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Hinterland „Wir sind nicht die Umweltsünder der Nation“
Landkreis Hinterland „Wir sind nicht die Umweltsünder der Nation“
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19:57 13.08.2020
Ihre Schlepper hatten die Landwirte vor dem Hallenbad in Gladenbach abgestellt, um Landwirtschaftsministerin Priska Hinz dort abzupassen. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Gladenbach

Nein, Baden gehen wollten die Bauern nicht am Mittwochvormittag. So manch einer mag das beim Anblick des Dutzend Schlepper vor dem Nautilust-Schwimmbad vielleicht gedacht haben, aber der Anlass für dieses ungewöhnliche Bild war ein spontaner Überraschungsbesuch.

Landwirte aus dem gesamten Kreis waren mit und ohne Traktor nach Gladenbach gekommen, um Hessens grüne Landwirtschaftsministerin Priska Hinz abzufangen. Die nämlich wollte Bürgermeister Peter Kremer einen Förderbescheid für die „Digitale Dorflinde“ übergeben. Tat sie auch.

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Danach kam die Ministerin aber nicht umhin, sich den Landwirten zu stellen, die auf dem Parkplatz auf sie warteten und ihrem Unmut Luft machen wollten. Allen voran Harald Platt aus Altenvers: „Wir Landwirte sind nicht die Umweltsünder der Nation, zu denen wir immer abgestempelt werden“, kritisierte er und monierte, dass niemand über die vielen Blühflächen für Insekten spreche, die Landwirte anlegten. Er bemängelte zudem, dass bei der Nitratbelastung der Böden der „schwarze Peter nur den Landwirten zugeschoben“ werde. Stattdessen werde „bewusst verschwiegen, dass in Hessen 600 Tonnen Stickstoff und 500 Tonnen Phosphor durch Kläranlagen in die öffentlichen Gewässer gelangten“ – und so das Grundwasser verunreinigten.

„Politik schiebt das Thema den Landwirten zu“

„Wenn bei den Kläranlagen die höchste Klärstufe eingebaut würde, müsste die Bevölkerung mehr Abwassergebühren bezahlen, und da hat die Politik Angst vor und schiebt das Problem lieber der Minderheit der Landwirte zu“, so Platt, der auch noch einmal daran erinnerte, dass viele der neuen Düngeverordnung zugrunde gelegten Messstellen so fragwürdig seien, dass die vorgeworfene Nitratbelastung durch die Landwirtschaft nicht nachvollziehbar sei. Hinz erwiderte, dass man derzeit an einer Emissionsmessung arbeite, um zielgenauer feststellen zu können, auf welchen Böden landwirtschaftlich anders gearbeitet und weniger Dünger aufgebracht werden müsse.

Kreislandwirt Frank Staubitz suchte den Dialog mit der Ministerin und lobte Hinz’ Aussage, dass konventionelle und ökologische Landwirtschaft gleichermaßen wichtig seien. Dennoch hatte er Kritik anzubringen: „Dass aber jetzt Ihre Parteikollegen die Kartoffel wieder mit Glyphosat in Verbindung bringen, das muss doch nicht sein“, so Staubitz, der sich dabei auf ein vergangene Woche aufgetauchtes Wahlkampfplakat der Grünen in NRW bezog. Darauf zu sehen ist ein Sack Kartoffeln mit dem Slogan: „Grün ist, auch ohne Glyphosat die dicksten Kartoffeln zu haben.“ Das hatte bei vielen Bauern bundesweit für Ärger gesorgt.

„Planwirtschaft“ kann nicht funktionieren

Staubitz kritisierte auch die Zielaussage der Politik, 25 Prozent der Landwirtschaft bis zum Jahr 2025 auf Ökolandwirtschaft umstellen zu wollen. In seinen Augen sei dies eine Art Planwirtschaft, die nicht funktionieren könne. „Wenn wir so massiv die Ökoware auf den Markt bringen, aber die Abnahme noch nicht da ist, dann verfallen unseren ökologisch wirtschaftenden Betrieben die Preise“, warnte der Kreislandwirt. Diese Problematik konnte Niklas Schäfer, der später in Bad Endbach hinzugekommen war, nur bestätigen. Nach der Umstellung seines Betriebes auf Bio hat der Jungbauer Probleme, sein Biogetreide zu vermarkten. „Ich würde momentan besser dastehen, wenn ich konventionell anbauen würde“, sagte er und befürchtet, dass in Zukunft die Preise für Ökogetreide weiter fallen könnten, wenn durch die Anreize der Politik immer mehr Landwirte auf Bio umstellten.

Priska Hinz entgegnete, dass die Nachfrage nach Bio in Hessen „ungebrochen stark“ sei. Vielmehr sei das Problem, dass die „Verarbeitungsstrukturen“ verbessert werden müssten. Bisher gebe es noch relativ viel Bio-Angebot aus anderen europäischen Staaten, was dazu führe, dass der Verbraucher gar nicht richtig differenzieren könne, was aus der Region stamme und was nicht. „Und deshalb müssen wir die Verbraucher mehr dafür begeistern, regionale Produkte zu kaufen“, betonte Hinz und unterstrich, dass man aus diesem Grund auch Besuche von Schulklassen auf Bauernhöfen vermehrt fördere. „Die Leute müssen kapieren, wie wichtig heimische Landwirtschaft ist“, betonte sie – und erntete zumindest bei diesem Thema zustimmendes Nicken der Landwirte.

Wolfspopulation sorgt die Landwirte

Beim Thema Wolf gab es wenig Übereinstimmung. Einige Pferdehalter äußerten ihre Sorge über die vermehrte Wolfspopulation in Hessen. Hinz konnte da wenig Hoffnung auf Prämien machen, wie sie Besitzer von Schafen und Ziegen bekommen, um ihre Herden wolfssicher einzuzäunen. Pferdezüchter Ludwig Nau aus Großseelheim kritisierte zudem, dass nirgendwo im hessischen Wolfsmanagement festgeschrieben sei, wie groß der Anteil an Wolf-Hund-Hybriden sei. Er warnte davor, dass es genau diese sein könnten, die durch ihre „domestizierte DNA“ Probleme machen könnten. Priska Hinz konnte diese Angst etwas abmildern mit der Aussage, dass Hybride aus der „Natur entnommen“ – also getötet werden dürften. Aber generell gelte: „Wir müssen lernen, mit dem Wolf zu leben.“

von Nadine Weigel

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