung daraus gemacht“, meint der Känguru-Fan und lacht. Probleme gebe es nicht, die Tiere seien entspannt und wie erwähnt nahezu lautlos.

Tiere sind knapp einen Meter groß

Knapp einen Meter hoch sind die beiden ausgewachsenen Bennett-Kängurus. Charakteristisch ist das rötlich-braune Fell im Nacken, dem sie die Bezeichnung Rotnackenwallaby verdanken. Sie ernähren sich rein vegetarisch, haben aber auch kein Problem damit, wenn sich mal ein Käfer als Protein-Beilage in ihr Futter verirrt. Ihre Haltung ist durchaus anspruchsvoll, weswegen Uhl auch kein Exemplar des zu erwartenden Nachwuchses verschenken würde: „Man muss das ernst nehmen, daher sollte es einem auch etwas wert sein.“

Einen Züchterverband gibt es nicht, aber er hält Kontakt zu einigen anderen Känguru-Besitzern. Daher ist auch eine Paarung mit anderen Familien vorgesehen, die in Deutschland gehalten werden. Einmal pro Jahr bringt ein weibliches Känguru ein Junges zur Welt, wobei die eigentliche Tragezeit lediglich vier Wochen beträgt. Anschließend folgen neun Monate im bekannten Beutel, bis das dann selbstständige Jungtier den Schutz der Mutter aus eigener Kraft verlässt.

Die Kängurus sind nicht die ersten exotischen Tiere, die Uhl besitzt: Er zählt unter anderem Leguane, Schlangen, aber auch Vogelspinnen auf. „Andere machen Urlaub, ich hole ihn mir nach Hause“, scherzt er. Die Tierliebe hat er von seinen Eltern, die einen landwirtschaftlichen Hof betrieben und Pferde züchteten.

Zu den Aufgaben des Känguru-Besitzers gehört übrigens eine, für die man wirklich Tierliebhaber sein muss: Der Kot muss regelmäßig kontrolliert werden, da Kängurus relativ anfällig für Wurmerkrankungen und Infektionen sind. Die drei entspannten Hüpfer sind eben keine Ziegen.

Von Markus Engelhardt