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Hinterland Aus „Nato-Depot“ wird Solarpark
Landkreis Hinterland Aus „Nato-Depot“ wird Solarpark
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00:18 29.03.2019
1983 blockierten Demonstranten drei Tage lang die Zufahrt zum Depot in Friebertshausen. Jetzt soll über und zwischen den Bunkern ein Solarpark entstehen. Quelle: Patrik Stein
Friebertshausen

Schon während der Planungsphase und nach der Fertigstellung demonstrierte vor allem die damals auch in Gladenbach sehr aktive Friedensbewegung gegen das als „Nato-Depot“ verschriene Lager. Offiziell wurde es seit dem 1. Juli 1984 unter der Bezeichnung „Korpsdepot 358“ geführt. Im Herbst 1981 begannen die Bauarbeiten auf dem Donnerberg.

Getragen von dem Motto „Marschieren für den Frieden“ machten sich am Ostersonntag 1983 etwa 50 Rüstungsgegner aller Generationen auf den Weg nach Friebertshausen. Bei Kaffee und Kuchen wurde vor den Toren des in Bau befindlichen Depots über Rüstungsfragen diskutiert. Zahlreiche Demonstranten waren bereits am Donnerstag gestartet, kampierten am Depot, um dann gemeinsam mit anderen Gruppen weiter nach Frankfurt zu ziehen, wo – traditionell – am Ostermontag eine große Kundgebung stattfand, die sich vor allem gegen den Nato-Doppelbeschluss richtete.

Bunker auf dem Donnerberg. Foto: Ortsbeirat

Der Marburger Dr. Hubert Kleinert, in den 80er-Jahren als Mitglied der Grünen im Bundestag und zeitweise deren Geschäftsführer, richtete im Sommer 1983 eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung. Die antwortete im August: In Friebertshausen werde ein Nato-Versorgungslager für Gerät und Munition eingerichtet. Nutzer werde die Bundesregierung sein, hieß es. Die Baukosten wurden damals mit 10,6 Millionen Euro beziffert. Fünf Millionen steuerte der Bund bei, der Rest wurde aus Mitteln der Nato bestritten.

Auf seine Frage, welche Waffen und Munition dort gelagert werden, bekam Kleinert keine Antwort. Das unterliege der Geheimhaltung, ließ die Bundesregierung wissen.
Beschwichtigend hieß es weiter, „durch bauliche Vorkehrungen und ausreichende Schutzabstände zwischen Lager und Wohngebieten wird eine Gefährdung der Bevölkerung ausgeschlossen“. Das milderte nicht die Ängste der heimischen Friedensgruppen.

Zufahrt ist drei Tage lang blockiert

Am 8. August 1983 begann eine dreitägige Blockade des einzigen Verbindungsweges zum Depot. Etwa 200 Demonstranten waren daran beteiligt und bauten entlang der Straße ein Zelt-Nachtlager auf.

Am Karfreitag 1984 marschierten gut 100 Menschen zum Depot nach Friebertshausen, um mit einer symbolischen Blockade gegen nun fertiggestellte Lager zu demonstrieren. Ebenso reibungslos und friedlich verliefen die Kundgebung und der Ostermarsch am Samstag. Inzwischen hatte sich die „Friedens- und Bürgerinitiative Donnerberg“ gegründet. Lange Zeit führten die Ostermärsche zum Depot, im Laufe der Jahre allerdings mit immer geringerer Beteiligung.

Die Umstrukturierungen und Standortauflösungen in der Bundeswehr in den 90er-Jahren machte auch vor dem Depot auf dem Donnerberg nicht Halt. 1993 wurde es zum Materialaußenlager des Gerätedepots Königswinter und war der Leitung des Versorgungskommandos in Limburg unterstellt. 1998 fiel das Lager ganz dem Rotstift zum Opfer. Nicht nur im Gladenbacher Rathaus machte man sich daraufhin Gedanken, was in den bombensicheren Lagern künftig deponiert werden könnte.

Da kam den verantwortlichen Politikern die Idee der Firma „Timetrotter“ gerade recht. Sie befand das riesige Areal ideal für ihr Zeitreisenprojekt: Auf einem 40 Hektar großen Gelände sollte eine Freizeitanlage entstehen, in der „sanfter Tourismus mit experimenteller Archäologie“ verbunden werden sollte.

Als Zentrum der Anlage sollte eine germanische Festung und eine spätottonisch-salische Kleinburg nachgebaut werden.

Der Tourist sollte gemäß der Epoche eingekleidet werden und im Dorf den germanischen Alltag nachleben.

Schnell wurde eine Konzeptstudie erstellt und das Ergebnis den politischen Entscheidungsträgern vorgetragen. Eher skeptisch zeigte sich auch Hessens damaliger Ministerpräsident Hans Eichel, als er im Juli 1998 bei einer Rundreise durch den Landkreis Marburg-Biedenkopf auch auf dem Donnerberg Station machte. Er erfuhr, dass bis zur Expo 2000 der Freizeitpark eröffnet sein sollte. Doch es gab keine Schützenhilfe vom Land, eher Gegenfeuer: Ein von der Stadt gewünschter Geländetausch platzte. Damit war das Zeitreisen-Projekt endgültig vom Tisch.

In Bunkern lagern Akten, auf ihnen entsteht ein Solarpark

Dann verkaufte das Land das Depot an den Lohraer Unternehmer Klaus Barth. Er vermietete einen Teil der Bunkeranlagen an Firmen zum Zweck der Akteneinlagerung. Einem Antrag des Eigentümers auf Nutzungsänderung zur Lagerung von Akten in den vorhandenen Gebäuden durch das Staatsarchiv stimmte das Parlament zu. Klaus Barth trat später erneut an den Magistrat heran und bat, die Lagerung von Akten durch die Firma CSL Behring (vormals Aventis Behring) zuzulassen. Auch dem wurde zugestimmt.

Im Gespräch mit der OP berichtete Klaus Barth, dass der Mietvertrag mit CSL Behring – um 20 Jahre verlängert worden sei. Die Bunker müssten teilweise neu abgedichtet werden.

Damit einhergehend will er auf und zwischen den Bunkern ein Solarfeld bauen. Erde wird abgetragen, zur Abdichtung eine Folie aufgebracht und später wieder Erde aufgefüllt. Ziel sei es, dass die Photovoltaikanlage im nächsten Jahr in Betrieb gehe, sagt der Lohraer. Die Änderung des sogenannten Vorhaben bezogenen Bebauungsplans ist im Gange.

Seine Pläne hatte Barth bereits im vergangenen Jahr vorgestellt. Die städtischen Gremien und der Ortsbeirat Friebertshausen stimmten zu. Ortsvorsteher Hartmut Möller berichtete, wichtige Forderungen seien abgeklärt, dass nämlich der Lastwagen-Verkehr in erträglichem Maße laufe, die Zufahrt regelmäßig gereinigt werde und die geltende Tempo-30-Regelung beachtet würden.

von Hartmut Berge