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Hinterland Zapfen stopfen Löcher im Wald
Landkreis Hinterland Zapfen stopfen Löcher im Wald
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12:00 28.08.2020
Die Baumkletterer müssen bis in die Kronen der Tannen emporsteigen. Denn dort befinden sich die Zapfen mit dem begehrten Saatgut.
Die Baumkletterer müssen bis in die Kronen der Tannen emporsteigen. Denn dort befinden sich die Zapfen mit dem begehrten Saatgut. Quelle: Sascha Valentin
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Weidenhausen

Douglasien und Küstentannen aus Gladenbach sollen dabei helfen, die massiven Waldschäden aufgrund der Trockenheit und des Käferbefalls überall in Hessen auszugleichen. Dazu waren in den vergangenen Tagen Zapfenpflücker im Wald bei Weidenhausen unterwegs, um das dringend benötigte Saatgut für die Wiederaufforstung zu sammeln.

„Junge Pflanzen, die für die Wiederbewaldung der großen Schadflächen gebraucht werden, fallen nicht vom Himmel, die Samen dafür müssen erst geerntet werden“, erklärt Revierleiter Ernst-Heinrich Kroh. Für diesen Zweck werden laut Forstvermehrungsgutgesetz in den Forstämtern Baumbestände vorgehalten, die für die Samenernte besonders gut geeignet sind. „Da für die Anzucht der neuen Bäume qualitativ hochwertiges Saatgut benötigt wird, gelten für diese Baumbestände bestimmte Kriterien“, sagt Forstamtsleiter Dr. Lars Wagner.

Neben Alter, Größe und der Dichte der Bäume als Mindestkriterien zählen vor allem Faktoren wie der gerade Wuchs der Bäume oder auch deren Gesundheit. Deswegen würden die betreffenden Flächen sorgfältig ausgewählt. „Das geschieht nicht jetzt spontan, sondern wird über einen langen Zeitraum geplant“, so Wagner.

Zapfenpflücker Jascha Bleher zeigt seine Ausrüstung. Foto: Sascha Valentin

Die Bäume, in denen die Zapfenpflücker nun aktiv waren, wurden zum Beispiel schon vor 20 Jahren als Saatgutbestand in das entsprechende Register des Forstamtes aufgenommen und von der oberen Forstbehörde für diese Aufgabe anerkannt.

Für die Douglasie und Küstentanne habe man sich entschieden, weil beide Baumarten seien, die mit dem Klimawandel und der zunehmend trockenen Witterung besser zurechtkommen, erklärt Lars Wagner. „Wir setzen bei der Wiederaufforstung zwar auch auf Baumarten, die bei uns nicht heimisch und weniger anfällig gegenüber Trockenheit sind“, führt er weiter aus, „aber der Fokus liegt auch weiterhin auf hier etablierten Baumarten, die mit trockener Witterung gut zurechtkommen.“

Jeder Zapfen enthält zwischen 70 und 80 Samen, die für die Wiederaufforstung der Wälder benötigt werden. Foto: Sascha Valentin

Der Einsatz der Zapfenpflücker ist dabei notwendig, um die Samen zum richtigen Zeitpunkt zu ernten. Je nach Baumart stehe dafür nur ein begrenzter Zeitraum zur Verfügung, sagt der Forstamtsleiter. Im Falle der Küstentanne beträgt dieses Zeitfenster gerade einmal zwei Wochen.

Denn je länger die Zapfen am Baum bleiben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie zerfallen und die wichtigen Samen nicht mehr geerntet werden können. Pro Zapfen bedeutet das den Verlust von etwa 70 bis 80 Samen. Um dies zu verhindern, steigen die professionellen Baumkletterer um Jascha Bleher bis in die Kronen der Tannen empor, um das begehrte Saatgut zu sichern, wobei sie lediglich ihre Kletterausrüstung und Körperkraft einsetzen. „Wir schauen in einem Bestand zunächst nach, ob genügend Bäume vorhanden sind, damit sich die Arbeit überhaupt lohnt“, sagt Bleher. Auch wie dicht die Bäume zueinander stehen, spielt eine Rolle.

Denn um nicht jedes Mal wieder ab- und erneut aufsteigen zu müssen, versuchen die Baumkletterer von einer Baumspitze zur nächsten zu gelangen. Schwindelfreiheit ist dabei Grundvoraussetzung. „In der Krone lesen wir die Zapfen dann zunächst in die Pflückeimer“, beschreibt Bleher seine Arbeit. Diese wiederum werden in größere Säcke entleert, die die Zapfenpflücker nahe am Stamm aufgehängt haben. Mitunter kommen schon einmal 60 Kilogramm in einem solchen Sack zusammen, der, wenn er voll ist, aus der Baumspitze hinunter auf den Boden geworfen wird.

Neben einer gewissen Grundfitness gehört auch Ausdauer zu den Eigenschaften, die ein Zapfenpflücker mitbringen muss. Denn die Baumkletterer sind täglich bis zu 14 Stunden im Einsatz. In Gladenbach hat sich ihre Arbeit auf jeden Fall gelohnt: 625 Kilogramm an Küstentannenzapfen sind dort zusammengekommen.

Daraus können etwa 300 000 junge Bäume gezogen werden, womit eine Fläche von 120 Hektar bepflanzt werden kann. In Mischbeständen, die angestrebt werden, sogar noch ein vielfaches Mehr an Fläche. Die gepflückten Zapfen werden nun an die Samendarre des Forstamts Hanau-Wolfgang geliefert, die für die Verwaltung und Aufbereitung des Saatguts zuständig ist. Dort werden die Samen zum Teil in eigenen Beeten selbst angezogen oder an Baumschulen weitergegeben, die sich um die Aufzucht der Sämlinge kümmern.

Die jungen Bäume werden dann zur Wiederaufforstung an die Forstämter in ganz Hessen verteilt. Bürgermeister Peter Kremer (parteilos), der sich vor Ort ein Bild von der Arbeit der Zapfenpflücker machte, kann sich über die reiche Ernte jedenfalls freuen. Da auch Douglasienbestände im Gladenbacher Stadtwald beerntet werden, profitiert die Stadt vom Verkaufserlös der Samen.

Von Sascha Valentin

27.08.2020
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