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Hinterland „Wir wollen ja ausziehen“
Landkreis Hinterland „Wir wollen ja ausziehen“
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13:33 28.01.2021
Der frühere Parkhotel-Koch Dennis Vesper (links) und sein Lebensgefährte Steffen Ruppert wollen noch in der Wohnung im einstigen Hotel bleiben, bis sie eine neue Bleibe gefunden haben. Mit dem Hotelbetreiber ist ein Rechtsstreit entbrannt, und auch die Stadt ist gegen eine weitere Nutzung der Wohnung.
Der frühere Parkhotel-Koch Dennis Vesper (links) und sein Lebensgefährte Steffen Ruppert wollen noch in der Wohnung im einstigen Hotel bleiben, bis sie eine neue Bleibe gefunden haben. Mit dem Hotelbetreiber ist ein Rechtsstreit entbrannt, und auch die Stadt ist gegen eine weitere Nutzung der Wohnung. Quelle: Mark Adel
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Biedenkopf

Kündigung, Diebstahlsanzeige und Polizeieinsatz: Zwischen dem ehemaligen Betreiber des Parkhotels und Robin Vesper ist ein Streit entbrannt.

Auslöser: Der frühere Parkhotel-Koch möchte länger in seiner bisherigen Dienstwohnung bleiben. Pikantes Detail: In die Anlage wurde noch kräftig investiert, als das Gebäude längst dem Abriss geweiht war (siehe Kasten).

Die Wohnung ist fast leer. Der Fernseher steht noch, ein Bett, ein paar Utensilien im Bad, das Nötigste in der Küche. Mehr als acht Jahre lang hat Robin Vesper hier gelebt, in einem Seitentrakt des Biedenkopfer Parkhotels.

Dort hat er als Koch gearbeitet. Nun sollen er und sein Lebensgefährte die Wohnung räumen – zu kurzfristig, sagt er. Die Kündigung sei am 16. Dezember gekommen, mit Wirkung zum 31. Dezember.

Vermieter: Kündigung am 28. Oktober

Vesper und sein Lebensgefährte Steffen Ruppert blieben, nahmen sich einen Anwalt. „So kurzfristig vor Weihnachten eine neue Wohnung finden, und das während des Lockdowns, ist unmöglich“, sagt Ruppert. Dabei möchten sie fort. Vesper hat einen Job in einem Bad Laaspher Hotel gefunden. Sobald sie auch eine neue Wohnung haben, wollen sie das Hotel freiwillig verlassen.

Arne Mundt, Geschäftsführer der Hotelgruppe Halbersbacher, widerspricht der Darstellung. „Herrn Vesper wurde mit Übergabe des Kündigungsschreibens des Arbeitsverhältnisses am 28. Oktober 2020 ebenfalls mitgeteilt, dass er die Wohnung zum 30. Dezember 2020 zu räumen hat“, teilt er auf eine Presseanfrage mit. „Unter der Anwesenheit von Zeugen hat Herr Vesper diesen Termin auch bestätigt. Wir haben mit ihm eine Aufhebungsvereinbarung zum genannten Termin geschlossen, welche er nun ignoriert und abstreitet.“

Von Schließung aus Zeitung erfahren

Das tut er: „Hätten die das rechtzeitig gesagt, hätten wir sicher schon eine andere Wohnung“, sagt Vesper. Am 1. August 2012 hatte er im Hotel die Ausbildung zum Koch begonnen, seitdem auch dort gewohnt. Ein Mietvertrag wurde nicht geschlossen, die Miete sei aber monatlich vom Lohn abgezogen und auf der Abrechnung vermerkt worden. „Unser Anwalt sagt, das komme einem bestehenden Mietvertrag gleich“, sagt Vesper.

In der Küche habe er mit wechselnden Kollegen gearbeitet. „Ich war der einzige Koch, der blieb, andere kamen und gingen.“ Ständig seien ihm Versprechungen gemacht worden, dass er mehr Geld bekommen sollte. Auch als während des ersten Lockdowns im vergangenen Jahr der Küchenchef kündigte, blieb Vesper. „Ich war nie krank, immer zur Stelle.“ Seit dem ersten Lockdown habe er zeitweise alleine mit einer Spülhilfe in der Küche gearbeitet. Dann im Oktober der Schock: Das Hotel schließt. „Das habe ich aus der Zeitung erfahren.“

Unternehmen: Haben Vesper Hilfe angeboten

„Wir haben alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu dem Zeitpunkt informiert, an dem wir tatsächliche Sicherheit über die Einstellung des Betriebes hatten“, sagt hingegen Mundt. „Bereits einige Zeit davor haben wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darüber in Kenntnis gesetzt, dass es entsprechende Gespräche mit der Stadt gibt.“

Vesper sei „jede erdenkliche Hilfe“ angeboten worden. „Auch über die Tatsache, dass er die Wohnung mit seinem Lebensgefährten geteilt hat, ohne uns darüber in Kenntnis zu setzen, haben wir hinweggesehen“, sagt Mundt.

Das Unternehmen habe dem Paar unter anderem eine Wohnung und einen Arbeitsplatz im Dorint Parkhotel Siegen sowie eine Wohnung und einen Arbeitsplatz im Hotel „Das Bergmayr“ in Inzell angeboten. „Alternativ haben wir dazu ebenfalls eine mittlere vierstellige Abfindungszahlung netto angeboten – alle Angebote hat Herr Vesper durch seinen Anwalt ablehnen lassen“, berichtet Mundt.

Der frühere Betreiber des Parkhotels beschuldigt Dennis Vesper, diese Kaffeemaschinen gestohlen zu haben. Doch der sagt: Mitarbeiter hätten sich die Geräte mitnehmen dürfen. Am 21. Januar durchsuchten Kriminalbeamte die Wohnung von Vesper. Quelle: Mark Adel

Das bestätigt das Paar. Man habe kein Interesse, wolle lediglich etwas länger in der Wohnung bleiben: „Wir brauchen einfach noch ein bisschen Zeit“, sagt Ruppert. „Wir wollen ja ausziehen. Wenn wir eine Wohnung bekommen, sind wir sofort hier raus.“

Neuer Ärger droht dem Paar nun wegen einer Diebstahlsanzeige. Die Büroleiterin habe allen Mitarbeitern bei einer Abschiedsfeier gesagt, sie könnten sich ausrangierte Kaffeemaschinen aus dem Keller mitnehmen. „Das kann jeder Mitarbeiter bestätigen. Die wären sonst weggeworfen worden.“

Vesper nahm die verbliebenen Geräte, lagerte sie offen in seiner Wohnung. Die Halbersbacher GmbH erstattete Anzeige. Laut Ruppert haben am 21. Januar drei Kriminalbeamte die Zimmer durchsucht. Das Paar sieht darin eine zusätzliche Druckanwendung, um zum Auszug gezwungen zu werden.

Polizei-Pressesprecher Martin Ahlich bestätigt auf eine Presseanfrage hin den Einsatz und polizeiliche Ermittlungen, nennt mit Verweis auf das laufende Verfahren aber keine Details. Auch Mundt möchte sich nicht näher dazu ­äußern, erklärt aber: „Es ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht gestattet gewesen, ausrangierte Geräte mitzunehmen.“ Den Wert ­bezifferte er auf eine Summe im unteren vierstelligen Bereich.

Die Stadt hat in den vergangenen Jahren 590.000 Euro in den Brandschutz von Hotel und Bürgerhaus investiert, auch das Hotel musste sich beteiligen und hat unter anderem diese Fluchttreppe bauen lassen. Quelle: Mark Adel

Inzwischen ist das Hotel leer. Robin Vesper und Steffen Ruppert sind die letzten Bewohner – und verstehen nicht, warum noch im vergangenen Jahr in den Komplex investiert wurde. So habe es schon lange einen Wasserschaden im Bad ihrer Wohnung gegeben. Der sei dann im Herbst beseitigt worden – in diesem Zuge seien Bad und Flur „kernsaniert“ worden. „Zu dem Zeitpunkt stand fest, dass es nicht weitergeht“, sagt Ruppert. „Wir durften uns noch die Böden und Fliesen aussuchen.“

Thorsten Schmack, Bauamtsleiter der Stadt Biedenkopf, bestätigt die Arbeiten. „Es handelte sich nicht um eine Sanierung der Räumlichkeiten, sondern um die Abarbeitung eines Wasserschadens. Die Kosten hierfür, also die Behebung des Wasserschadens, sind als Versicherungsschaden anerkannt und werden somit auch durch die Versicherung getragen“, erklärt Schmack.

Stadt investierte noch halbe Million

In den Jahren 2019 und 2020 hat die Stadt Biedenkopf insgesamt 590.000 Euro in den Brandschutz von Bürgerhaus und Hotel investiert. Die Arbeiten liefen noch, als die Schließung schon beschlossen war. Dabei handelt es sich um das erste Maßnahmenpaket des Konzepts „Brandschutz im Bürgerhaus und Parkhotel Biedenkopf“.

Es enthielt unter anderem den Einbau einer Brandmeldeanlage und die Ertüchtigung der Sicherheitsbeleuchtung. Die Arbeiten seien 2020 abgeschlossen worden, „wobei im Rahmen von Mängelbehebungen beziehungsweise Restarbeiten Bautätigkeiten auch noch im Dezember 2020 stattfanden“.

Diese Restarbeiten seien trotz der bevorstehenden Schließung „zwingend notwendig“ gewesen, damit die Anlagen durch einen Sachverständigen abgenommen werden. Diese Abnahme sei Voraussetzung, damit die Arbeiten baurechtlich beendet sind und abgerechnet werden können.

Die Umsetzung des Brandschutzkonzeptes sei Voraussetzung für eine Nutzung des Gebäudes gewesen. „Demnach war die Stadt Biedenkopf verpflichtet, unter anderem eine Brandmeldeanlage zu errichten und zu betreiben“, erklärt Thorsten Schmack.

Eine Einstellung der Umsetzung hätte die Folge gehabt, dass der Betrieb ebenfalls sofort einzustellen gewesen wäre. Da der Betrieb erst Mitte Dezember 2020 eingestellt wurde, hätte die Stadt ihre vertraglichen Verpflichtungen gegenüber der GmbH verletzt und hätte sich so hohen Schadenersatzforderungen ausgesetzt gesehen.“

Aus Sicht der Stadt ist die Nutzung von Wohnungen im Gebäudekomplex ausgeschlossen. „Auch ist seitens der Stadt Biedenkopf nicht beabsichtigt, den Gebäudekomplex ganz oder in Teilen zukünftig entsprechend zu nutzen.“

Die Bewirtschaftungskosten und Gebäudeunterhalt sollten auf ein Minimum heruntergefahren werden. „Hierüber herrscht ein breiter politischer Konsens, um letztendlich Kosten einzusparen und etwaige Folgeinvestitionen zu vermeiden“, teilte Schmack mit. Die Stadt habe aber angeboten, das „vorübergehende kurzzeitige Verbleiben von Hausrat und Möbeln“ zu gestatten.

Von Mark Adel

Stadt Biedenkopf widerspricht

(Ergänzung, 28. Januar, 13.30 Uhr)

„Wir haben nicht kräftig investiert, und das Gebäude ist nicht dem Abriss geweiht.“ Darauf hat Bauamtsleiter Thorsten Schmack hingewiesen und bezieht sich auf Presseberichte über den ehemaligen Parkhotel-Koch Robin Vesper, der aus seiner Wohnung ausziehen soll.

Die Stadt Biedenkopf habe noch vertragliche Verpflichtungen im Parkhotel erfüllen müssen. Wie berichtet, waren die Restarbeiten deshalb „dringend notwendig“. Daneben seien nur „dringend notwendige Arbeiten“ ausgeführt worden sowie Schäden, die Versicherungen übernahmen.

Die Stadt hatte in den Jahren 2019 und 2020 rund 590.000 Euro in das Brandschutzkonzept gesteckt, auch der Hotelbetreiber habe investiert, weil die Schließung nicht absehbar war und die Auflösung des Vertrags erst im Oktober von den städtischen Gremien beschlossen wurde, sagte Schmack.

Von Mark Adel

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