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Hinterland Mühlen-Wirtin aus Leidenschaft
Landkreis Hinterland Mühlen-Wirtin aus Leidenschaft
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18:00 31.12.2021
Anna Hoß, mit ihrem Mann Erwin in dritter Generation lange Inhaberin der Schmelzmühle, am Waffeleisen – denn dort arbeitet sie auch heute noch gerne in der Gastwirtschaft mit. Sie wurde am Mittwoch 90 Jahre alt.
Anna Hoß, mit ihrem Mann Erwin in dritter Generation lange Inhaberin der Schmelzmühle, am Waffeleisen – denn dort arbeitet sie auch heute noch gerne in der Gastwirtschaft mit. Sie wurde am Mittwoch 90 Jahre alt. Quelle: Andreas Schmidt
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Schmelz

Vier Jahrzehnte lang war Anna Hoß Schmelzmühlen-Wirtin aus Leidenschaft. Am Mittwoch wurde sie 90 Jahre alt. Und obwohl die Gastwirtschaft längst in den Händen von Birgitt Jung, der ältesten ihrer drei Töchter, liegt, so arbeitet Anna Hoß immer noch gerne mit. „Mit den Gästen zusammen sein, das lag mir schon immer am Herzen und ist mein Leben“, sagt sie. Das war damals so – und ist es auch heute noch.

Der Vater ihres Mannes Erwin war es, der 1924 eine Sommerwirtschaft an der Mühle eröffnete – als weiteres Standbein zu Landwirtschaft und Mühlenbetrieb. Schon damals hätten beispielsweise die Professoren mit ihren Familien der Unis in Marburg und Gießen das Lokal für die Sommerfrische geschätzt.

Gastwirtschaft als weiteres Standbein

„Ich kam 1954 in die Mühle, habe eingeheiratet“, erzählt Anna Hoß. Und stieg natürlich in den Betrieb mit ein: Morgens ging es um 5 Uhr mit dem Melken der Kühe los, „außerdem hatten wir immer 30 bis 40 Schweine, die gefüttert werden mussten“, sagt sie. Und alle 14 Tage wurden zwei davon geschlachtet – für den Eigenbedarf und die Versorgung der Mühlenwirtschafts-Küche. „Es gab damals immer nur alles aus eigener Produktion“, sagt die Jubilarin. Und selbst das Mehl für Brot oder Kuchen stammte zwar nicht nur von eigenen Feldern – war aber zuvor in der Mühle gemahlen worden.

Auch wenn immer viel zu tun war: „Es war eine wundervolle Zeit“, sagt Anna Hoß. Dadurch, dass sie die Arbeit immer geliebt habe, sei sie ihr auch nicht schwergefallen. Höhepunkt des Jahres sei beispielsweise der 1. Mai gewesen, „wenn der Garten mit bis zu 1 000 Gästen voll saß“. Doch begann der Arbeitstag dann meist schon früher. Denn: „Die Burschen waren ja meist schon in der Nacht unterwegs, kehrten dann morgens um 5 hier ein und wollten Bier.“ Bekamen sie. Überhaupt glich das Areal rund um die Mühle dann einem Rummel: Es gab eine Schießbude, ein Karussell und einen Tanzboden. „Zwischendrin habe ich dann auch immer mal getanzt – so nebenbei“, sagt Anna Hoß lachend.

Zahlreiche Ehen seien letztlich durch die Feste auf der Schmelz entstanden, „denn hier haben sich die jungen Leute kennengelernt, es gab ja keine Discos“. Und auch an Himmelfahrt war auf der Schmelz „immer jede Menge los“, erzählt Anna Hoß mit einem Strahlen in den Augen.

Dabei gab es durchaus Beschwerliches: Etwa in den harten Wintern, wenn „Die Schmelz“ durch hohen Schnee von der Außenwelt abgeschnitten war. „Die schmale Zufahrtsstraße wurde ja nicht geräumt“, erinnert sie sich – da konnte es schon mal passieren, dass die Töchter nicht in die Schule nach Salzböden kamen. Und in strengen Wintern kam es auch vor, dass das Mühlrad vereiste. Das musste dann mit Eispickeln wieder gangbar gemacht werden – denn ohne Mühlrad kein Geschäft.

Einmal im Jahr kamen auch Familie und Freunde, um den Mühlgraben zu säubern: Das Wasser wurde umgeleitet, der Graben von Gestrüpp und Unrat befreit – und dabei Aale, Forellen und auch Krebse gefangen. Die gab es dann abends nach getaner Arbeit natürlich bei einem großen Fest. Nach und nach veränderte sich das Geschäft: Die Gastwirtschaft wurde ausgebaut, die Landwirtschaft zurückgefahren. „Mein Mann war immer am Bauen. Er hatte den Weitblick, das Potenzial in der Wirtschaft zu sehen.“ So wich ein Stall im Jahr 1963 einem Anbau, aus der einstigen Sommerwirtschaft wurde ein Ganzjahresbetrieb.

Von großen Katastrophen blieb die Schmelz verschont – einmal an einem Sonntag Anfang der 80er war es jedoch knapp: Damals hatte die Räucherkammer überhitzt, eine Wand drohte zu brennen und die danebenstehenden Getreidesilos in Brand zu stecken. „Das hätte eine Explosion geben können“, sagt Anna Hoß. Doch zum Glück sei durch die Rauchentwicklung die Gefahr erkannt worden.

„Oma Annas Waffeltag“ ist eine feste Größe

Der Strukturwandel machte vor dem Betrieb nicht Halt: Zunächst wurde die Landwirtschaft abgeschafft, 1986 dann auch der Mühlenbetrieb eingestellt – das Mühlrad produziert jedoch noch Strom. Die Gastronomie hat sich zu einem weit über die Region hinaus beliebten Ausflugsziel entwickelt. Und Anna Hoß arbeitet immer noch gerne mit, obwohl sie Mitte der 90er bereits in Rente ging: Immer mittwochs gibt es in der Regel „Oma Annas Waffeltag“ – dann steht die Senior-Chefin am Waffeleisen. „Das Rezept stammt noch von früher und wird nicht verraten“, lacht sie.

Sie danke „Gott jeden Tag dafür, dass es mir so gut geht“, sagt sie. Fit hält sie sich mit der Familie, „denn ich habe fünf Enkel und vier Urenkel. Außerdem gehe ich jeden Tag mindestens eine Stunde spazieren, wenn es das Wetter erlaubt.“ Und geistig hält sie sich durch Lesen agil – dutzende Romane pro Jahr. „Fernsehen gibt es nämlich erst abends ab acht“, verrät sie lachend. Und freut sich schon. Denn: „Ich habe schon gesagt, dass wir bald wieder mit dem Waffeltag loslegen müssen.“

Von Andreas Schmidt