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Hinterland Am roten Faden der Grenzsteine entlang
Landkreis Hinterland Am roten Faden der Grenzsteine entlang
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15:58 07.04.2021
Die fünf Hinterländer Mountainbiker zeigen sich mit ihren bevorzugten Grenzsteinen (von links): Matthias Schmidt steht am Grenzstein auf dem Hornberg bei Simmersbach, Harald Beckers Stein steht bei Angelburg-Frechenhausen nahe seines Wohnortes Gönnern, Ulrich Weigels Stein zeigt die Grenze nahe seines Wohnortes Eschenburg-Roth am Staffelböll bei Simmersbach, Siegfried Pitzer steht neben dem Grenzstein auf dem Didoll in der Gemarkung Richstein nahe seines Wohnortes Wallau und Jörg Krug ließ sich auf dem Hornberg unweit seines Wohnorts Oberhörlen ablichten.
Die fünf Hinterländer Mountainbiker zeigen sich mit ihren bevorzugten Grenzsteinen (von links): Matthias Schmidt steht am Grenzstein auf dem Hornberg bei Simmersbach, Harald Beckers Stein steht bei Angelburg-Frechenhausen nahe seines Wohnortes Gönnern, Ulrich Weigels Stein zeigt die Grenze nahe seines Wohnortes Eschenburg-Roth am Staffelböll bei Simmersbach, Siegfried Pitzer steht neben dem Grenzstein auf dem Didoll in der Gemarkung Richstein nahe seines Wohnortes Wallau und Jörg Krug ließ sich auf dem Hornberg unweit seines Wohnorts Oberhörlen ablichten. Quelle: Privatfotos
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Hinterland

Allen Gedanken ans Aufhören zum Trotz nutzen die fünf Hinterländer Mountainbiker, Harald Becker, Jörg Krug, Matthias Schmidt, Siegfried Pitzer und Ulrich Weigel, die Corona-Zwangspause zum Entwerfen einer neuen Tour. Nach dem Abenteuer auf den Spuren der Wolgadeutschen in den Tiefen Russlands wollen sie diesmal der Geschichte vor der Haustür nachgehen. Dabei entwerfen sie für die zunehmende Zahl an Nachahmern einen Rundkurs in zwei Schwierigkeitsstufen, erklärt Ulrich Weigel. Die Wahl der Geschichts-Pedaleure fiel auf den Grenzverlauf des Hinterlandes von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Diesen wollen sie erfahren und erforschen.

In diesem Zeitraum, genau genommen nach dem Dreißigjährigen Krieg 1648 und der aus dem Westfälischen Frieden von 1866 resultierenden politischen Neuordnung bis zur Niederlage Napoleons und dem darauffolgenden Wiener Kongress 1815 nahm der Ausgang von Kriegen in einigen Abschnitten deutlichen Einfluss auf den Grenzverlauf des Hessischen Hinterlandes. Entlang der von regionalen Obmännern liebevoll dokumentierten und gepflegten zahlreichen Grenzsteine, die von Bromskirchen im Norden bis nach Hermannstein im Süden stehen, wollen die fünf Hinterländer Mountainbiker bei ihrer 2021-Tour fahren und so „Die Geschichte und Geschichten entlang einer fast vergessenen Grenze“ erfahren. „Seit dem Herbst recherchieren wir nun schon Corona-gerecht den genauen Verlauf des mehr als 200 Kilometer langen und anspruchsvollen Mountainbike-Rundkurses“, berichtet Ulrich Weigel. Darauf werden nicht nur die historischen Wegemarkierungen ein Thema der geschichtsinteressierten Radler sein (siehe Orte und Geschichten).

Anders als vor den Touren der vergangenen 20 Jahre mussten sie diesmal ihre Arbeitsmeetings auch virtuell abhalten. Nach und nach recherchierten sie mehr als 900 Markierungen, hielten ihre GPS-Daten fest. Dies gelang mit der Hilfe vieler Geschichtsexperten und Magistern wie zum Beispiel Jürgen Daum aus Eibelshausen und Heinz Blöcher aus Roth und Dr. Eva Bender, sowie Stefan Blöcher aus Achenbach. Tatkräftig unterstützten auch die Auszubildenden des Amts für Bodenmanagement in Marburg sowie deren Leiterin Stefanie Flecke die fünf Hinterländer bei ihren Recherchen.

Auch die langjährigen Sponsoren bleiben den Hinterländer Mountainbikern treu. Unter anderem ermöglicht die Firma Bulls den fünf Pedaleuren, die Strecke mit brandneuen E-Bikes in Angriff zu nehmen. Und ihr Mäzen Reinhard Balzer will den Besenwagen steuern. Starten wollen die fünf Freunde zu ihrer wie gewohnt medial begleiteten Drei-Tage-Tour durch die hessische Geschichte im Sommer, sobald „die Luft wieder einigermaßen rein ist“. „Dann treffen wir lokale Experten an geschichtsträchtigen Orten, um mehr zu erfahren“, hofft nicht nur Uli Weigel.

Von Gianfranco Fain

Orte und Geschichten

Zu erkundende Orte und Geschichten können nach Hinweisen noch hinzukommen, doch einige legten die fünf Hinterländer Mountainbiker schon als Fixpunkte für ihre Tour fest:
Von 1611 an führte die Grenze sogar durch ein Wohnhaus, genannt als Haus des Henne Weigels in Simmersbach. Auch den Tatort, des durch Volker Schlöndorff berühmt gewordenen Postraubes der armen Leute von Kombach, definierte diese Grenze.

Nahe Niederweidbach soll es der Sage nach einen Grenzstein geben, der sich angeblich nachts um 180 Grad dreht.
Zahlreiche Milizionäre marschierten zwischen Roth und Eibelshausen auf, um einen durch einen Kornraub an der strittigen Grenze ausgelösten „Beinahekrieg mit Sensen und anderen „Gewehren“ zu verhindern. An einigen neuralgischen Punkten wurden Richtplätze wie der Galgenberg bei Oberhörlen oder in der Nähe von Hartenroth unterhalb vom „Rath“ errichtet. Weit sichtbar dienten die Delinquenten noch lange nach ihrer Hinrichtung der Abschreckung. Der Wiener Kongress hatte auch zur Folge, dass sich die Orte Vetzberg und Rodheim in zwei Ländern wiederfanden und die Einwohner zur Kirche oder zur Schule ins „Ausland“ reisen mussten.

Einem gut beleibten Räuber einer Diebesbande, die ihr Unwesen im Raum Bischoffen trieb, wurde bei der Flucht über die Grenze in einer Mühle bei Mandeln sein Bauchumfang zum Verhängnis. Er blieb im Backofen stecken und wurde gefasst. Und dann werden noch Belege für das Gerücht gesucht, dass in Zeiten der Leibeigenschaft im Breidenbacher Grund das Recht der ersten Nacht (Ius primae noctis) angewandt wurde.

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