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Hinterland Als Willy Brandt in Biedenkopf war
Landkreis Hinterland Als Willy Brandt in Biedenkopf war
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00:18 26.10.2018
Damit Willy Brandt während seiner Wahlkampfrede auf dem Biedenkopfer Marktplatz nicht nass wird, hält ihm ein Mitarbeiter den Regenschirm. Quelle: J. H. Darchinger / Friedrich-Ebert-Stiftung
Biedenkopf

Es ist ein durchwachsener Spätsommertag. Der Himmel über der Kreisstadt ist bedeckt. Aus den Wolken schwebt ein Helikopter heran und landet auf dem Sportgelände nahe der Bleiche. Männer in dunklen Anzügen steigen aus dem Hubschrauber. Einer von ihnen ist SPD-Wahlkreiskandidat Gerd Jahn. Er genießt erst mal ein Pfeifchen. Der Mann neben ihm zieht an einer Kippe. Es ist der Bundesaußenminister Willy Brandt. Er will Bundeskanzler werden.

Nach der Raucherpause steigen die beiden mit lokalen Politikern und Parteifreunden in dunkle Limousinen. Sie fahren vom Sportgelände zum Marktplatz. Dort warten weit mehr als 3 000 Männer, Frauen und viele Kinder, wie die OP berichten wird. An diesem 21. August 1969 sind sie in der beschaulichen Kreisstadt an der Geschichtsschreibung beteiligt. Denn dort beginnt der Sozialdemokrat Willy Brandt seine Wahlkampftour für die Bundestagswahl. Nach zwei erfolglosen Anläufen will der 55-Jährige endlich ­Regierungschef werden.

Er will sich für sichere Arbeitsplätze und bessere Bildung einsetzen, ruft Brandt der Menge­ zu und teilt einen Seitenhieb auf den Koalitionspartner CDU/CSU aus: Hessen schneide in diesen Bereichen „unter sozial­demokratischer Führung im Vergleich zu anderen Bundesländern sehr gut ab“.

Auch die FDP bekommt ihr Fett weg. Diese sei zwar für Mitbestimmung an Schulen, aber nicht in Betrieben. Das sei wenig fortschrittlich, sagt der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, und verspricht arbeitnehmerfreundliche Veränderungen des Betriebsverfassung- und des Personalvertretungsgesetzes, um Mitbestimmung im Wirtschaftsleben Wirklichkeit werden zu lassen.

Das moderne Deutschland braucht mehr Demokratie, sagt Brandt. Ein Vorgriff auf seine Regierungserklärung, die er am 28. Oktober halten wird. Deren­ Grundgedanke, „Wir wollen mehr Demokratie wagen“, wird später noch oft zitiert.
„Es genügt nicht, alle vier Jahre zur Wahl zu gehen, sondern es muss eine freiheitliche Durchdringung aller Bereiche“ erreicht werden, fordert Brandt in Biedenkopf.

Mit Blick auf die Außenpolitik sagt der gebürtige Lübecker: „Unsere Politik setzt nicht auf die Schwierigkeiten anderer, ebenso wenig wie wir Konflikte anheizen oder gar ausschlachten.“ Brandts Ziel bleibe eine gute Zusammenarbeit mit allen Nachbarn. Trotz aller Probleme vertraut er darauf, dass ein friedliches Zusammenleben ­aller Völker möglich ist.

Der Sozialdemokrat bezieht sich dabei auf die Niederschlagung des Prager Frühlings. In der Nacht zum 21. August 1968 marschierte das Militär mit 6 300 Panzern in die Tschechoslowakei ein – die Kampffahrzeuge kamen aus der DDR, Polen, Ungarn und der Sowjetunion. Das setzte den Liberalisierungs- und Demokratisierungsbemühungen der CSSR-Regierung ein jähes Ende.

Dann kritisiert der Außenminister die Machthaber der DDR. „Auch offenkundige Unwahrheiten“, die Bundesrepublik habe sich in die inneren ­Angelegenheiten der Tschechoslowakei eingemischt, „überdecken nicht die Rolle, die die DDR in dem Konflikt in der CSSR gespielt hat.“

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Zeitzeugen gesucht
Am 26. Oktober 2018 berichtet der Hamburger Medienwissenschaftler Dr. Hans-Jürgen Krug über die weitgehend vergessenen Anfänge des Wahlkampfes 1969. Die Veranstaltung „Es begann in Biedenkopf und Laasphe“ beginnt um 19 Uhr im Internationalen Radiomuseum in Bad Laasphe. Der Eintritt ist frei. Sollte Interesse bestehen, führt Krug vor dem Referat in die Grundlagen des Radiomachens ein. Zeitzeugen des Wahlkampfbeginns haben die Möglichkeit, ihre Erinnerungen gemeinsam aufzuzeichnen und für eine Radiosendung im Bürgerfunk aufzubereiten. Anmeldung nimmt der Betreiber des Radiomuseums, Hans Necker, unter der ­Telefonnummer 02752/9798 entgegen.

Doch schlägt der Sozialdemokrat gleich wieder moderate Töne an: Ein modernes Deutschland dürfe nicht Weltmacht ­alten Stils sein. „Die innere ­Sicherheit muss zwar gewährleistet sein“, sagt Brandt, „doch darf das nicht in militärischen Größenwahn ausarten.“

Ein halbes Jahr später wird der Sozialdemokrat als Bundeskanzler den DDR-Ministerpräsident Willi Stoph treffen. Zunächst in Erfurt und dann in Kassel läuten sie ein neues Kapitel der bundesdeutschen Ostpolitik ein: unter anderem die deutsch-deutsche Annäherung.

Der SPD-Kreisvorsitzende Karl Leinbach stellt in seiner Rede Brandts Erfolge als Außenminister heraus. Diese seien umso höher zu bewerten, weil der Koalitionspartner CDU mit entscheidenden Problemen nicht fertigwerde.
Staatssekretär im Auswärtigen Amt Gerd Jahn betont bei seinem Heimspiel, dass die Menschen im Hinterland 1966 unter den wirtschaftlichen Problemen des Landes besonders litten. Für diese Menschen wolle er seine Politik in Bonn fortsetzen. Viele Hinterländer sind auf den Marktplatz gekommen.

Gespannt lauschen sie den Rednern. Ebenso wie ein paar Urlauber, die ein Plakat in die Höhe halten. „Duisburger grüßen Willi“, steht darauf. Willi hinten mit „i“.

Während Brandts Rede setzt wiederholt Regen ein. Die 3.000 Zuhörer auf dem Marktplatz harren aus. Im Gegensatz zu ihnen wird der Kanzlerkandidat nicht nass. Einer seiner Mitarbeiter hält seinem Chef den Regenschirm. 
Nach etwa einer halben Stunde reist Brandt nach Laasphe weiter. Dort steht der nächste Wahlkampftermin an. Mehrere Hauptstadtjournalisten, Fotografen und TV-Reporter begleiten den Kanzlerkandidaten. Am Abend strahlt die Tagesschau Ausschnitte des Politikspektakels in der damaligen Kreisstadt deutschlandweit aus. Das ist tagelang Gesprächsthema Nummer eins im Hinterland.

Mittlerweile ist es bundespolitisch erheblich ruhiger ­geworden in Biedenkopf. SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz sprach im Wahlkampf 2017 vor einer ähnlich großen Menschenmenge wie Brandt – auch auf dem Marktplatz. Aber in Marburg.

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Von Brandts Wahl bis zum Rücktritt

Am 28. September 1969 wurde der 6. Deutsche Bundestag gewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 86,7 Prozent.

Auf die SPD entfielen 42,7 Prozent der Zweitstimmen, ihre Zahl der Sitze im Bonner Parlament stieg um 22 auf 224. CDU/CSU (46,1) blieben trotz drei verlorener Sitze mit 242 Sitze stärkste Fraktion. Die FDP (5,8) verlor zwar 19 Sitze, stellte aber noch 30 Abgeordnete. Im Wahlkreis Marburg-Biedenkopf holte die SPD 45,3 Prozent der Zweitstimmen (CDU 40,7) und SPD-Mann Gerd Jahn gewann mit 49,2 Prozent erneut das Direktmandat. Obwohl die Unionsparteien weiterhin die stärkste Fraktion in Bonn stellten, wählten die Abgeordneten von SPD und FDP am 21. Oktober 1969 Willy Brandt mit knapper Mehrheit zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler. Jahn wurde Justizminister.

Kanzler Brandt überstand im April 1972 im Bundestag ein konstruktives Misstrauensvotum. Im September des selben Jahres war die Koalition nicht mehr handlungsfähig. Der Bundespräsident löste das Parlament auf. Aus den Neuwahlen ging die SPD als stärkste Partei hervor. Brandt wurde erneut zum Bundeskanzler gewählt.

Am 6. Mai 1974 trat er als Regierungschef zurück, nachdem einer seiner engsten Mitarbeiter, Günter Guillaume, als DDR-Spion enttarnt war. Auch Minister Jahn nahm seinen Hut.

von Marcus Richter