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Hinterland Apotheker sehen Rabattverträge als Ursache
Landkreis Hinterland Apotheker sehen Rabattverträge als Ursache
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20:58 10.08.2019
Auch wenn es Engpässe bei bestimmten Medikamenten gibt: Das Lager in der Gladenbacher Blankenstein-Apotheke ist gut gefüllt. Der Aufwand aber, das passende Medikament zu finden, ist sehr viel höher, sagt Inhaber Alexander Stauß. Quelle: Regina Tauer
Biedenkopf

Ärzte und Apotheker schlagen Alarm. Auch im Landkreis klagen Apotheker über die Situation. Tagtäglich ist der Biedenkopfer Apotheker Martin Heimer mit dem Mangel konfrontiert. Und es fehlen ausgerechnet die Medikamente, die viele Menschen benötigen, Blutdrucksenker zum Beispiel, aber auch Schmerzmittel, Entzündungshemmer oder verschiedene Antibiotika.

„Aktuell sind 100 Artikel nicht lieferbar“, sagt Heimen. Immer wieder müsse er Patienten zurück zum Arzt schicken, damit dieser ihnen ein anderes Rezept ausstelle. Hauptursache sind für den Apotheken-Inhaber die ­
Rabattverträge, die die Krankenkassen mit einzelnen Herstellern geschlossen haben. Um ihre Gewinneinbußen auszugleichen, verlagerten die Hersteller die Produktion von Wirkstoffen zunehmend ins Ausland – vor allem in den asiatischen Raum.

Immer weniger Hersteller am Markt

Durch die Produktionsverlagerung gelangten hin und wieder auch Stoffe in bekannte Arzneimittel, „die da nicht hingehören“, so Heimen. Vergangenes Jahr waren Blutdrucksenker, die in China produziert worden ­waren betroffen.

Weil „krebserregende Nebenstoffe“ nachgewiesen wurden, wurden die Produkte mit einer Rückrufaktion vom Markt genommen worden. „Das war ­eine Zufallsentdeckung, die ­Behörden versagen“, kritisiert der Apotheker.

Immer weniger Produzenten teilten sich den Markt auf, wenn dann ein Hersteller Lieferprobleme habe, sei der Mangel sofort spürbar. „Das ist auch die Ursache für den schon ein Jahr andauernden Engpass beim Ibuprofen, sagt Heimen. Die Fabrik eines US-Produzenten war abgebrannt.

„Die Lage ist desaströs“, sagt Armin Spychalski, Inhaber der Kur-Apotheke in Bad Endbach. Seit drei Monaten habe sich die Situation zugespitzt. Bestimmt zehn Kunden müssten täglich vertröstet werden, Ärzte angerufen und nach Ersatzmitteln geschaut werden. Vorrat würde zwar angelegt, aber „das ist nicht unbegrenzt möglich“, so Spychalski. 

Auch in der Kur-Apotheke tritt der Mangel vor allem bei den gängigen Mitteln auf – „da ist nichts Exotisches dabei“, betont der Bad Endbacher Apotheker. Auch Spychalski verweist auf die Verlagerung der Produktion nach Indien und China. „Wenn es dann Produktionsausfälle gibt, können wir in Europa nicht mehr ausgleichen.“ „Sehr chaotisch“ nennt Spychalski das Geschehen auf dem Pharmamarkt, Abhilfe etwa durch die Politik sei nicht in Sicht.

Produktion wird häufig ins Ausland verlagert

Für Dr. Susanne Rück, Sprecherin der Apotheker im Landkreis und Inhaberin der Schiller-Apotheke in Fronhausen, ist die Situation „dramatisch. Und dabei handelt es sich um ganz banale Arzneimittel, die fehlen“. Und das nicht nur wegen der Rabattverträge – „obwohl die schon zum Großteil dafür sorgen, dass sich die Produktion im Ausland konzentriert und die Hersteller aufgrund höherer Margen auch lieber das Ausland beliefern“.

Darin sieht auch der Gladenbacher Apotheker Alexander Stauß die Misere – die Globalisierung verändere den Markt radikal. „Die Hersteller haben von der Bundesregierung keinen Auftrag zur Arzneimittelversorgung der Bevölkerung. Daher steuern Angebot und Nachfrage den Markt“, so Stauß. Er warnt – ebenso wie Susanne Rück – vor Panikmache. „Es sind genügend Ausweichmöglichkeiten vorhanden.“

Täglich arbeiten seine Mitarbeiter in der Blankenstein-Apotheke – so, wie Mitarbeiter in Apotheken deutschlandweit – die sogenannten Defektlisten ab. Falls ein anderer Großhändler das Medikament vorrätig habe, könne es binnen eines ­halben Tages geliefert werden. „Der Arbeitsaufwand ist sehr hoch“, kritisiert Stauß und beschreibt den Ablauf. Wenn ein Kunde mit seinem Rezept in die Apotheke komme, dann müsse­ er erst einmal im Computer nachsehen, welche Rabattverträge dessen Krankenkasse abgeschlossen habe. Danach wird gecheckt, wie es um die Lieferfähigkeit des verordneten Medikaments steht. Leuchtet ein rotes Licht auf, beginnt die Suche nach Alternativen.

Der Spielraum ist begrenzt

Hat die Apotheke gegebenenfalls eine Packung mit weniger Inhalt aber identischen Wirkstoffen auf Lager, kann sie dem Patienten ausgehändigt werden. Bei einer Änderung müsse jedoch der behandelnde Arzt kontaktiert werden. „Das muss man den Patienten erst einmal erklären“, sagt Stauß. „Besonders für die Älteren ist es schwierig nachzuvollziehen, wie es zu den Engpässen kommt. Und sie sind verunsichert, wenn eine Tablette oder Verpackung anders aussieht“, weiß er aus Erfahrung.

Apothekensprecherin Susanne Rück lobt in diesem Zusammenhang die „hervorragende Zusammenarbeit mit den Ärzten“, denen die Problematik bekannt sei. Denn: „Das letzte­ Wort beim Umstieg auf ein wirkgleiches anderes Medikament hat immer der Arzt. Er muss sein OK geben.“

von Regina Tauer und Andreas Schmidt